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12/22

Zeitzeugin wurde 100 Jahre alt

Zeitzeugin wurde 100 Jahre alt

Die Alkovenerin Hildegard Paschinger ist vielleicht die letzte noch lebende Zeitzeugin der Geschehnisse im Schloss Hartheim in Oberösterreich, in dem nach 1940 vermutlich mehr als 30.000 Menschen vergast wurden. Heute beherbergt das ehemalige Haus des Schreckens eine Lern- und Gedenkstätte. Anlässlich des dieser Tage begangenen 100. Geburtstags von Hildegard Paschinger erinnern wir mit einer Geschichte aus dem Jahr 2009 an ihre Gedanken und ihr Erlebtes.

Hartheim-Zeitzeugin hat 100. Geburtstag

Die Alkovenerin Hildegard Paschinger, vielleicht die letzte noch lebende Zeitzeugin der Geschehnisse im Schloss Hartheim vor dem Umbau der Behindertenanstalt des OÖ. Landeswohlfahrtsvereins zu einer Mordanstalt des NS-Regimes, hat diese Woche ihren 100. Geburtstag begangen. Die „Hilde“, wie sie seit jeher allgemein genannt wurde, war als 16-jähriges Mädchen nach einer Stelle als Kindermädchen bei einem großen Bauern ins Schloss zu den Barmherzigen Schwestern gekommen, die erwachsene geistig oder körperlich Behinderte, aber auch solche im Kindesalter zwar mit Strenge, aber als Schützlinge betreuten. 1940 musste Paschinger mit den Schwestern und den Betreuten das Schloss unter dem Vorwand, es sei ein Umbau geplant und die Übersiedlung nur vorübergehend, verlassen und wurde in Niedernhart (später Wagner-Jauregg-Krankenhaus) stationiert.

Als eine der wenigen im Ort sprach sie Jahre nach dem Krieg über die Zeit, zu groß war bei den anderen der Schrecken über die fast 30.000 Behinderten, kranken KZ-Häftlinge und Kriegsgefangenen, die dort von SS-Schergen vergast wurden. Unter den Schwestern, die viel geweint hätten damals, und im Personal in Niedernhart sei viel gemunkelt worden darüber, was in Hartheim mit den Behinderten wohl passierte. Laut reden traute sich dort und in Alkoven selbst aber wegen der angedrohten drastischen Konsequenzen niemand, sagte sie. Mit 87 Jahren ging sie für ein Interview mit der in Linz erscheinenden Zeitschrift „Welt der Frau“ zum ersten Mal nach 1945 wieder in das Schloss, hielt die aufkommenden Erinnerungen freilich nur kurz aus. Ende der 1970er-Jahre kam Paschinger, die lange Zeit als Köchin im Krankenhaus der Barmherigen Schwestern in Linz gearbeitet hatte, wieder zurück nach Alkoven. Sie sieht und hört zwar sehr schlecht, ist aber mit dem Rollator noch auf den Beinen. Betreut wird sie von ihrem Neffen Anton Paschinger und dessen Frau Martina.

Die bewohnbaren Teile des Schlosses dienten nach 1945 als Unterkunft für Kriegsflüchtlinge und später für Opfer des Hochwassers von 1954. Seit 2003 ist das restaurierte Schloss, das Camillo Heinrich Fürst Starhemberg 1898 zur Behindertenbetreuung gestiftet hatte, Lern- und Gedenkort mit der Ausstellung „Wert des Lebens“.

Institut Hartheim

Eine deutliche Gegenthese zu den nationalsozialistischen Untaten ist das seit Ende der 1960er-Jahre bestehende Institut Hartheim nahe dem Schloss, das mit seinen Außenstellen, Werkstätten und Ateliers ein Beispiel für modernen menschenwürdigen Umgang mit Behinderten ist. Für die Betreuten (derzeit 500) mit geistiger oder Mehrfachbehinderung wurden in den vergangenen Jahren auch zahlreiche Außenstellen errichtet, wo sie in kleinen Gruppen, betreut, aber nach ihren Kapazitäten möglichst selbständig wohnen können und sinnvoll beschäftigt werden. Die Produkte, von Alltagsdingen bis zu künstlerischen Arbeiten, werden auch der Öffentlichkeit präsentiert und sind großteils käuflich.

Rückblick: „Welt der Frauen“-Bericht aus dem Jahr 2009

Das Vergangene ist noch ganz nah

Schweigen, vergessen, abschließen: Der Umgang mit einer belastenden Vergangenheit ist noch immer schwierig. Im oberösterreichischen Schloss Hartheim, heute Gedenkstätte, wurden 30.000 Menschen von 1940 bis 1944 Opfer der NS-Euthanasie. Die Leiterin der Gedenkstätte will Licht in die Mordmaschinerie bringen und auch jene benennen, die als Täter und Täterinnen in Hartheim am Werk waren.

