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12/22

„Wir sind behindert – und werden behindert“

„Wir sind behindert – und werden behindert“

Karin Stöckler ist Vizepräsidentin des ÖZIV – der österreichweiten zukunftsorientierten Interessenvertretung für Menschen mit Behinderungen. Sie selbst hat von Geburt an die „Glasknochenkrankheit“. Im Interview berichtet sie von ihrem eigenen Lebensweg und ihren Wünschen für Bildung, die alle Menschen inkludiert.

Frau Stöckler, was haben Sie für eine Behinderung?

Sie nennt sich Osteogenesis imperfecta, im Volksmund ist sie als Glasknochenkrankheit bekannt. Die Knochenbildung ist dabei gestört, die Knochen sehr brüchig. In meinen ersten beiden Lebensjahren habe ich mir so ziemlich jeden Knochen gebrochen, den man sich brechen kann. Ich musste nur erschrecken, man musste mich nur hochheben und schon hatte ich wieder eine Fraktur. Zum Glück kann ich mich an diese Zeit nicht erinnern. Meine Eltern und meine Schwester haben das aber sehr gut gemeistert.

 

Wie ging es weiter? Wie war die Schulzeit für Sie?

Ich bin ganz „normal“ aufgewachsen, war bei den Kindern in der Nachbarschaft integriert. Man hat mich überallhin mitgeschleppt. Ich habe alles ausprobiert und meine Eltern haben mich gelassen. Ich glaube, das war ganz wichtig, obwohl klar war, dass jederzeit wieder eine Fraktur passieren kann. Und die sind natürlich auch passiert, aber ich durfte immer Kind sein, wurde nie ausgegrenzt. In den Kindergarten konnte ich nicht gehen, das wäre doch zu gefährlich gewesen, aber mit sechs Jahren wurde ich in die reguläre Volksschule eingeschult.

 

Waren Sie da schon im Rollstuhl?

Ich konnte damals schon mit Achselkrücken laufen, die mein Vater, der Tischler war, für mich angefertigt hat. Ich habe sie bei ihm bestellt und er hat sie mir gemacht. In der Schule hat man mir dann einen Bürostuhl angeschafft, der war rot mit weißen Punkten und vorne war eine Sicherheitskette, damit ich nicht herausfalle. Mit diesem Stuhl hat man mich in der Schule hin- und hergeschoben. Ich war ja noch sehr leicht, deshalb haben mich meine Lehrerin und später auch meine MitschülerInnen getragen, wenn wir in den oberen Stock mussten.

 

Wie sind Ihre MitschülerInnen damit umgegangen?

Ich kann nur sagen: Die Schulzeit war eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Ich wurde nicht ein einziges Mal ausgeschlossen, war immer Teil der Klasse. Selbst als ich mit schlimmeren Frakturen lange liegen musste, kamen die Lehrerin und meine SchulkollegInnen zu mir nach Hause, um mit mir zu lernen, sodass ich kein Schuljahr wiederholen musste.

 

Das ist vermutlich nicht der Normalfall, dass alles so toll funktioniert. Warum eigentlich nicht?

Ich denke, es kommt auf alle beteiligten Personen an: die MitschülerInnen, die behinderte Person selbst und natürlich ist die Bereitschaft der Lehrperson wichtig, das mitzutragen und die zusätzliche Unterstützung zu leisten. Diese Selbstverständlichkeit muss von allen Seiten kommen. Auch die Eltern sind natürlich gefragt, zu akzeptieren, dass auch mal etwas passieren kann. In meinem Fall haben meine Eltern unterschrieben, dass die Schule nicht haften muss, wenn mir etwas passiert.

„Bei unseren Klassentreffen wurde mir auch später immer wieder gesagt, wie wichtig es war, dass ich dabei war, weil sie dadurch einen anderen Umgang mit Menschen mit Behinderungen hatten.“

Inwiefern kommt es auf die behinderte Person selbst an?

Ich kann hier nur für mich selbst sprechen. Ich will meine Behinderung nicht in den Vordergrund stellen. Wenn wir eine inklusive Gesellschaft wollen, dann muss ich als Mensch mit Behinderung meinen Part dazu beitragen und nicht nur sagen: Man muss das und jenes für mich machen und das und jenes steht mir zu. Natürlich brauche ich Unterstützung, damit ich mein Leben bewältigen kann. Aber darüber hinaus möchte ich nicht auf meine Behinderung reduziert werden oder ständig darauf angewiesen sein, dass darauf Rücksicht genommen werden muss. Solche Sonderbehandlungen würden, denke ich, auch andere Kinder im Schulsystem überfordern. Ich kann mir auch vorstellen, dass es sogar in Neid umschlagen kann und dann wieder zu Ausgrenzung führt.

 

Wann sind Sie zum ersten Mal an eine Grenze gestoßen in Ihrer Schullaufbahn?

