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Alltag mit Sommersprossen: Ein Millimeter Luft

Wie groß ist der Abstand zwischen Eintönigkeit und Frohsinn? Und wie überbrückt man ihn? Barbara Pachl-Eberhart hat es herausgefunden.

Schschwwwwmmfff.“ Sie kennen dieses Geräusch, oder? Gerade jetzt, wo die Scheiben am Morgen schon manchmal beschlagen sind, wo man sich vor dem ersten Eiskratzereinsatz zu fürchten beginnt, wo man überlegt, ob man sich heuer endlich Lederhandschuhe leisten soll, weil die wollenen so blöd übers Lenkrad rutschen und weil klamme, eingefrorene Finger eine noch blödere Alternative sind. Jetzt, wo der Spätherbst kommt. Mit ihm das Gebläse. Und die Erleichterung, wenn die Autoheizung endlich wirklich zu heizen beginnt. „Schschwwwwmmfff“, so klingt der Herbst, wenn ich im Auto sitze und zur Arbeit fahre oder, so wie gestern, das Reisegitterbett meiner Tochter zur Oma bringe. Ich war gerade auf dem Heimweg, fuhr die Hauptstraße unseres Bezirks entlang, stoppte an einer roten Ampel. Rechts von mir, am Markt, räumten die LadenbesitzerInnen gerade ihre Buden und ließen die Rollläden herunterrattern. Links sah ich die Kirche, bei der ich jedes Mal an meine Schulzeit denken muss, weil mein Religionslehrer – mit dem wir als OberstufenschülerInnen so gerne über Verhütung, Verliebtheit und Versagensängste gesprochen hätten, der uns aber auf alle Fragen mit strengen Bibelzitaten aus dem Alten Testament antwortete – dort Pfarrer war. Seit meiner Matura bin ich nicht mehr in dieser Kirche gewesen, obwohl die Ankündigungen im Schaukasten eigentlich sympathisch wirken und seit meinem letzten Besuch ja wirklich schon – oh Gott! – mehr als 25 Jahre vergangen sind. Heute ist der Blick auf den Schaukasten durch ein Grüppchen verstellt: ein Mann, drei Frauen, von denen eine auf einer Gitarre spielt, und etwa zehn Jugendliche. Alle bewegen die Lippen und schauen fröhlich drein. Ich höre nichts. Doch: Ich höre das „Schschwwwwmmfff“ meiner Heizung, das mich schläfrig macht. Die Ampel wird grün, ich steige aufs Gas. Im letzten möglichen Moment legt sich mein Finger, ich weiß nicht warum, auf den Fensterheber und drückt. Ein winziger Spalt zwischen Fensterrahmen und Glas reicht. Ich höre den Gesang, der mich aus meiner dämmrigen Frühabendtrance reißt. Ein Millimeter Luft, nicht mehr, zwischen „Schschschwwwwmmfff“ und Leonard Cohens „Hallelujah“, das – tatsächlich, auch wenn es schwülstig klingt – von einem Moment auf den anderen meine Seele erhebt. Ich summe sofort mit, dankbar für den Ohrwurm, der mich durch die nächsten Stunden begleitet. Dankbar für die winzige Bewegung meines Fingers im entscheidenden Moment, der meine ganze müde Spätherbstwelt zum Klingen brachte.

Barbara Pachl-Eberhart liebt es, im Alltag Augen und Ohren offen zu halten. Manchmal hört sie dabei sogar Musik.

Barbara Pachl-Eberhart ist Autorin, Vortragende und Dialogprozessbegleiterin, Schreibtrainerin sowie Ehrenbotschafterin der Rote Nasen Clowndoctors.

Foto: Alexandra Grill

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