Schloss Hartheim war eine der sechs Euthanasiestätten des Dritten Reiches. 30.000 Menschen wurden in der Gaskammer ermordet und anschließend verbrannt. Ihre Asche wurde zum Teil zur Donau transportiert und hineingeschüttet. Die wenigen Habseligkeiten der Opfer wurden auf dem Gelände rund um das Renaissanceschloss verscharrt. Mag.a Irene Leitner ist Leiterin des „Lern- und

Gedenkortes Schloss Hartheim“. Die 31-Jährige hat ihr Büro im zweiten Stock des Schlosses. Dort werden Materialien zusammengetragen, die die Vorgänge in der Tötungsanstalt von 1940 bis 1944 dokumentieren. „2003 wussten wir die Namen von 15.000 Opfern, heute sind wir schon auf 24.000. Das Datenmaterial soll helfen, den Lebenslauf jeder einzelnen Person zu vervollständigen. Wer war dieser Mensch, warum wurde er Opfer der Nationalsozialisten?“

 

Die „Normalität“ des Krieges

Ein neues Projekt ist das Ausforschen der Täter und Täterinnen. „Es müssen um die 120 verschiedene Personen hier am Töten beteiligt gewesen sein. Heizer, Ärzte, PflegerInnen, die die Transporte begleiteten, administratives Personal, Handwerker oder auch Küchenpersonal. Die meisten waren nicht aus der Umgebung, sondern kamen aus einem anderen Gau der Ostmark oder dem Altreich“, sagt Leitner. Auch Frauen arbeiteten in Hartheim mit. Ihre Anwesenheit vermittelte eine gewisse Normalität des Alltages. Kontakt nach außen gab es nur spärlich. Auch das Standesamt war im Schloss untergebracht, um falsche Angaben über Todesursache, Todesdatum zu machen und die Urnen samt Beileidsschreiben an die Angehörigen zu verschicken. Was wurde aus den TäterInnen nach 1945? Wurden sie verpflichtet, in der Euthanasiestätte zu arbeiten? Machten sie das freiwillig? „Über die führenden Ärzte ist eher etwas bekannt. Über das restliche Personal weiß man wenig. So sind hier auch Leute aus der Umgebung beschäftigt gewesen. Vor allem Gerichtsverfahren, die nach 1945 geführt worden sind, dienen uns heute als Quelle“, schildert die 31-Jährige.

 

Archiv der Erinnerungen

Daher sind die HistorikerInnen immer auf der Suche nach ZeitzeugInnen, überlieferten Berichten, Fotos, Dokumenten und auch Erlebnissen aus den 50er- und 60er-Jahren. Ein Archiv der Erinnerungen soll geschaffen werden. Doch dies ist kein einfaches Unterfangen. „Nach dem Krieg wollten die Leute damit nichts mehr zu tun haben. Das spiegelt den allgemeinen Umgang der österreichischen Gesellschaft mit dieser Zeit. Auch heute kommen kaum Rückmeldungen, wenn wir in lokalen Medien aufrufen, mit uns Kontakt aufzunehmen“, schildert Leitner. „Es wäre interessant, was in den Familien weitergegeben wurde. Die Ärzte aus Hartheim haben beispielsweise der Bevölkerung unentgeltlich geholfen, wenn ein Notfall war. Es gibt halt nicht nur Gut und Böse, sondern viele Facetten dazwischen. Das würde uns interessieren. Vielleicht haben die Leute Angst vor Reaktionen oder wollen ihre Großeltern schützen, das Familiengefüge nicht belasten.“

 

Simon Wiesenthal und Hartheim 

Die Aufarbeitung des im Schloss Geschehenen startete erst spät. „Opfer der Euthanasie und der Zwangssterilisation wurden lange nicht von offizieller Seite als solche anerkannt. „Nach 1945 zogen Kriegsflüchtlinge, später Geschädigte des Hochwassers von 1954 in das Schloss ein. Schritt für Schritt wurde das alte Gemäuer zu einem Wohnhaus. Die Räume, in denen das Töten während des Zweiten Weltkrieges vor sich ging, wurden von den BewohnerInnen als Abstellplatz, Kohlenkeller oder Vorratskammer benutzt. 1950 wurde von einer französischen Häftlingsorganisation ein erster Gedenkstein an der Nordseite des Schlosses aufgestellt. Simon Wiesenthal erregte 1964 Aufsehen mit einem Brief an den damaligen Justizminister Christian Broda mit dem Betreff „Ausbildung von Mördern“, in dem er auf die Tötungsanlage Schloss Hartheim bei Eferding hinwies. „Die Anstöße zum Aufarbeiten und Erinnern an die Morde an diesem Ort kamen alle von außen“, schildert Leitner. 1969 wurden vom Eigentümer, dem 0ö. Landeswohltätigkeitsverein, im ehemaligen Aufnahmeraum und in der ehemaligen Gaskammer eine Gedenkstätte errichtet und im Arkadenhof regelmäßige Gedenkfeiern abgehalten.

