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Im Gefängnis

Notiz #13: Über mein filmisches Eintauchen in die peruanische Drogenwelt & das Schicksal der Täterinnern, die zugleich Opfer sind.

Mein erster Gefängnisbesuch

Meine Gefängnisgeschichte beginnt in Peru. Ich arbeitete damals als Intern bei den Vereinten Nationen und schrieb für das peruanische Drogenkontrollprogramm an einem Kodex der Drogengesetzgebung. Ich wollte auch die Realität hinter den Paragraphen kennenlernen und besuchte peruanischen Ureinwohner, die tief im Amazonas versteckt unter ihren Bananenplantagen Kokastauden pflanzten, sprach mit Mikro-Kokainhändlerinnen und stattete schlußendlich auch dem berüchtigten Frauengefängnis in Lima einen Besuch ab. Es war mein erster Kontakt mit dieser Parallelwelt hinter Gittern und ich war schockiert. Frauen schliefen gemeinsam mit ihren Kindern auf den kalten Betonböden der Gefängnisgänge, weil es in den Zellen keinen Platz gab. Im Gefängnishof hallten die hohen Betonmauern das Kindergeschrei wieder. Alle kämpften um ein winziges Stück Freiheit. Ich fühlte mich wie der Besucher eines Zoos, den man von Käfig zu Käfig weiter schleuste und schämte mich immens dafür. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Denn ich wollte Kontakt mit den Frauen aufnehmen, ihre Geschichte erfahren, aber das ließ man nicht zu. Nach zwei Stunden war der Spuk zu Ende und ich verließ das Inferno mit dem fixen Vorsatz zurückzukommen und einen Film über das Schicksal dieser Frauen zu drehen. Damals war ich 22 Jahre alt.

Im Gefängnis

Der Vorsatz

Die Jahre vergingen, ich heiratete nach Spanien und führte eine zeitlang das konventionelle Leben einer glücklich verheirateten Mutter von (damals) zwei Kindern, einem zugelaufenen Hund und einem Reihenhaus. Doch dann holte mich die Sehnsucht nach dem Abenteuerleben ein, das mir eigentlich in die Wiege gelegt worden war und ich beschloss einen Weg zu finden, um meine zwei Welten, die der braven Ehefrau und Mutter und die der Abenteurerin und Künstlerin irgendwie zu vereinbaren. So wurde ich Filmemacherin, ohne je eine Kamera in der Hand gehalten geschweige denn einen Filmkurs besucht zu haben. Meine Idee über das peruanische Frauengefängnis einen Film zu drehen hatte ich in all den Jahren nie vergessen, so wie ich nie etwas vergesse, was einmal mein Herz berührt hat. Ich erwirkte eine Drehgenehmigung für das Frauengefängnis, kaufte mir ein Flugticket und reiste, begleitet von einem baskischen Kameramann nach Peru.

Im GefängnisDas Filmverbot

Doch dann kam alles anders. Einen Tag vor meiner Ankunft in Lima hatte es im Gefängnis eine Revolte gegeben und man verbot kategorisch jeglichen Zutritt. Ich schluckte den Schock hinunter und improvisierte. So wurde aus dem Film über das peruanische Frauengefängnis ein Film über jene Menschen, die sich an der tödlichen Kette des Kokains beteiligen und dabei Täter und Opfer zugleich sind: den Drogenmüttern. Zu ihnen gehören auch jene Frauen, die versucht hatten das weiße Gift, versteckt in ihrem Körper, nach Europa zu schmuggeln und jetzt in spanischen Gefängnissen gemeinsam mit ihren Kindern den Preis für ihre Abhängigkeit und Armut bezahlen.

Ein Kindergarten hinter Gittern

So fand ich im Gefängnis von Duenas das vor, was man sich am wenigsten erwarten würde: einen Kindergarten. Das trostlose der grauen Mauern hatte man versucht im Kindertrakt zu verschleiern, indem man mit bunten Blumen die Wände verzierte. Der Kindergarten quoll vor Spielsachen über um das schlechte Gewissen zu kompensieren. Ich lernte dort Claudia kennen und ihren beinahe dreijährigen Sohn Alejandro. So klein er auch war, so spürte er doch, dass es jenseits der Mauern eine andere Welt gab und die eigentliche Freiheit nur dort auf ihn wartete. Aber was bedeutet schon eine Freiheit ohne Mutter? Denn mit drei Jahren wurden die Kinder den Müttern weggenommen und in Pflegefamilien untergebracht. Claudia und Alejandro blieb nicht mehr viel Zeit zusammen.

Freiheit

Ich fand dieses System sinnlos grausam und beschloss zu helfen. Nachdem ich bis in die höchsten Ebenen interveniert und alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte gelang mir die Überstellung Claudias nach Palma de Mallorca in ein „offenes Gefängnis“ für verurteilte Mütter mit Kindern. Claudia durfte dort ihren Sohn behalten und hatte tagsüber freien Ausgang. Ich stelle mir die beiden vor, wie sie dort gemeinsam zum nahen Strand gingen, den Sand unter den Füßen, das Rauschen des Meeres im Ohr. Denn es ist nie zu spät für die Reue und auch nicht für die Freiheit- für mich, nach der Liebe- das kostbarste Gut auf Erden.

Natalie Halla

Natalie Halla

spricht sechs Sprachen, ist weitgereist und arbeitet als unabhängige Filmemacherin. Ihre „Notizen einer Abenteurerin“ bieten sehr persönliche Einblicke in eine unbekannte, spannende Welt abseits üblicher Reiserouten und befassen sich auch mit sozialen und humanitären Ungerechtigkeiten, denen sie begegnet ist.
www.nataliehalla.com

Foto: Alexandra Grill

Fotos: Natalie Halla

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