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Alltag mit Sommersprossen: Fast hätt’ ich es übersehen

Aufräumen: eine lästige Pflicht? Barbara Pachl-Eberhart lässt sich von den kleinen Dingen bezaubern, die ihre Küche bevölkern, und macht das Ordnen zu einem Freudenfest.

Ein mal ein Meter. Kürzlich habe ich gelesen, dass auf einer so kleinen Fläche – 30 Zentimeter in die Tiefe hinein – 200-mal so viele Wesen leben wie Menschen auf der ganzen Welt. 1,6 Billiarden Organismen – also Insekten, Mikroben, Milben und so weiter – wuseln in jedem Stück Erde, das so groß ist wie zweieinhalb Bastelkartons. Unvorstellbar, nicht? Und tröstlich. Denn im Vergleich dazu war die Zahl, für die ich mich schämte, zu vernachlässigen. 118? Kaum der Rede wert, sagte ich mir heute, beim Versuch, den abgezählten Kleinkram, der meine Küchenarbeitsplatte bevölkerte, einfach weiter zu verdrängen. Ich hätte wichtigere Dinge zu tun gehabt, als das alles aufzuräumen. Nur leider … leider konnte ich meine Kopfhörer nicht dazu überreden, ins nächstbeste Erdloch zu verschwinden. Leider ist ein USB-Stick doch raumgreifender als ein Rädertierchen und die Jahreskarte für den Zoo nicht so hübsch wie ein Marienkäfer. Also habe ich mich doch ans Sortieren gemacht. Die Jahreskarte in die Geldbörse, die Spaghetti­schachtel in den Vorratsschrank, zwei ­Supermarktrechnungen ins Altpapier, drei Rosinen in den Mund. Und der Geschenkgutschein (Gratiseis im neuen Salon ums Eck)? Kam an die Pinnwand neben der Tür. Dort, an die Stelle, die ich immer im Auge habe. Da hänge ich alles auf, was wichtig ist, damit ich es ja nicht übersehe. Als ich den Eisgutschein aufspießte, musste ich erkennen, dass ein paar seiner Kollegen (Prozente auf Bademode, Sommerkino für zwei, Biodatteln im Angebot) schon abgelaufen waren. Nicht zu übersehen? Ähm. Offenbar doch – vielleicht gerade deshalb: weil sie jeden Tag da sind, immer im Sichtfeld und gerade deshalb unsichtbar. Als ich in die Küche zurückkam, war ich immer noch nicht froh über das Chaos. Aber mein Blick hatte sich verändert. Wie viel von dem, was da herumlag, hatte ich schon gar nicht mehr wahrgenommen? Wie viele Gutscheine lagen da herum? Kopfhörer: gratis, für mich, ein paar Minuten Lieblingsmusik; Kleingeld: die Garantie für ein „Danke“ des Kassiers für die Münzen aus meiner Hand. Auf dem USB-Stick: Fotos, die ich entwickeln lassen kann. Der Putzereizettel: Meine Bluse wartet auf mich, endlich wieder ohne Tomatenfleck. Und der Topfuntersetzer verspricht: Morgen könnte es Tajine geben, mein absolutes Leibgericht. So viele Bons für künftige Glücksmomente! Gegenständlich, jederzeit einlösbar. Verschmitzt steckte ich sie in Laden und Kästen, als wären sie Ostereier. Dabei freute ich mich auf den Moment des Neuentdeckens. Und auf die Erleichterung: Kleine Freuden haben kein Ablaufdatum, auch keine Eile, sondern immer Saison. Man muss nur dafür sorgen, dass man sie nicht übersieht.

Barbara Pachl-Eberhart findet gerne, was sie gar nicht sucht. Dabei hatte sie gerade ganz etwas anderes vor.

Barbara Pachl-Eberhart ist Autorin, Vortragende und Dialogprozessbegleiterin, Schreibtrainerin sowie Ehrenbotschafterin der Rote Nasen Clowndoctors.

Foto: Alexandra Grill

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