 

Habseligkeiten der Opfer

Doch die Kombination Wohnhaus und Gedenkstätte war keine ideale. Immer wieder kam es zu Konflikten zwischen BewohnerInnen und Hinterbliebenen von NS-Opfern, die das Schloss aufsuchten. Auf Betreiben des 1995 gegründeten Vereins Schloss Hartheim beschloss die 0ö. Landesregierung 1997, das Schloss vollständig zu renovieren und eine Ausstellung zum Thema „Wert des Lebens“ einzurichten sowie die Gedenkstätte zu erweitern und neu zu gestalten. Im Laufe der Arbeiten wurden sowohl menschliche Knochen und Aschereste als auch Habseligkeiten der Opfer und Überreste der Euthanasieanstalt gefunden. Erst 1999 verließ der letzte Mieter das Schloss. In diesem Jahr wurde an der Innenseite des Krematoriums ein Jutesack der Deutschen Wehrmacht entdeckt, der dort wohl zum Schutz gegen das Eindringen der Kälte angenagelt worden war. 2003 wurde der neu geschaffene „Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim“ mit der Sonderausstellung des Landes Oberösterreich „Wert des Lebens“ und der Gedenkstätte eröffnet.

Interview: „Es wurde gemunkelt und sehr viel geweint“

Eine Zeitzeugin erzählt erstmals über ihre Erinnerungen. Hildegard Paschinger (87) aus Alkoven hat vor den Massenmorden in Schloss Hartheim behinderte Menschen betreut. Ihr fiel es nicht leicht, für das Interview das Schloss zu betreten.

AIs junges Mädchen durfte Hilde, wie sie von allen genannt wurde, im Schloss arbeiten – vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie musste putzen, kochen, Nachtdienste versehen und Menschen mit Behinderungen versorgen. Kurz geht die 87-Jährige in den Innenhof des Schlosses, vorbei an den vielen Gedenktafeln. „Mehr will ich nicht sehen, sonst kann ich nicht mehr schlafen“, sagt Hildegard Paschinger.

 

Welche Erinnerungen haben Sie an das Jahr 1939, als Sie in der damaligen Betreuungseinrichtung für geistig behinderte Menschen gearbeitet haben?

Vorher war ich als Kindermädchen bei einem Bauern im Ort. Doch im Schloss konnte man mehr verdienen. Die Arbeit war zwar härter, aber eine ehemalige Schulkollegin war mein Vorbild. Die hat das auch geschafft. Wir mussten die Leute anziehen, waschen, kochen und auch putzen. Wir hatten es aber auch schön. Wir hatten viel zu essen, einen großen Obst- und Gemüsegarten, vor dem Schloss stand ein riesiger Kastanienbaum. Da sind die geistlichen Schwestern immer druntergesessen.

 

An welche BewohnerInnen können Sie sich noch erinnern?

Den Karl kannten sie im ganzen Ort. Der hatte immer einen Gürtel mit lauter Holzmessern umgeschnallt und hat immer herumgeschrien: „Die fetten Weiber stech ich alle ab.“ (Lacht.) Der Johann wurde immer „Schulleiter“ genannt. Er konnte zwar nicht sprechen, wurde aber immer mit Briefen aufs Postamt geschickt und marschierte gerne neben der Musikkapelle. Die Fanni war ein junges Mädchen. Die war mir immer während der Nacht unheimlich, da sie so laut geschrien hat.  Überhaupt hab ich mich vor den Nachtdiensten gefürchtet. Der „Flohbeutl“ war ein junger Bursch, der immer „Gfraster von Hartheim“ gesagt hat. Wahrscheinlich wurde er selbst von der Bevölkerung so genannt.

 

Was haben die BewohnerInnen gemacht?

Wir hatten eine tolle Näherei. Dort ließ ich mir einmal ein Kostüm nähen und auf Taschentücher ein Muster sticken. Wir hatten einen Chor, es ging uns gut. Im Stall arbeiteten die Burschen, die Mädchen halfen in der Küche und im Garten mit.

 

Was geschah 1940?

