Aktuelle
Ausgabe
10/22

Annie Jump Cannon: Die Sternensortiererin

Annie Jump Cannon: Die Sternensortiererin

Die Astronomin Annie Jump Cannon entwickelte ein System, um Sterne zu klassifizieren. Als Frau im 19. Jahrhundert schrieb sie ihren Namen in die Geschichte der Astronomie ein – und für immer an den Himmel.

Wenn die Nacht langsam ihr Elternhaus einhüllt, greift Annie nach der Hand ihrer Mutter. Gemeinsam steigen sie über die knarrende Treppe hinauf zum Dachboden und stoßen das Fenster auf. Von hier oben können sie den Nachthimmel sehen, wie er sich sternenübersät über Delaware spannt. Ihre Mutter schlägt das alte Astronomiebuch in ihrem Schoß auf und zeichnet mit den Fingern ein Sternbild nach dem anderen nach. Und Annie sucht die tausenden funkelnden Punkte am Himmel nach ihren Konturen ab, bis ihr die Augen zufallen.

Annie Jump Cannon wird im Winter 1863 im US-Bundesstaat Delaware geboren. Es ist eine Zeit, in der eine junge Frau abseits von Heirat, Heim und Familie wenig Perspektiven hat. Doch Annie hat Glück: Ihre Eltern sind zugewandt – und wohlhabend. Ihr Vater ist Senator, ihre Mutter eine leidenschaftliche Hobby-Astronomin. Sie bringt der kleinen Annie bei, Sternbilder zu bestimmen, und ermutigt sie, ihrer geteilten Leidenschaft zu folgen. Schon als Schülerin fällt Annie durch ihr mathematisches Talent auf.

Nachthimmel statt Geselligkeit

Üblicherweise hätte ihre akademische Karriere mit dem Schulabschluss geendet. Doch Annies Eltern ermöglichen ihr ein Studium. Mit siebzehn Jahren geht sie ans Wellesley College im US-Bundesstaat Massachusetts und studiert dort Physik. Doch kurz nach ihrem Abschluss bekommt Annie plötzlich Fieber. Sie ist an Scharlach erkrankt, und die Infektion beschädigt ihr Gehör. Nun hat sie Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen, und fühlt sich in geselligen Runden immer unwohler. Sie zieht sich zurück und taucht stattdessen tief in ihre Bücher und den Nachthimmel ein.

Annie möchte mit einem vernünftigen Teleskop arbeiten, und sie weiß, dass es in Harvard ein solches gibt. Doch die Universitäten sind damals nach Geschlechtern getrennt, Annie kann in Harvard keine Kurse belegen. Stattdessen schreibt sie sich am dortigen Frauencollege ein, wo dieselben Professoren unterrichten. Einer von ihnen ist der Physiker Edward Charles Pickering, der auch dem Harvard-Observatorium vorsteht. Und er bemerkt die Brillanz seiner Studentin.

„Oh, be a fine girl, kiss me!”

Pickerings Ziel ist es, die Sterne zu klassifizieren. So viele wie möglich sollen dokumentiert und nach Leuchtkraft und Farbspektrum eingeteilt werden. Für diese Aufgabe stellt er eine Gruppe von Frauen ein. Ihre Berufsbezeichnung ist damals „Computer“ – im Sinn von „Rechner“, weil sie ohne Hilfsmittel komplexe Kalkulationen durchführen. Annie wird eine von ihnen. Rasch fällt sie auf: Niemand, weder Mann noch Frau, könne diese Arbeit schneller erledigen als Annie, meint Pickering.

Doch Annie ist nicht nur flink, sondern auch eine studierte Astronomin. Und die Sterne werden damals nach einem veralteten Vorgehen eingeteilt. Also arbeitet sie ein System aus, dass die Sterne nach ihren Spektrallinien klassifiziert. Die Kategorien bekommen die Buchstaben O, B, A, F, G, K und M zugeteilt. Hinzu kommen Unterkategorien, die mit Ziffern bezeichnet werden. Damit es leichter zu verstehen ist, liefert Annie für ihr System auch gleich einen legendären Merksatz mit: „Oh, be a fine girl, kiss me!“

Annies Spektralklassen werden zum neuen Standard in der Astronomie. Das System wird nach der Universität Harvard – nicht nach seiner Erfinderin – benannt und bis heute verwendet. Doch Annie erhält noch zu Lebzeiten Anerkennung: Als erste Frau überhaupt bekommt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verliehen. Sie nutzt ihre Bekanntheit, um sich für das Frauenwahlrecht einzusetzen. Doch die meiste Zeit verbringt sie im Observatorium. Annie arbeitet dort, bis sie im Frühling 1941 mit 76 Jahren verstirbt. Im Laufe ihrer Karriere hatte sie beinah eine halbe Million Sterne klassifiziert. Ein Asteroid und ein Mondkrater tragen heute ihren Namen.

 

Ricarda Opis

wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.