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Alltag mit Sommersprossen: Nicht jeder Traum geht in Erfüllung

Aber manche erfüllen sich auf überraschende Weise, zum Beispiel im Kreisverkehr.

Koh Samui. Santorin. Bora Bora, Madeira, die Malediven … Träumen Sie sich auch gern auf eine Insel, wenn es draußen herbstlich wird? Sind Sie schon einmal auf einer Insel gewesen – oder gibt es gar eine, auf der Sie sich regelmäßig erholen? Ja, ja und nein: meine Antworten auf diese drei Fragen. Ich war schon einmal auf Mykonos. Ich wäre gern öfter dort. Und an kalten Tagen träume ich mich mit Vorliebe auf irgendeine Insel, einsam, heiß (es gibt natürlich Schatten), mit türkisem Meer und feinem Sandstrand. Ich liebe die Idee, dass ich jederzeit hinfliegen könnte, wenn … So weit, so Träumeland. Schauplatzwechsel in die Realität: Ich ziehe meinen Koffer, dessen linkes Rad seit Beginn meiner Lesereise nicht mehr rollen will, hinter mir her und habe mir gerade bestätigen lassen, dass ich tatsächlich auf dem richtigen Weg zum Münchner Bahnhof bin. Die Ampel, die den vierspurigen Autostrom am Karlsplatz stoppt, zeigt Grün, aber ich will nicht hinrennen. Ich kenne diese Art von Ampeln: zehn Sekunden lang grün, gefühlte sechs Minuten lang rot und immer schon rot, wenn man es gerade noch schaffen wollte. Ich mache es mir also gemütlich, warte am Straßenrand, plaudere mit dem Radfahrer, der mir den Weg zum Bahnhof gezeigt hat, freue mich über die Sonne, die mir ins Gesicht scheint. „Tschüss“, ruft der Radler, als die Ampel auf Grün und er in die Pedale springt. Ich gehe los – und renne jetzt doch, weil es alle tun. Trotzdem schaffen wir es nicht bis zur anderen Seite. Wir bleiben in der Mitte der Straße hängen, auf einer Verkehrsinsel, die offenbar dazu angelegt ist, den Autos den Vorrang zu lassen. Keiner der Passanten wirkt überrascht, und so nehme auch ich die Zwangspause mit Gelassenheit an. Die Ampelphase kenne ich ja jetzt schon. Ich habe also noch einmal gefühlte sechs Minuten vor mir. Sechs Minuten mit einem Koffergriff in der Hand und der Sonne im Gesicht. Sechs Minuten, in denen mir Nichtstun verordnet ist, sechs Minuten möglicher Muße. „Inselurlaub?“, denke ich plötzlich. Ich schließe die Augen. Nein, das Rauschen der Autos klingt nicht wie das Meer. Oder doch? Ich müsste länger stehen bleiben, den Klang in mich aufnehmen. Ich müsste einfach nur länger verweilen … Oh! Habe ich mich da gerade bei typischen Urlaubsgedanken ertappt? Ich atme ein, schaue mich um, lächle den Menschen neben mir zu, als hätten wir alle im selben Reisebüro gebucht – und fühle mich seltsam erholt, als ich zehn Minuten später den Zug besteige, um, die neu entdeckte Insel im Rücken, gemeinsam mit meinem Koffer nach Hause zu fahren.

Barbara Pachl-Eberhart gelingt manchmal der kleine Mußegenuß im Alltag.

Barbara Pachl-Eberhart ist Autorin, Vortragende und Dialogprozessbegleiterin, Schreibtrainerin sowie Ehrenbotschafterin der Rote Nasen Clowndoctors.

Foto: Alexandra Grill

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