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Aus Liebe zum Recycling

Zwei Schwestern, eine Mission: Die Grazerinnen Susanne Meininger und Bettina Reichl setzen auf Ökoverpackungen – und das schon seit fast drei Jahrzehnten.

Wenn voraussichtlich zu Neujahr in ­Österreich Plastiksackerl verboten werden, prosten einander zwei wohl besonders glücklich zu: die Schwestern ­Susanne ­Meininger und Bettina Reichl. Sie haben bereits Alter­nativen zu Plastikbehältnissen entwickelt, als das Bewusstsein für ökologische Verpackungen noch kaum vorhanden war. Anfang der 1990er-­Jahre gingen sie mit dem Familienunternehmen „VPZ Verpackungs­zentrum“ im Westen von Graz an das Erforschen neuer Produkte: Schaumstoff aus Algen, Folien aus Pflanzen, Netze aus Buchenholz. „Wir waren zu früh dran, aber sehr idealistisch“, sagen die Schwestern. „Jeder andere hätte aufgegeben.“ Ihr Motor war nicht primär wirtschaftliches Kalkül, sondern vor allem die persönliche Überzeugung, dass für die Umwelt etwas getan werden müsse.
Das Standvermögen der beiden sollte sich lohnen. Der Durchbruch kam vor sechs Jahren, als der Lebensmittelkonzern REWE auf Druck der KonsumentInnen für sein Bio-Angebot „Ja! Natürlich“ auf Zellulosenetze aus Buchenholz für Obst und Gemüse umstieg. „Heute werden wir als Seismograf in unserer Branche angesehen. Wir genießen international hohes Vertrauen“, freut sich Bettina Reichl, die in der Firma für Forschung und Kommunikation zuständig ist. Die um ein Jahr ältere Schwester ­Susanne ist Geschäftsführerin.

WIE DER VATER, SO DIE TÖCHTER
Wie aber ist es zu dem visionären Engagement der beiden gekommen? Dazu muss man in der Familiengeschichte eine Generation zurückgehen. ­Susanne Meininger und Bettina Reichls heute 78-jähriger Vater Helmut Meininger war als Flüchtling aus Tschechien nach Österreich gekommen und musste sich hier eine neue Existenz aufbauen. Schon als junger Mensch hat er seine Liebe zum Recycling entdeckt und mit Alteisen gehandelt. „Seine Abneigung gegen Verschwendung hat er uns weitergegeben, wir haben nichts weggeschmissen“, so die Töchter. 1982 gründete Helmut Meininger das „VPZ Verpackungszentrum“ noch als klassisches Handelshaus für Lebensmittelverpackungen und übergab es sieben Jahre später an seine ältere Tochter Susanne, eine gelernte Drogistin. Anfangs arbeitete auch seine Frau mit.
Als Mastermind ist Helmut Meininger weiterhin im Unternehmen tätig und konnte im vergangenen Jahr in Australien den „WorldStar Packaging Award“, den wichtigsten Preis der Verpackungsbranche, entgegennehmen. Der Seniorchef war es auch, der 1992 den Anstoß zur ökologischen Produktentwicklung gab. Der Algenteppich an der Oberen Adria, der Urlaubermassen zu den Kärntner Seen umlenkte, brachte ihn zum Nachdenken: Könnten die unliebsamen Wasserlebewesen nicht als Rohstoff für die Verpackungsindustrie dienen? Gemeinsam mit der Technischen Universität Graz und einer Universität in Chile wurde so ein neues Verfahren zur Produktion von umweltfreundlichen Schaumstoffen entwickelt. Das Algenprojekt wird nun, da die Zeit reif ist, neu gestartet. „Die Türen sind offen“, freut sich Bettina Reichl.

AUCH EINE FRAGE DER OPTIK
Zur biogenen Produktpalette des VPZ gehören biologisch abbaubare und kompostierbare Stärke-­Tragetaschen, Schalen aus Reststoffen der Zucker­produktion, Holzbestecke und Becher aus Dextrose. Ein Verdienst des Verpackungszentrums ist auch die Wiedereinführung der Holzschliffverpackungen für Beeren, Steinobst und Eier, die zwischenzeitlich von Plastikbechern verdrängt wurden. Sie sind kompostierbar oder können mit dem Altpapier recycelt werden. Und sie entsprechen dem heutigen Geschmack: „Die Naturoptik ist zu einem wichtigen Designelement geworden. Heute will keiner mehr glitzerndes Plastik“, erklärt ­Bettina Reichl, die auch als Modedesignerin tätig ist. Dass ihre beiden Standbeine gut vereinbar sind, bewies sie bereits bei ihrem Einstand in der Firma: Sie kreierte 1992 eine Modenschau aus Verpackungsmaterialien, die insgesamt 20-mal in ganz Österreich gezeigt wurde. Die ­Kreativwerkstatt ist heute aus dem VPZ nicht mehr wegzudenken, davon zeugen nicht nur zahlreiche Kooperationen mit Kulturveranstaltern. „Bei uns sind Designer schon bei der Materialentwicklung dabei“, so Reichl.

DAVID GEGEN GOLIATH
Kreativität, Optimismus und Standfestigkeit benötigten die Schwestern auch in der Auseinandersetzung mit den Lobbys der Plastik- und Erdölindus­trie. „Teilweise sind sie in Projekte eingestiegen, um uns zu bremsen“, erzählt Geschäftsführerin Meininger. Als sie die Webtechnik für einen Baumwollsack als Patent einreichten, erhob das internationale Mineralölunternehmen „British Petrol“ Einspruch. „Wir haben gewonnen“, berichtet Susanne ­Meininger stolz.
Wenn das Plastiksackerlverbot Realität wird, haben zwei Grazer Schwestern wieder einen Etappensieg errungen. Doch es gibt noch viel zu tun. „Ein Müllteppich in der Größe Zentraleuropas treibt nach wie vor im Pazifik“, so Susanne Meininger. Hoffnung gibt ihnen die Klimabewegung, die wesentlich von der Jugend getragen wird. Gemeinsamkeit macht stark, das wissen die beiden. www.vpz.at

Susanne Meininger und Bettina Reichl sind überzeugt, dass umweltschädliches Plastik keine Zukunft hat. Sie entwickeln Alternativen.

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