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Antike Fabel aufgefrischt

Ein Rabe sorgt für Aufruhr im sonst so friedlichen Winterwald. Kein melodisches Vogelgezwitscher weckt die Tiere sanft wie an gewöhnlichen Tagen zur Morgendämmerung. Nein, an diesem Tag war alles anders!

„Mit seinem »KRA – KRA – KRA!« rüttelte er die Waldbewohner besonders früh aus dem Schlaf. Es war sein Hunger, der ihn so laut krächzen ließ“.

Kleine Kinder kennen das. Die Großen schlafen noch, aber der knurrende Magen treibt dazu, die Versorger*innen zu wecken, hungrig und putzmunter wie ein Vogelkind. Ein geschickter Einstieg ist das, den Judith Auer da gewählt hat, und mit dem sie ihr Publikum sofort für ihre Geschichte gewinnt.

Sie zeigt uns zu Beginn den „weit entfernten Wald“ in Vogelperspektive mit den erwachenden Tieren, winzig klein und bunt wie Spielzeug zwischen den blauen Tannenbäumchen vor weißer Schneedecke: ein gelber Bär, ein grünes Wildschwein mit vier Frischlingen, ein roter Hirsch, zwei Waschbären, ein Dachs … und auch der Fuchs ist ganz links bereits zu sehen. Harmlos und grazil, beinahe lieblich.

Der Rabe schwingt sich hoch, im Großformat füllt er fast das ganze Bild aus. Und er dreht ein paar Runden, „um nach einem geeigneten Frühstück Ausschau zu halten“. Im nahe gelegenen Dorf stibitzt er ein Stück Käse – vielleicht aus einer Speisekammer, vielleicht sogar vom Frühstückstisch. Schau, da steht eine Tür offen! Und hinter der Hausecke guckt jemand dem diebischen Raben überrascht hinterher.

Der verzieht sich mit dem Leckerbissen auf einen hohen Baum. Die Tiere des Waldes stehen einhellig staunend darunter und blicken sehnsüchtig empor zum Raben, der unter keinen Umständen teilen will. Wieder eine Situation, die Kindern vertraut ist. Die Blicke der anderen sagen mir, eigentlich sollte ich etwas hergeben. Aber ich will doch alles für mich behalten. Ich verstecke mich schnell, damit ich beim genüsslichen Schmausen nur ja nicht aufgestöbert werde!

Nun erscheint der Fuchs auf der Bildfläche. Es wird spannend. Er schleicht heran, füllt in kräftigem Rot eine ganze Doppelseite. Eindeutig ist er der Beherrscher der weiteren Handlung. Mit Eleganz schreitet er über die Bildmitte, schmiegt sich geschmeidig um den Baumstamm herum. Der Schwung seines buschigen Schwanzes ist ebenso graziös wie seine einschmeichelnden Worte, die er mit klarer Absicht an den Raben richtet.

Wie es ihm mit List gelingt, an das Stück Käse zu gelangen, das erzählt die von Äsop aus der Antike überlieferte Fabel „Der Rabe und der Fuchs“ in verschiedenen Versionen immer wieder neu. Das Ergebnis ist am Schluss immer dasselbe: Der Rabe lässt sich täuschen und der Fuchs geht als Sieger hervor. Allgemeine Gültigkeit besitzt die Aussage „Vorsicht vor falschen Schmeicheleien“ nach wie vor. Wer etwas von dir will, der könnte das auf ganz unerwartete Art zu erreichen versuchen. Und umgekehrt, wenn du nicht zu teilen bereit bist, könnte es dir schlecht ergehen. Sich hineinzuversetzen in den gierigen Raben genauso wie in den schlauen Fuchs, der auch nur auf seinen Vorteil bedacht und keinesfalls zu teilen bereit ist, das gibt Anstoß für vielfältige Gespräche. Was wäre wenn? Was wäre geschehen, hätte sich der Rabe anders verhalten?

Judith Auer verlegt den Handlungsort der antiken Fabel ins winterlich-skandinavische Ambiente. Sie abstrahiert die Formen gekonnt. Mit perfekt schraffierten Buntstiftzeichnungen auf strukturiertem Papier schafft sie Körper, die wie gedrechselt wirken. Um die sanften Farbverläufe so harmonisch hinzubekommen, hätte sie teilweise sogar mit der Lupe gearbeitet, wie sie mir erzählt. Erlernt hat sie diese und andere analoge Techniken im Rahmen ihres einjährigen Masterstudiums für Illustration in Italien, genauer gesagt in Macerata in der Nähe von Ancona. Trotz der Perfektion wirken ihre Figuren nicht kühl, sondern bringen Emotionen deutlich zum Ausdruck. Die Wut des betrogenen Raben wird allein durch die Krümmung seiner Flügelfedern spürbar, die Überheblichkeit des Fuchses ist durch seine Körperhaltung präsent. Im Spannungshöhepunkt, als das Stück Käse aus dem geöffneten Schnabel des verzückt singenden Raben ins ebenso weit geöffnete Maul des Fuchses fällt, zoomt das Bild unseren Blick ganz nah an die Kontrahenten heran. Der Wechsel der Perspektiven erzeugt Spannung. Schon kleine Kinder, wie der zweieinhalbjährige Neffe der Illustratorin, sprechen auf die kräftigen Farben an und sind von „Ein Stück Käse“ hellauf begeistert. Ein eindrucksvolles Bilderbuchdebut, das eine der beliebtesten Fabeln nun auch für ein junges Publikum zugänglich macht.

Judith Auer lebt und arbeitet in Linz. Sie ist an der Kunstuniversität als Lektorin für Illustration tätig.

Judith Auer:
Ein Stück Käse
Verlag Kunstanstifter

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Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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