Eigentlich war es eine bauliche Barriere: In der Hauptschule gab es keinen Lift. Meine Mutter hat mich also jeden Tag über die Stiegen in die Klasse hineingebracht und auch wieder abgeholt. Das war nicht ganz einfach. Nach der Hauptschule war dann die große Frage: Wie geht es weiter? Natürlich hat sich eine Ausbildung in Richtung Büro und kaufmännische Lehre angeboten: also die Handelsschule. Die war aber in Bregenz, also circa 10 Kilometer entfernt, und meine Mutter hatte keinen Führerschein. In ein Internat wollte ich nicht. Und so kam es dann mit Unterstützung der Landesregierung zu der Lösung, dass ich vom Bus des Schulheims Mäder, einer Schule für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung, abgeholt und in die Handelsschule gebracht wurde. Dort hat schon der Hausmeister auf mich gewartet, der mich vom Auto abgeholt und in die Klasse getragen hat.

 

Wie war es mit den MitschülerInnen dort?

Überhaupt kein Thema. Es war eine schöne Schulgemeinschaft, ich war total integriert, hatte Freunde und Freundinnen wie jede andere auch. Sie wollten mich sogar auf die Schiwoche mitnehmen, nachdem ich dort aber nicht viel tun hätte können, habe ich abgelehnt. Dann kam die Wienwoche mit der ganzen Klasse. Meine Mutter hat sich als Begleitperson angeboten, aber meine MitschülerInnen haben gesagt, sie kümmern sich um mich. Damals war ich schon im Rollstuhl beziehungsweise konnte kurze Strecken mit den Krücken zurücklegen, aber es hat tadellos funktioniert. Ich war überall mit dabei, jede/r hat zugepackt und mich getragen, wenn nötig. Und es ist nichts passiert.

 

Ich denke an Ihrem Beispiel sieht man, wie sehr Kinder ohne Behinderung von Inklusion profitieren, oder?

Absolut. Bei unseren Klassentreffen wurde mir auch später immer wieder gesagt, wie wichtig es war, dass ich dabei war, weil sie dadurch einen anderen Umgang mit Menschen mit Behinderungen hatten. Weil diese Barrieren in den Köpfen automatisch fallen, wenn man merkt, dass die Behinderung nicht mehr bedeutet, als dass ich manche Sachen eben nicht oder mit Unterstützung machen kann. Aber vom Menschlichen her waren wir immer auf Augenhöhe. Ich denke, das gibt den Menschen sehr viel für ihr zukünftiges Leben, hat aber auch mich geprägt.

„Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderung ist höher als unter Nichtbehinderten.“

In der Zwischenzeit sind Sie Vizepräsidentin des ÖZIV und Präsidentin des ÖZIV Vorarlberg. Wie sind in dieser Funktion Ihre Forderungen an das Bildungssystem?

Wir hatten im September die Inklusionsdemo beziehungsweise Mahnwachen, um gegen die Unterlassung der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beziehungsweise gegen den neuen „Nationalen Aktionsplan Behinderung“ zu protestieren, weil darin unter anderem inklusive Bildung nicht wirklich berücksichtigt wird. Wie kann man einen nationalen Aktionsplan beschließen, obwohl viele Behindertenverbände dagegen Einspruch erhoben haben? Das finde ich sehr schade. Die UN-Behindertenrechtskonvention besteht ja und wurde 2008 von Österreich ratifiziert. Die sollten wir dann auch umsetzen und leben. Auch wenn es in Vorarlberg, soweit mir berichtet wird, ganz gut funktioniert und wirklich versucht wird, das Beste für jedes Kind zu erreichen, wäre es wünschenswert, wenn alle Kinder in die Regelschule gehen könnten, wenn diese Inklusion gelebt werden könnte. Dazu braucht es auch die Bereitschaft vom Lehrpersonal beziehungsweise mehr Personal und Zusatzlehrer. Ich denke auch, dass es wichtig wäre, LehrerInnen schon bei der Ausbildung in das Thema Menschen mit Behinderungen einzuführen beziehungsweise damit vertraut zu machen, denn oft gibt es Ängste im Umgang mit behinderten Menschen. Sensibilisierung, aufeinander zuzugehen, auf Augenhöhe sein: Dass man da schon möglichst früh ansetzt, das fände ich wichtig.

 

Wo liegen denn die größten Schwächen des Bildungssystems, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht?

Bis 18 Jahre haben wir in Österreich ja die Ausbildungspflicht. Für Menschen mit Behinderung ist es oft nicht klar, wie es nach der Pflichtschule, mit 15, 16 Jahren, weitergeht. Da bräuchten sie Unterstützung. Denn nur mit einer guten Ausbildung gibt es nachher auch bessere Chancen am Arbeitsmarkt und damit verbunden zufriedenstellende Verdienstmöglichkeiten.

