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12/22

„Bei uns steht das Leben im Vordergrund“

„Bei uns steht das Leben im Vordergrund“

Tod und Trauer sind nach wie vor Tabuthemen, über die kaum gesprochen wird, sofern man nicht darüber sprechen muss. Cornelia Baumann und Nadine Guntner sind als Leiterinnen der St. Barbara Hospize in Linz bzw. Ried/Innkreis täglich mit diesem Thema konfrontiert. Ein Gespräch über Herausforderungen, die vielen schönen Seiten des Berufs und den Sinn des Lebens.

„Dem Tag mehr Leben geben, nicht dem Leben mehr Tage.“ Fasst dieses Zitat, das auf der Website der St. Barbara Hospize zu finden ist, in einem Satz zusammen, was Hospizarbeit ausmacht?

Nadine Guntner: Auf jeden Fall, das kann nur unterstrichen werden. Das ist ein sehr bekanntes Zitat von Cicely Saunders, die quasi die Begründerin der Hospizbewegung ist. Bei uns geht es um Lebensqualität bis zum Schluss – deshalb habe ich lieber den Tag so ausgefüllt, wie es für den Menschen, den Bewohner passt und wie es an diesem Tag für ihn in Ordnung ist, als dass es viele Tage sind, die nicht genützt sind.

Cornelia Baumann: Dem stimme ich natürlich zu. Ich habe für das Hospiz sowie für mich auch noch eine eigene Definition, weil mir folgendes ganz wichtig ist: „Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl.“ Die, die bei uns einziehen, sind hier auch wirklich zuhause und sollen sich das so gestalten und sollen den Tag so leben, wie es für sie passt.

 

Sie sprechen von einem Zuhause. Ist das die Art der Hospizversorgung, die von Ihnen gelebt wird oder gibt es verschiedene Arten?

Baumann: Wir sind ein stationäres Hospiz. Das heißt, wenn sich jemand dazu entscheidet, seine letzten Lebenstage oder Lebenswege in einem Hospiz zu verbringen, dann zieht er wirklich bei uns ein. Er ist tatsächlich hier zuhause, was so weit geht, dass er allenfalls auch seinen Wohnsitz hierher verlegt und den dazugehörigen Meldezettel ausfüllt.

 

Mit ein Grund, warum man sich für das Hospiz entscheidet, ist wohl auch der, die letzten Tage nicht (allein) zuhause zu verbringen. Welche Rolle nehmen in dieser Phase des Lebens die BegleiterInnen ein?

Guntner: Oberstes Kriterium ist, Hospiz und Palliativ zu unterscheiden. Auf der Palliativstation „passiert“ noch viel Medizin, viel Therapie, der Fokus liegt auf der Symptomkontrolle etc. Bei uns im Hospiz sind die Begleitung, die Pflege, die Zuwendung und die Zeitressourcen im Vordergrund. Begleitung ist das A und O, deswegen sind wir da wirklich gut aufgestellt – von der Pflegekraft über die Seelsorge, von der klinischen Psychologie bis hin zu freiwilligen ehrenamtlichen Mitarbeitern.

 

Gerade die letzte Lebensphase ist eine, in der viele Menschen Resümee ziehen: Wie war das eigene Leben? Was war gut, was war weniger gut? Ist das eine besondere Herausforderung für die BegleiterInnen?

Guntner: Die Reflexion am Lebensende ist ein Riesenthema. Da flackert immer wieder noch etwas auf, was im Leben vielleicht nicht geklärt wurde – wenn es Dinge gibt, die noch geklärt werden müssen, weil die Zeit voranschreitet. Das geht vom Hausverkauf bis hin zum Klären der Erbanteile bis hin zu Familienstreitigkeiten – um das ganze Negative zusammenzufassen. Aber natürlich geht es auch um Positives. Man möchte bestimmte Menschen noch einmal sehen, die einen in gewissen Lebensabschnitten begleitet haben. Wir arbeiten bezüglich letzter Wünsche auch mit dem Wunschmobil des Roten Kreuzes sowie dem Verein „Rollende Engel“ zusammen.

 

Ist aus den genannten Gründen die Unterstützung von Profis in der letzten Lebensphase sinnvoll? Die Menschen, die bei Ihnen sind, sind ja de facto damit konfrontiert, in einer Phase des Lebens zu sein, in der nicht mehr viel Zeit bleibt.

