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Ägyptens Frauen kämpfen um ihr Erbrecht

Im Land am Nil schauen Frauen oft durch die Finger, wenn es ans Erben geht. Das soll sich ändern.

In einem Dorf nahe der mittelägyptischen Stadt Assiut wartet eine Frau auf mich, um mir ihre Geschichte zu erzählen. Durch den Sandsturm, der die Palmen auf den Feldern zerzaust, marschiere ich im Tross der neugierigen Dorfgemeinschaft und begleitet vom eigens abkommandierten Polizisten durch die 46 Grad heiße Luft zu einem Hof. Ein Hahn kräht, die 35-jährige Nayema Abdu strahlt mich mit ihrem sympathischen Lächeln an, zwei ihrer fünf Kinder – sie sind zwischen vier und 13 Jahre alt – lehnen bei ihr, eng an sie geschmiegt.
Ihr Vater, erzählt sie, sei vor langer Zeit gestorben, erst als ihre Kinder in die Schule kamen und die Familie deshalb mehr Geld brauchte, habe sie um ihren Erbanteil gebeten.

GELD, EINE KUH UND HÜHNER
Zu Beginn war die Familie sehr aufgebracht: „Wie kannst du es wagen, deinen Bruder um das Erbe zu bitten?“, wurde sie gefragt. Nayemas Sohn wollte ihr zuliebe die Schule abbrechen, mit seinen 13 Jahren nach Kairo arbeiten gehen und nur zu den Prüfungen heimkommen. Das ermutigte sie letztlich, ihr Erbteil zu fordern.
Das Erbteil, das waren etwas Geld, eine Kuh und ein paar Hühner. Mithilfe des „Village Savings and Loan“-Projekts, das Frauen Möglichkeiten aufzeigt, wie sie Land oder Geld nachhaltig nutzen können, lernte sie, Butter herzustellen und ein Einkommen aus den landwirtschaftlichen Produkten zu erzielen. „Das Beste aber“, jetzt strahlt Nayema wieder, ist, „dass ich durch die ,association‘ Kurse besuchen durfte. Jetzt kann ich lesen, schreiben und rechnen und damit meinen Kindern bei den Schulaufgaben helfen.“ „Association“ oder „Kommission“, so nennen die Ägypterinnen eine Gruppe aus Freiwilligen sowie MitarbeiterInnen von CARE Ägypten, die versucht, Erbstreitigkeiten zu ihren Gunsten zu regeln.
Was einfach klingt – der Verein schaltet sich ein und die Erbschaftsangelegenheit wird gütlich geregelt –, ist es in der Realität nicht. Häufig stellt sich die gesamte Herkunftsfamilie gegen die Frau. Das Geld solle in der Familie bleiben, heißt es. Vor allem, wenn der Ehepartner nicht aus demselben Dorf oder der erweiterten Verwandtschaft stammt.

MIT DEM KORAN ZUM RECHT
Zu dem von CARE initiierten Projekt, das sich auf drei arme, ländliche Regionen konzentriert, gehört ein Komitee aus Anwälten, Scheichs – also geistlichen Führern – und ExpertInnen zu Rechts- und Familienfragen. Sie haben das Recht auf ihrer Seite und müssen dennoch Zivilcourage zeigen. Denn wenn es um Geld und Besitz geht, bieten viele Familien beim Erben eine „Radwa“ an, eine traditionelle Erbvariante, das häufig nur aus einem Almosen besteht, während die männlichen Familienmitglieder Felder, Häuser und Geld ihr Eigen nennen dürfen.
Scheichs, die im Komitee tätig sind, wenden sich deshalb mit dem Koran an die Familie. Sie besprechen mit ihr die Stellen im heiligen Buch, die klar besagen, was den Frauen an Erbe zusteht. Es heißt in der Scharia: Ein Sohn gilt gleich viel wie zwei Töchter. Eine Tochter kann, so kein Sohn vorhanden ist, höchstens die Hälfte des Vermögens erben.
Auch mit der Hilfe des Komitees bekommen Frauen oft nicht alles, was ihnen zusteht. Manchmal erscheint es klüger, in bestimmten Punkten nachzugeben, damit ein langer Gerichtsstreit vermieden wird. Das Hauptproblem: Viele Frauen können oft nur schwer beweisen, was ihnen zusteht, weil sie weder registriert sind noch offizielle Dokumente haben. Mit Fingerspitzengefühl und Taktik versuchen die Mitglieder des Komitees die Familien zum Einlenken zu bewegen.

Lesen Sie den vollständigen Text in der Printausgabe.

Zu Nayema Abdus Erbe gehören Hühner und eine Kuh. Mit diesem Besitz kann sie mit ihren Kindern ein wenig sorgloser leben.

Fotos: Ute Maurnböck Mosser (2), Adobe Stock

Erschienen in „Welt der Frauen“ 01-02/19

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