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Buchempfehlung: Die Wut ist klar wie ein Bergfluss

Nach ihrem Debüt „Vater unser“ das neue Buch von Angela Lehner: Ein großer Roman über Freundschaft & die Abgehängten in der österreichischen Provinz im Jahr 2001 – voller Komik & unverwechselbaren Sound.

Zigaretten, Musik aus dem Discman und Freunde, auf die man sich – beinahe immer – verlassen kann, sind ein gutes Fundament für die Ich-Erzählerin, die in der Schule in der „Restmüll-Klasse“ ihren eigenen Gedanken nachhängt: Eigentlich will sie nur ihre Ruhe gelassen werden und mit ihrem Bruder auskommen. Oder will sie doch mehr? Ein Coming-of-Age-Roman zwischen Touristen, Bergen und fragwürdigen Erwachsenen in der schönen Provinz in Österreich.

„Unsere Stadt heißt Tal und das ist alles, was man wissen muss.“ – So schroff beginnt der Roman und so schroff bleiben die Aussagen der Ich-Erzählerin bis zum Schluss. Der Ort, an dem sie lebt, wird von den Tourismusführern als „Winterwonderland“ angepriesen, während sie, Julia, genau weiß, wie viel Kacke hinter den schönen Fassaden lagert. Da ist es ihr auch egal, dass ihr Geschichtslehrer, dieser Brandstätter, von ihr wissen will, wann der Erste Weltkrieg war.

Natürlich sind wir in der Hauptschule eh alle zweite Wahl, aber der Restmüll ist noch einmal ein Schicksal für sich. Das Schulsystem ist ja ein einziges Siebverfahren. Nach der Volksschule wird man das erste Mal durch das Sieb geschüttelt und oben – im Gymnasium – bleiben nur die Arztkinder, die Lehrerkinder oder solche, die den Erwachsenen schon früh vorlügen, lernen würde ihnen Spaß machen.
Seite 11

Julia weiß weder, wann welcher Krieg stattfand, noch hat sie Interesse daran, das herauszufinden. Wozu? Sie lebt mit ihrem Bruder, der das Gymnasium besucht, und ihr immer wieder die Leviten liest: Schule zu schwänzen, das würde sie nicht weiterbringen. Die beiden leben ohne Eltern oder sonstige „Bezugspersonen“, finden Halt aneinander, Julia versorgt den Bruder, als der einen schlimmen Unfall hat.

Musik und Alkohol sind verlässliche Freunde Julias, so schnell öffnet sie sich niemandem! Die Handlung erzählt von kleinen Katastrophen in Tal, dem Kaff, und dem Hoffen und Scheitern der Ich-Erzählerin: Ist sie begabt oder bloß ein Freak? Wer „2001“ liest, erinnert sich an schlechte Internetverbindungen und an den 11. September, an Vorurteile gegenüber „Zugewanderten“, Homosexuellen und anderen, die ein wenig „anders“ als die anderen sind. „Tschusch“, „Homo“ und „Mongo“ kommt den Jugendlichen hier ganz leicht von den Lippen, und, na ja, so sei es ohnehin nie gemeint. Oder doch?

Hier wird viel geschluckt, nicht nur an Alkohol, auch an Verletzungen und Demütigungen. Die Restmüllklasse weiß, wie über sie gesprochen wird, nur scheinbar lässt sie das kalt. Als Bene, Julias Mitschüler und Vertrautem, der Kragen platzt, ist selbst der so bemühte Geschichte-Brandstätter irritiert:

Wir haben einen scheiß Umgang miteinander, der auf einer scheiß Sprache basiert, die auf scheiß Traditionen aufbaut. Gott, die Tradition, die Vergangenheit: Irgendein Grund findet sich immer, um einen Mitschüler zusammenzuschlagen oder den Nachbarn in die Luft zu sprengen. Und das Schlimmste daran ist, dass alles nur eine Ausrede für die eigene Faulheit ist. Weil Veränderung nämlich unbequem ist.
Seite 290

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen

Den Reiz der Provinz, Jugendkultur, Ausgrenzung und Einengung, verkannte und unterschätzte Persönlichkeiten, wunderbare und unaufgeregte Zeichnung der Charakter, eine nachhörenswerte Playlist am Romanende.

Die Autorin Angela Lehner:

1987 in Klagenfurt geboren, in Lienz/Osttirol aufgewachsen, Studium der Komparatistik in Wien, Maynooth und erlangen, lebt jetzt in Berlin. Für ihren Debütroman „Vater unser“ erhielt sie mehrere Literaturpreise, u. a. den Franz-Tumler-Literaturpreis, Literaturpreis Alpha, den Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt sowie den Rauriser Literaturpreis 2020.

Angela Lehner
2001
Hanser Literaturverlag
384 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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