Baumann: Unsere Bewohner sind – ihre Situation betreffend – vollends aufgeklärt. Es ist nicht so, dass wir mit Bewohnern konfrontiert sind, die aufgrund einer Aussicht auf Genesung noch Hoffnung schöpfen. Die letzten Wünsche zu erfüllen, ist großartig und sei es nur, das letzte Mal die Füße in einen See zu stecken – also für uns vielleicht banale, selbstverständliche Dinge. Wir können darüber hinaus auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bauen – Pflegepersonen, Sozialpädagogik und -arbeit, Mediziner, Seelsorge, Physiotherapeuten, Musiktherapeuten, Hundetherapeuten, etc. Also wirklich Professionen quer durch die Bank ermöglichen das Leben im Hospiz. Jeder ist in seinem Metier, in seiner Situation der Profi. Wir können alles anbieten. Ich sage bei mir im Hospiz stets: „Alles kann, alles darf, nichts muss.“ Die letzte Lebensphase soll man gut und schön genießen. Keiner sitzt bei uns im Zimmer und wartet auf das Sterben. Das möchte ich auch noch klar sagen.

Guntner: Das stimmt. Bei uns steht das Leben im Vordergrund.

Baumann: Es wird gefeiert und gelacht. Uns ist es wichtig, dass wir den Jahreskreis feiern, wie zum Beispiel mit dem Oktober- und Erntedankfest. Dann kommt die Adventzeit, da wird gemeinsam ein Adventkranz gebunden oder Punsch getrunken. Das Angebot steht und wer mitmacht, ist dazu herzlich eingeladen – auch Angehörige natürlich.

 

Sie sagen, man feiert im Hospiz das Leben. Aber ist es nicht belastend, zu wissen, dass es mit diesen Menschen, mit denen man feiert, das letzte Erntedankfest, das letzte Weihnachten ist? Weil sie im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein werden…

Guntner: Jene, die in diesem Bereich arbeiten, wissen im Grunde, worauf sie sich einlassen. Ich bin seit zwölf Jahren in der Hospiz- und Palliativversorgung und man entwickelt da schon eine gewisse professionelle Distanz. Natürlich: Der eine geht einem näher, der andere geht einem vielleicht nicht so nahe. Aber wir machen für unsere Mitarbeiter ganz viel. Wichtig ist, dass wir immer ein offenes Ohr haben, dass es Supervisionen gibt, dass es die Möglichkeit für Einzelsupervisionen gibt, dass einfach ein professioneller Umgang stattfindet. Es darf alles Platz haben im Team. Es wird immer welche geben, die auch mitweinen. Das geht uns selbst auch oft so. Das ist aber auch völlig authentisch, weil wir alle nur Menschen sind. Dennoch sehen wir es als Riesengeschenk, dass wir die uns anvertrauten Menschen begleiten dürfen. Wir haben zum Beispiel heuer einen Geburtstag von einem Bewohner gefeiert – mit Torte und allem Drum und Dran. Und er meinte: „Jetzt habe ich 74 Jahre alt werden müssen, dass ich den schönsten Geburtstag in meinem Leben feiere.“ Und da denke ich mir, mehr brauche ich gar nicht – das ist wunderschön.

„Die meisten ziehen nicht ins Hospiz ein und öffnen sich am ersten Tag. Das kommt peu à peu und so entsteht ein wachsender Kontakt zu den Bewohnern.“

Der Tod gehört zum Leben – das wird uns auch gerade um Allerheiligen bewusst. Warum ist es aus Ihrer Erfahrung dennoch so schwer, über dieses Thema zu sprechen?

Baumann: Vielleicht ist es das „Wahrhabenwollen“ mit dem Lebensende und dann auch einmal mit dem eigenen Lebensende. Wir haben oft Angehörige, die das ganz, ganz schwer vertragen oder mittragen, dass die Oma oder die Mutter hier sterben wird, dass das wirklich der letzte Gang ist. Es gibt Fälle, in denen der Bewohner selbst viel mehr im Klaren ist als die An- und Zugehörigen selbst.

 

Das heißt, der Bewohner/die Bewohnerin hat für sich mit dem Leben bereits abgeschlossen, die Angehörigen teilweise aber noch nicht?

Baumann: Genau, die hadern oft noch. Manche Angehörige machen sich viele Gedanken, verspüren beim Umzug mehr „Stress“ oder Ungewissheit als der Bewohner selbst, weil sich der vielleicht schon länger mit dem Einzug ins Hospiz beschäftigt. Die An- und Zugehörigen werden dann „mitabgeholt“. Das gehört einfach dazu.