 

Gute Ausbildung und gute finanzielle Absicherung hängt direkt zusammen. Ist man als Mensch mit Behinderung eher armutsgefährdet?

Ja, schon. Weil häufig keine andere Möglichkeit bleibt als eine Werkstättentätigkeit. Diese Werkstätten sind großartige Einrichtungen, aber es gibt nach wie vor keinen Lohn für die Menschen, die dort arbeiten, sondern nur ein Taschengeld. Und mit einem Taschengeld kann man sich nicht viel leisten. Auf der anderen Seite braucht es aber auch die Bereitschaft von Unternehmen, Menschen mit Behinderung anzustellen. Die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderung ist höher als unter Nichtbehinderten.

 

Sind Frauen mit Behinderungen nochmal stärker betroffen?

Hier kommen zwei Dinge zusammen – Behindertsein und Frausein. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung berichten, dass ich, auch als ich noch bei der Gemeinde tätig war, immer 120 Prozent gegeben habe, egal wobei. Einfach, um zu beweisen, dass ich es kann, weil viele Leute schon denken, dass man aufgrund der Behinderung nicht so leistungsfähig ist. Als Mensch mit Behinderung und nochmal als Frau muss man nochmal mehr beweisen.

 

Österreich hat die UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2008 ratifiziert. Darin steht, dass jeder Mensch das Recht auf Bildung hat. Wie schwierig ist es, dieses Recht einzufordern?

Das ist schwer zu beantworten. Es gibt in Vorarlberg die FIDS (Fachgruppe für Inklusion, Diversität und Sonderpädagogik), die den Übergang von Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf vom Kindergarten in die Schule bestmöglich begleitet. Schlussendlich liegt es aber an den Eltern zu sagen: Das wollen wir für unser Kind – und das nicht. Manchmal fängt das an mit dem Transport, mit der Frage: Wie kommt das Kind zu und von der Schule? Da wäre es wichtig, dass das selbstverständlich wird und nicht eingefordert werden muss.

 

Welche Möglichkeiten gibt es, Menschen ohne Behinderungen zu sensibilisieren? Wie kann man das schaffen?

Was mir so vorschwebt, geht in die Richtung Inklusion. Dass in Schulen wie dem Schulheim Mäder oder dem Schulzentrum für Hörgeschädigte auch Kinder ohne Behinderung gehen könnten und diese dort inkludiert werden, sodass nicht das Kind mit Behinderung das Ausnahmekind in der Klasse ist: Inklusion also, die in beide Richtungen funktioniert. Nicht jede Schulzeit läuft so toll wie das bei mir gelaufen ist, es gibt Mobbing, Ausgrenzung. Mir würde es gefallen, dass die Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf alles an einem Ort haben und nicht nach der Schule noch zur Therapie und so weiter gefahren werden müssen: gelebte Inklusion an einem Ort mit Unterstützung von Lehrpersonal und pflegerischer/therapeutischer Begleitung.

 

Was ich heraushöre, ist, dass die größte Hürde, die vor allen anderen steht, die fehlende Sensibilisierung ist.

Auf jeden Fall. Und ich denke, dass hier in der LehrerInnenausbildung noch Aufholbedarf ist. Miteinander inklusiv umzugehen, das muss von allen Seiten kommen. Und Kinder sind meistens sehr aufgeschlossen. Ich habe im Vorarlberger Landhaus Führungen für Schulkinder gemacht. Ich bin Teil des sogenannten „Chancen-Teams“: Menschen mit Behinderungen zeigen den Kindern das Landhaus, wobei die Kinder natürlich auch Fragen stellen dürfen. Es kommen oft Kinder, die bisher überhaupt keine Berührungspunkte zu Menschen mit Behinderungen hatten und wenn ich frage, wer mich die 100 Meter in den nächsten Raum schieben kann, gibt es ein richtiges Gerangel. Wir müssen alle 10 Meter stehen bleiben und den Rollstuhlschieber wechseln. Ich finde das so toll: Die kommen auf mich zu und da merkt man wieder, dass Kinder oft gar keine Berührungsängste – Barrieren in den Köpfen – haben.

 

Sie haben einen Wunsch frei. Was wünschen Sie Menschen oder Kindern mit Behinderung für Ihre Ausbildung?

Dass Kinder einfach in ein inklusives Schulsystem aufgenommen werden, ohne bauliche und menschliche Barrieren. Und dass die Unterstützungsleistungen, die das Kind benötigt, einfach gewährt werden. Dass Eltern beziehungsweise überhaupt Menschen mit Behinderungen nicht ständig als Bittsteller dastehen müssen – ein Kind mit Behinderung zu haben, ist so schon eine große Aufgabe. Ich denke, davon müssen wir weg. Wir sind keine Bittsteller. Bildung steht uns zu. Wir sind behindert, aber wir werden eigentlich durch die Umstände behindert.