Es hieß, wir sollten packen, da wir vorübergehend ausquartiert werden. Das Schloss solle umgebaut werden, dann können wir wieder zurückkehren. Das haben wir natürlich geglaubt. Dem war aber nicht so, schließlich kamen wir nach Niedernhart in Linz. Dort war ich in der Küche beschäftigt. Ich kann mich erinnern, dass wir im Pavillon im Garten Berge von Kartoffeln geschält haben. Ich war sehr traurig, denn ich war weg von meinen Eltern und Brüdern, die in Alkoven lebten. Es tat mir sehr leid um das Schloss.

 

Wann haben Sie mitbekommen, was mit den kranken und behinderten Menschen passiert ist?

In der Küche wurde gemunkelt und die geistlichen Schwestern haben sehr oft geweint. Eines Tages ist der Pfleger, der die Kranken mit dem „grünen Heinrich“ wegtransportiert hat, nicht mehr zurückgekommen. Die Schwestern haben gesagt, er hätte sich erschossen. Da hab ich auch mitgeweint. Außerdem hatten wir immer weniger Geschirr zu waschen, immer weniger Kartoffeln zu schälen und die Abteilungen standen mit der Zeit teilweise leer. Ich kann mich noch an die Julie erinnern. Das war ein Mädchen, das hatte immer einen Kaffeebecher am Gürtel hängen. Die war einmal einige Tage weg und als sie zurückkam, hat sie uns dann erzählt, dass sie einen schrecklichen Traum gehabt hätte. Sie sei unter lauter Toten gelegen. Niemand hat ihr geglaubt, alle sagten, sie spinne.

 

Was haben die Leute über Schloss Hartheim während dieser Zeit gesprochen?

Eine Frau aus Alkoven hat mir erzählt, dass es im Ort furchtbar stinke, wenn es beim Schloss hinausrauche. Die Bäckerin hat geschildert, dass im Schloss immer die gleiche Menge an Brot gebraucht wird, obwohl so viele Menschen mit den Bussen hingebracht werden.

 

Gegen Ende des Krieges waren Sie noch einmal in Hartheim.

Schwester Liberata wurde mit kleinen Kindern nach Hartheim geschickt, um diese dort zu betreuen. Sie hatten kaum etwas zu essen und ihnen war sehr kalt. Ich wurde gebeten, ihr warme Schuhe zu bringen. Als ich dort war, war schon alles weggeräumt. Ich kann mich noch an eine Frau erinnern, die irgendwas verbrannt hat. Schwester Liberata hat mir gesagt, dass es überall so ausschaue und es schmutzig sei. Das war 1945. Danach habe ich das Schloss nie mehr betreten, bis heute.

 

Wie wurde im Nachhinein über die Morde in Hartheim gesprochen?

Es wurde nichts darüber geredet. Jeder war mit viel Arbeit beschäftigt. Die letzten Kriegsjahre und die Zeit bis zu meiner Pensionierung habe ich in der Küche des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern gearbeitet und auch in Linz gewohnt. 1977 kam ich nach Alkoven zurück.

NS-Euthanasie in Schloss Hartheim

Schloss Hartheim war von 1898 bis 1940 eine Einrichtung für die Betreuung geistig behinderter Menschen durch die Barmherzigen Schwestern vom Orden des hl. Vinzenz von Paul. Nach der Beschlagnahme durch die NS-Behörden wurde eine der sechs Euthanasiestätten des Dritten Reiches daraus. Von Mai 1940 bis August 1941 wurden über 18.000 kranke und behinderte Menschen ermordet. Ärztlicher Leiter von Hartheim und auch der Gau- Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart Linz war Rudolf Lonauer. In seinen beiden Funktionen realisierte er ein effizientes System zur Durchführung der Erwachseneneuthanasie. Niedernhart fungierte als ‚“Zwischenanstalt“ auf dem Weg nach Hartheim. Vom Sommer 1941 bis zum Spätherbst 1944 wurden dann im Rahmen der Aktion 14f13 mehrere Tausend kranke Häftlinge aus den KZs Mauthausen und Dachau sowie Zwangsarbeiter ermordet. Die Zahl der Opfer in Hartheim beläuft sich auf nahezu 30.000 Menschen. Als die lokale Bevölkerung immer mehr Fragen stellte, wurde sie zu einem Treffen geladen und unter Androhung von Konsequenzen auf Verschwiegenheit eingeschworen. Die Mitglieder einer örtlichen Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime wurden im Jänner 1945 hingerichtet. Erst 2003 wurde für sie ein Denkmal errichtet. 1944/45 wurden die Einrichtungen der Euthanasieanstalt abgebrochen und versucht, die Spuren zu verwischen. Zur Verschleierung der Geschehnisse wurden im Schloss Anfang 1945 Schülerinnen der Gauhilfsschule Baumgartenberg mit ihren Betreuerinnen, geistlichen Schwestern, untergebracht.