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Als meine Welt immer kleiner wurde

Notiz #15 einer Abenteurerin in Quarantäne

Ich werde schteben

»Mein siebenjähriger Sohn Mikel soll ein Tagebuch führen über sein Leben während der Covid-19 Quarantäne, deren Ende nicht in Sicht ist. Sein erster Eintrag ist: „Ich werde schteben“ und darunter malt er einen Totenkopf. Sonst schreibt er nichts. Ich versuche vergeblich meine Kinder von den Medien abzuschirmen, für die nichts anderes mehr zu zählen scheint, als die Statistiken der Toten und Infizierten. Das Unheil ist bereits angerichtet, der Samen der Angst gesät. Sie geistert in den Nächten in den Köpfen der Kinder herum. Andreas, der sensibelste von ihnen, ist gestern schreiend aufgewacht und hat mich angefleht: „Mama, du musst was dagegen tun! Der Virus wird uns töten.“ In der Früh erinnert er sich dann an nichts mehr.«

Distanzen, die wachsen

Diese Worte habe ich vor acht Monaten geschrieben, als ich noch hoffte, dass der Spuk irgendwann ein Ende hat. Ich hoffe heute immer noch. Nur habe ich Zweifel am menschlichen und wirtschaftlichen Preis, den wir alle dafür zahlen werden.

Die Situation um Covid-19, der den ganzen Erdball in Schach hält, wird täglich grotesker und meine Welt immer kleiner. Der Mann, den ich liebe, wohnt 150 km entfernt. Eine Distanz, die von Tag zu Tag größer wird, in Anbetracht der wachsenden Verbote und Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit.

Notizen einer Abenteurerin Netz

Reisen im Kopf

Ich reise jetzt nur mehr im Kopf. Zurück zu den Waorani Indianern, den Himba, den Sama Badjao und den Dhuka. Zu all den nomadischen Urvölkern, die ich letztes Jahr besucht und lieb gewonnen habe.

Ich frage mich, ob auch sie längst bescheid wissen. Ich möchte nicht daran denken, was passiert wenn der Virus diese Menschen tatsächlich erreicht. Wird es sie auslöschen, wie es die von uns „Weißen“ eingeschleppte Grippe mit so vielen Urvölkern getan hat?

Doch dann denke ich an die Weisheit und das medizinische Wissen der Schamanen, denen ich auf meinen Filmreisen begegnet bin und der Gedanke beruhigt mich. Vielleicht werden sie besser mit dieser Krankheit zurechtkommen, als wir.

Am Rande der Verzweiflung

Wieder ein neuer Tag im mittlerweile zweiten Lockdown hat begonnen. Das ständig Gefühl, dass Sonntag ist, verlässt mich auch heute nicht.

Nur habe ich keinen Feiertag, sondern verzweifle am Ausmaß der Arbeit, die mir als geschiedene Mutter zugemutet wird. Neben meinem Homeoffice, an das ich ohnehin seit Jahren gewöhnt bin, ist jetzt mein neuer, leider unbezahlter Job, als private Hauslehrerin gekommen. Ich habe keine Berufung und Geduld dafür und stehe immer wieder am Rande der Verzweiflung. Auch als Künstlerin hat man mir die Flügel gestutzt. Wohin ohnehin fliegen, wenn kein Horizont in Sicht ist?

Ein Wunsch

Mikel ist mittlerweile acht Jahre geworden. Er kann sich kaum mehr an eine Zeit vor dem Maskentragen erinnern. Covid-19 ist ein wesentlicher Bestandteil seiner kleinen Kinderwelt geworden. Er ist jener kleine Philosoph geblieben, der er immer schon war. Aus dem Nichts heraus fragt er mich eines Tages. Mama was würdest du dir wünschen, wenn du nur einen Wunsch hast? Ich erinnere mich nicht an meine Antwort, aber an die seine: Ich wünsche mir, dass ich nicht mein ganzes Leben mit Corona leben muss.

Hoffnung

Ich verspreche es ihm, versuche überzeugend zu klingen und fühle mich doch so hilflos dabei. Da fällt mein Blick auf Mikels heutigen Tagebucheintrag: „Ich froie mich auf meinen Gebutstag.“ Zum Glück gibt es ja doch noch Hoffnung.

Natalie Halla

Natalie Halla

spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet als unabhängige Filmemacherin. Ihre „Notizen einer Abenteurerin“ bieten sehr persönliche Einblicke in eine unbekannte, spannende Welt abseits üblicher Reiserouten und befassen sich auch mit sozialen und humanitären Ungerechtigkeiten, denen sie begegnet ist.
www.nataliehalla.com

Foto: Alexandra Grill

Fotos: Natalie Halla

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