Guntner: Die Angehörigen sind auch die, die zurückbleiben. Die müssen sich unweigerlich damit beschäftigen, während der Bewohner irgendwann nicht mehr da ist. Der Betroffene hat während den Auf und Abs der Therapie und der Erkrankung immer wieder mit manchen Dingen abgeschlossen, ein Stück Hoffnung hinter sich gelassen – aber der Angehörige bleibt zurück. Darum ist es so wichtig, dass wir sie mit ins Boot holen und mitbegleiten, auch bis über den Tod hinaus – was dann schon in eine Trauerbegleitung übergeht, denn es ist mit dem Tod im Hospiz nicht vorbei. Wir sind weiterhin Ansprechpartner. Und warum sich viele nicht mit dem Tod beschäftigen, das ist einfach ein gesellschaftliches Thema. In unserer Gesellschaft gibt es Themen, über die nicht gesprochen wird.

 

Ist der Tod also ein Tabuthema?

Guntner: Ja, definitiv. Deshalb sehen wir uns auch irgendwo als Botschafter, Multiplikatoren – um mitzuteilen: Reden wir darüber. Früher habe ich nie gesagt, wo ich arbeite. Das mache ich mittlerweile schon, weil ich mir denke, es darf auch einmal darüber geredet werden. Da bin ich auf einer Feier auch einmal der „Party-Crasher“, wenn damit Menschen – und wenn es nur drei von 20 sind – abgeholt und zum Nachdenken angeregt werden. Wir müssen schon bei den Kleinsten, bei den Kindern, ansetzen. Da gibt es auch ganz tolle Projekte vom Dachverband Hospiz, bei denen Ehrenamtliche in die Schulen gehen und dieses Thema „spielerisch“ für die jeweilige Altersgruppe aufbereitet vermitteln.

 

Ich behaupte, Sie haben dennoch keinen Beruf, bei dem man die Bürotür hinter sich schließt und damit der Tag abgeschlossen ist. Wie geht man persönlich mit Tod und Trauer um? Oder gibt es hier kein Allheilmittel, weil jeder Mensch anders ist?

Baumann: Ein Allheilmittel gibt es nicht, weil eben jeder Mensch anders ist und weil auch jeder Tod, den man miterlebt, anders ist. Unsere Bewohner haben ja eine unterschiedliche Aufenthaltszeit. Lebt jemand nur wenige Tage bei uns, ist das im Beziehungsaufbau natürlich eine andere zeitliche Komponente als bei jemandem, der schon ein paar Wochen da ist und den man einfach besser kennengelernt hat. Die meisten ziehen nicht ins Hospiz ein und öffnen sich am ersten Tag. Das kommt peu à peu und so entsteht ein wachsender Kontakt zu den Bewohnern. Es gibt auch Bewohner, die uns nur in bestimmte Themen einblicken lassen. Das lassen wir klarerweise genauso zu, weil das einfach der Mensch und sein Charakter ist und es steht uns nicht zu, ihn in irgendeiner Weise zu etwas zu drängen.

„In der Individualität der Sterbe- und Trauerbegleitung liegt auch die Würde, die man dem Bewohner und seinen An- und Zugehörigen schenkt.“

Wie kann man dennoch helfen, dass man nach einem (im besten Fall) erfüllten Leben auch einen würdevollen Tod beschert?

Baumann: Das ist ganz individuell – jeder Sterbeprozess, jeder Trauerprozess. Und in der Individualität der Sterbe- und Trauerbegleitung liegt auch die Würde, die man dem Bewohner und seinen An- und Zugehörigen schenkt.

Guntner: In enger Zusammenarbeit mit Angehörigen und Zugehörigen – Freunde sind manchmal viel wichtiger als die direkte Familie – versuchen wir, möglichst das in Erfahrung zu bringen, was wir brauchen. Damit wir wissen, welche Gerüche oder Geschmäcker der Betroffene mag, um zum Beispiel eine angepasste, individuelle Mundpflege zu machen. Und wenn er das mit Sekt haben will, dann bekommt er das mit Sekt.

 

Es geht also darum, die positiven Erfahrungen des Lebens in Erinnerung zu rufen?

