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Brauchen wir mehr Alltag?

Die unerwartete Ausnahmesituation der vergangenen Wochen hat uns einigermaßen am falschen Fuß erwischt. An den Auswirkungen werden wir länger kiefeln. Haben wir die Normalität zu wenig geschätzt?

Der Alltag hatte bis zum 16. März einen schlechten Ruf. Er galt als fad, kleinbürgerlich und als vergeudete Lebenszeit. Inzwischen wissen wir mehr. Ein ganz simpler, ruhiger, unaufgeregter Alltag, das hat was. Frühstück, Mittagessen, Abend­essen, dazwischen Arbeit, Sport, Familie und Freunde treffen, einkaufen, putzen. Wollten wir je mehr? Ja, klar. Wir wollten unsere Lebenszeit bestmöglich nutzen, so viel wie möglich erleben. „Das Leben als letzte Gelegenheit“ – so formulierte die Soziologin Marianne Gronemeyer diesen Anspruch pointiert. Gemeint war: Wenn es keine Transzendenz gibt, also das Leben nur zwischen dessen materiellem Anfang und Ende angesiedelt ist, muss man jede Minute nützen. Es ließe sich aber auch argumentieren, dass etwas zu erleben einfach schöner ist als der immer wiederkehrende Alltag. Wer alt ist und allein lebt, wer nicht mehr mobil ist, weiß ein Lied davon zu singen. Da dürfte es manchmal wirklich mehr Abwechslung sein. Das menschliche Bedürfnis nach Höhepunkten, nach dem Überschreiten des Immergleichen, ist nicht neu. Ob Sonnwendfeuer oder Taufe, ob Ostern oder Muttertag, Advent oder Sommerfest der freiwilligen Feuerwehr, in der Struktur des Lebens braucht es Ausnahmen vom Gewohnten. Mehr als das, es braucht Festliches und Schönes, Erhabenes und Exzess, den Rausch und die darauffolgende Askese. Auch die persönlichen Höhepunkte des Lebens möchten wir als etwas Besonderes erleben. Wenn Hochzeiten, Taufen und Begräbnisse auf das Notwendigste und einige wenige Gäste reduziert werden, schmerzt das fast mehr als eine totale Absage. Wir möchten den Alltag und die Feste miteinander teilen. Wussten wir das nicht schon immer?

Aber zurück zum Alltag. Im Wort ist zusammengefasst, was gemeint ist: So ist es alle Tage. Als man uns in Quarantäne geschickt hat, lautete die erste Botschaft der PsychologInnen: Schaffen Sie sich eine Tagesstruktur, machen Sie wenn möglich jeden Tag zur selben Zeit das Gleiche. Alltag gibt uns auf diese Weise Halt. Wir müssen nicht dauernd neu entscheiden, was wir mit der vor uns liegenden Zeit machen wollen. Alltag ist Routine. „Immerfort dasselbe machen“, so erzählte es mir auch eine über 100-jährige Dame, als ich sie nach ihrem Rezept für langes Leben gefragt habe. Disziplin sei wichtig, denn nur dann gewinne man Zeit für das, was man wirklich gerne macht. In ihrem Fall war es das Klavierspiel. Aber auch da war klar, dass drei Stunden jeden Vormittag ihrem Tasteninstrument vorbehalten waren. Die Leidenschaft war in den Alltag des Übens integriert. Disziplin bestehe, meinte sie, aus einem starken Willen und einem großen Ehrgeiz. Manchmal muss man tatsächlich für den Alltag mehr starken Willen aufbringen als für die Ausnahmen. Wer bucht nicht lieber eine Reise, als jeden Tag wieder seine Turnübungen zu machen? Wer möchte nicht lieber durch einen Lottogewinn mit einem Schlag alle Träume erfüllt sehen als durch tägliche Arbeit und zizerlweises Sparen auf ein Ziel hin?

Nach den Erfahrungen der Isolation wissen wir: Alltag und – noch dazu erzwungene – Häuslichkeit sollte man nicht verwechseln. Alltag im Sinne einer sinnstiftenden Struktur haben wir aber durchaus vermisst. Ein paarmal musste ich an die Lebensweise von Ordensmenschen denken. Ihr Alltag ist durchstrukturiert. Die Zeiten von Arbeit und Muße sind geregelt und müssen nicht jeden Tag neu definiert werden. Die ausgewogene geistliche und körperliche Ernährung ist in den Alltag integriert und muss nicht ständig neu verhandelt werden.

Der Alltag der Routinen, die wir gottlob meist auch selbst festlegen können, scheint doch so etwas wie das Fundament all dessen zu sein, worauf wir uns sonst im Leben freuen. Ich meinerseits erwarte den gewohnten Alltag mit einiger Sehnsucht. 

Christine Haiden meint,  dass der Alltag zu Unrecht einen schlechten Ruf hat.

Was ist Alltag?

Beim täglichen Hundespaziergang das freundliche „Guten Morgen“ der Nachbarin, der Briefträger, der jeden zweiten Tag gegen Mittag kommt, das Wäschewaschen am Samstag und das Bügeln am Sonntag, Licht aus um kurz vor 10 Uhr abends – unser Leben ist geprägt von gewohnheitsmäßigen Abläufen. Sie wiederholen sich im Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahresrhythmus. Wie wir uns im Alltag verhalten, ist Teil unserer Kultur und sagt auch viel über unser eigenes Leben aus. Unser Sozialverhalten, zum Beispiel mit wem wir wann reden, wie und wo wir andere treffen, mischt eigene und fremde Routinen des Alltags. Das komplexe Gewebe von Alltäglichkeit lässt die Sterne des Außergewöhnlichen darin besonders hell funkeln. Feste und Feiern, Erlebnisse im Guten wie im Schlechten, werden aber auch ihrerseits wieder in den Alltag von Gesellschaften und Kulturen integriert. Alltag scheint für alle Menschen wichtig, um das Leben bewältigen zu können. Der Ausnahme­zustand ist der psychischen Gesundheit nur begrenzt zuträglich.

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