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Alles andere als hilflos

Klingt so Selbstbestimmheit?

Claudio will, dass ich meine Geschichte aufschreibe. Ich habe ihn gefragt, was das für einen Sinn haben soll. Da lachte Claudio und meinte, er werde mir das in einiger Zeit erklären ...
Seite 5

Das Mädchen Anneliese, die Ich-Erzählerin dieses Romans, bringt ihr Maturazeunis nach Hause, sie ist eine mittelmäßige Schülerin und empfindet sich als hässlich. Der berühmte Schauspieler Claudio Pauls wird sie gleich bei ihrer ersten Begegnung „mein Entlein“ nennen, sich mit ihr zum Cognak-Trinken verabreden und ihr wichtige Tipps geben. Anneliese sollte, geht es nach dem Willen ihrer Eltern, die Handelsakademie besuchen, die andere Tochter soll reich heiraten. Der Roman erscheint 1937, seine Autorin war gerade 23 Jahre alt. Dieses Mädchen Anneliese versteht man sofort: Ungelenk, ungeschickt steht sie da in den schlecht sitzenden Kleidern, mit ausgelatschten Schuhen, die Haare ebenso wenig gepflegt wie die Hände. Doch im Kopf rattern die Rädchen, Anneliese weiß, was sie will, mit wem sie es will: Heiraten ist nicht ihr Ziel, noch länger in stickigen Klassenzimmern zu sitzen, findet sie ihrem ohnehin nicht schönen Teint überaus abträglich.

Historisches taucht in diesem Romandebüt immer wieder auf, Gesellschaftspolitik und Frauenleben sind hier klar beschrieben, bis ins schmutzige Detail, die Töchter an reiche Männer zu bringen. Anneliese bekommt eine Stelle hinter der Kasse eines Strickwarengeschäfts, sie verdient genug, um sich endlich Besuche bei Friseurin und Kosmetikerin leisten zu können. Sie pflegt sich, passt sich äußerlich an, widersetzt sich ihren Eltern und schwärmt für Claudio Pauls, der sich weiter ihrer annimmt. Oder braucht er sie, das hässliche Entlein, mehr als er ahnt?

Durch das Zusammensitzen mit den vielen fremden Leuten bekam ich etwas gesellschaftlichen Schliff. Ich beobachtete die Damen, und wenn mir irgendeine Bewegung oder Haltung an ihnen gefiel, versuchte ich sie nachzuahmen. Ich lernte, wie man hübsch in einem Sessel lehnt und wie man eine Zigarette hält.
Seite 116

Das Mädchen Anneliese frivol zu nennen, wäre nicht gerecht: Sie weiß, wohin sie will, sie weiß, wie sie sich herrichten, ihre Vorzüge herausstreichen kann, sie stürzt sich mit Leidenschaft in eine Affäre. Witzig erzählte Szenen, hintergründige Charaktere, prägen diesen Roman, bei dem über allen Begebenheiten ein Augenzwinkern schwebt, das die Realität aber nie außer Acht lässt. Die Dialoge sind prägnant: Man steht neben Anneliese in diesem Strickwarengeschäft, hört den Neid ihrer Kolleginnen – „was, die kennt den Claudio, den berühmten Schauspieler?“ – und weiß, all das schon – mindestens einmal – selbst gehört, erlebt zu haben. Ja, Anneliese wird ein mutiger Schwan, der weiß, wohin die Reise geht.

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Zeitgeschichte, Widerstand, Aufruf, selbstbestimmt zu leben, Unterhaltung, witzige Dialoge und Details, dahinter schon Kränkungen – in rasantem Tempo entwickelt sich Protagonistin Anneliese zu einer bemerkenswerten Persönlichkeit.

Die Autorin Annemarie Selinko: 1914 in Wien geboren, ist eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen ihrer Zeit, Kritiker*innen stellen sie auf eine Stufe mit Vicky Baum. 1938 in Kopenhagen lebend, schloss sich im Zweiten Weltkrieg der Widerstandsbewegung an, wurde 1943 von der Gestapo inhaftiert, konnte schließlich mit ihrem Mann nach Schweden flüchten. Ihr zweiter Roman „Heute heiratet mein Mann“, 1940 erschienen, sowie ihr Roman „Desiree“ aus dem Jahr 1951 wurden Weltbestseller, letzterer in 25 Sprachen übersetzt. Annemarie Selinko starb1986 in Dänemark.

Annemarie Selinko:
Ich war ein hässliches Mädchen.
Milena Verlag 2019.
248 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”

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