Guntner: Genau. Dinge, die von der Biografie her für den Menschen wichtig waren oder wichtig sind. Und wir sprechen beispielsweise auch an – und das ist sehr unterschiedlich –, was die Kleidung für den letzten Weg sein soll. Dem einen ist es wichtig, dass er im Zwirn im Bett liegt und die Angehörigen sich von ihm verabschieden können. Die nächste sagt, sie will ihr Seiden-Negligé tragen, das sie immer zum Schlafen angehabt habe. Wir haben dafür extra Kleiderbügel designen lassen, an denen das Ausgesuchte aufgehängt wird. Dann weiß jeder: Was auf diesem Kleiderbügel hängt, ist die Kleidung für den letzten Weg. Das ist oft auch ein „Türöffner“, dies anzusprechen. Man hört heraus: Was ist mir wichtig, wer ist mir wichtig, wenn ich sterben muss? Die Leute beschäftigen sich ja damit.

 

Von den BewohnerInnen zu den Mitarbeitern bzw. Mitarbeiterinnen in erster Linie. Warum ist gerade auch die Hospizversorgung weiblich?

Guntner: Ich glaube, dass der ganze Pflegebereich einfach weiblich ist. Man kennt es von Zentralaufnahme, Intensivstationen und Anästhesie – da sind viel mehr männliche Kollegen, mehr als auf anderen Stationen. Und bei uns ist es einfach sehr weiblich, das stimmt.

 

Ist das – um ein Klischee zu bedienen –, weil Frauen vielleicht sozialer sind?

Guntner: Nein, das würde ich jetzt gar nicht sagen.

Baumann: Nein, das denke ich auch nicht.

 

Oder können Frauen mit dem Thema Tod und Trauer besser umgehen?

Guntner: Das würde ich sogar unterstreichen, dass Frauen vielleicht manche Dinge mehr reflektieren und einfach auch einen besseren Zugang zu dem Themengebiet oder Aufgabengebiet haben. Und dass sie auch im Nachhinein, wenn sie heimgehen, mit dem Erlebten besser umgehen können. Aber dennoch ist das schon in den letzten Jahren gewachsen, dass auch Männer in der Hospiz- und Palliativversorgung tätig sind.

 

Was sind für Sie die Beweggründe, in diesem Bereich zu arbeiten?

Baumann: Mir ist es wichtig, dass die letzten Lebenswege und die letzte Lebenszeit gut genützt sind, dass da noch eine Erfüllung stattfindet. Wie gesagt, es ist nicht ein Aufs-Sterben-Warten oder: Wann ist mein letzter Tag? Sondern mitbegleiten, Unterstützer zu sein – sozusagen ein „Möglichkeitengeber“.

Guntner: Ich habe einen sehr persönlichen Beweggrund. Ich habe vor zwölf Jahren meinen Vater an einem Akutereignis verloren und wir sind damals nicht begleitet worden. Ich war noch sehr jung und hochschwanger. Und ich habe mir zum Ziel gesetzt: Ich will das anders machen, ich will das besser machen, ich will für die Menschen da sein. Das war mein Einstieg in die Hospiz- und Palliativversorgung.

 

Gerade wenn es Richtung Lebensende geht, wird häufig auch die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Stellt man sich diese manchmal selbst auch?

Guntner: Auf jeden Fall und ich glaube, dass alle, die in diesem Bereich arbeiten und täglich mit Tod und Sterben konfrontiert sind – weil unweigerlich wissen wir ja, was wir hier machen und was wir für unsere Bewohner gestalten und was der bittere Ausgang ist –, sehr reflektierte Persönlichkeiten sind, sonst könnten wir nicht in dem Bereich arbeiten. Somit glaube ich, denken wir annähernd täglich darüber nach: Ist es das, was ich will? Bei Entscheidungen im privaten Setting oder auch im beruflichen ist das sicher immer allgegenwärtig, dass man sich das fragt: Ist das das Richtige?

 

Gibt es ein Leben nach dem Leben? Mit welcher Einstellung arbeitet man hier?

Guntner: Also wir sagen das zu unseren Bewohnern schon, wenn die Frage kommt oder der Wunsch bzw. Gedanke. Dann sage ich: Naja, es kann keiner sagen, ob man sich wieder sieht, aber wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, dann sagen wir immer: Trinken wir nochmal ein Gläschen miteinander!

Gesprächspartnerinnen:

Cornelia Baumann, 36 Jahre, Hospizleitung Linz (seit Juni 2022)

Nadine Guntner, 33 Jahre, Hospizleitung Ried (seit Februar 2022)