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12/22

 „Wir brauchen die Kinder für die Zukunft“

 „Wir brauchen die Kinder für die Zukunft“

Es sei noch zu wenig reflektiert, wie wichtig der Kindergarten als erste Bildungseinrichtung im Leben eines Menschen sei, meint Edith Bürgler-Scheubmayr. Als Mitglied des Caritas-Vorstands in Oberösterreich ist sie unter anderem zuständig für kirchliche Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen.

Was sind aus Ihrer Sicht die drängenden Probleme in der Elementarpädagogik, was brennt den PädagogInnen unter den Nägeln?

Kindergarten, Krabbelstuben und Horte haben im Laufe der Entwicklung eine Veränderung erfahren. Wir haben uns von einer stärkeren Orientierung auf Betreuung und Pflege von Kindern in Richtung einer Einrichtung, die tatsächlich Bildungseinrichtung ist, in der die Bildungsbiographie von Kindern einen ganz wesentlichen Stellenwert hat, entwickelt.  Auch deshalb, weil die gesamte wissenschaftliche Forschung, die Neurobiologie, die Bildungstheorie besagen, dass diese Zeit bis zum sechsten Lebensjahr so eminent wichtig ist. Der österreichische Bildungsrahmenplan baut auf dieser Grundlage auf und dient als Standard für das gesamte Arbeiten in diesen Einrichtungen. Wir wissen, dass es dafür ausreichend fachlich ausgebildetes Personal braucht. Man geht davon aus, und das sagen alle Studien unisono, es sollten zwei pädagogisch ausgebildete Fachkräfte für 20 Kinder in der Altersstufe zwischen drei und sechs Jahren zur Verfügung stehen. Und da beginnt die Problematik – weil man einerseits im Hinblick auf einen erfolgreichen Eintritt in die Schule Bildung schon im Kindergarten stark forciert hat, aber auf der anderen Seite zu wenig getan hat im Hinblick auf die Vorsorge von qualifiziertem Personal. In Oberösterreich arbeiten eine pädagogische Fachkraft und eine Assistentin oder ein Assistent mit kurzer Ausbildung in der Gruppe mit 23 Kindern. Durch das hohe Engagement der MitarbeiterInnen hatte man auch gute Erfolge, und durch Wohlwollen der Gemeinden waren viele Einrichtungen auch in der Lage, vielleicht noch ein bisschen zusätzliches Personal zu stellen. Aber es war immer sehr, sehr knapp. Doch jetzt, mit dieser beginnenden, doch extremen Mangel-Situation am Arbeitsmarkt, droht dieses System zu kippen.  Viele AbsolventInnen der BAfEPs (Anm.:  Bundesbildungsanstalten für Elementarpädagogik) entscheiden sich nach der Matura, nicht im Kindergarten zu arbeiten, sondern zu studieren. Besonders beliebt ist dabei das Studium an einer pädagogischen Hochschule, um LehrerIn zu werden.

Das heißt, es kommen nach der Matura noch viele AbsolventInnen abhanden?

Ja. Ich habe keine hundertprozentigen Zahlen, aber weniger als 50 Prozent der Absolventinnen und Absolventen von BAfEPs gehen in den Beruf. Das sind zu wenige, um den Bedarf abdecken zu können, vor allem dann, wenn wir immer von Ausbau der Kinderbildung und -betreuung reden. Und die Thematik ist: Die jungen Menschen sind auch mit Berufseintritt nicht bis zur Pensionierung verheiratet mit einem Beruf. Es gibt viele, die nach den ersten zwei bis drei Berufsjahren wechseln oder eben eine höherwertige Ausbildung anstreben, mit der die Verdienstmöglichkeit besser ist.

Sind die Arbeitsbedingungen für diese jungen Menschen nicht optimal, ist der Beruf oder sind die Rahmenbedingungen zu wenig attraktiv?

Wir haben in einer Mitarbeiterinnen- und Mitarbeiterbefragung 2019, knapp vor Beginn der Pandemie, ein interessantes und irgendwie auch bestätigendes Ergebnis erhalten. Daraus war so sichtbar, dass die Mitarbeitenden extrem motiviert sind für den Beruf – das ist schon mehr Berufung. Da gibt es wirklich dieses Ideal und die Sehnsucht, Kinder in ihrer jeweiligen Entwicklung bestmöglich begleiten und unterstützen zu können, auch mit gezielter Bildungsarbeit unterstützend zu wirken und Kindern – egal, aus welchen Familien sie kommen – einen guten Start zu ermöglichen. Und dann sind diese motivierten Menschen konfrontiert mit großen Gruppen – das heißt in Oberösterreich 23, mitunter bis zu 25 Kinder. Und so wie unsere Gesellschaft sich verändert, dynamischer und schneller wird, neue Medien im Einsatz sind, wird es immer herausfordernder, mit Kindern und auch den Eltern zu arbeiten. Wir wissen, dass die Kinder einzelne Persönlichkeiten sind, die unterschiedliche Lern- und Entwicklungsgeschwindigkeiten haben. Und das braucht Zeit für Aufmerksamkeit. Vor allem Kinder, die vielleicht mehr brauchen würden, bekommen dann nicht mehr die nötige Unterstützung – und das frustriert. Dazu ist jetzt noch Corona gekommen. Das ist eine explosive Mischung.

„Für proaktive Bildungsarbeit brauche ich Zeit zum Beobachten, zum immer wieder Neues anstoßen.“

Müsste auch bei der Ausbildung noch angesetzt werden?

Ich glaube schon, dass wir im Kontext von Ausbildung ganz gezielt daran arbeiten müssen, Menschen zu einem späteren Zeitpunkt für diese Tätigkeit zu begeistern, nicht unbedingt im Alter von 14 Jahren. Die Zahlen zeigen: Absolventinnen und Absolventen von Kollegs mit einem höheren Einstiegsalter bleiben dann auch im Beruf. Sie bringen mehr Lebenserfahrung mit als die 19-jährigen MaturantInnen nach der BAfEP. Wir glauben, dass wir sehr wohl in diesem Bereich Impulse setzen müssen. Glücklicherweise kann man jetzt für diese Kollegausbildung auch ein Fachkräftestipendium beantragen. Aber wir wissen alle, dass eine Ausbildung nicht nur ein Fachkräftestipendium braucht, sondern dass man mit gezielten Rahmenbedingungen, mit Ausbildungs- oder Schulgeld und allem Möglichen auch finanzielle Anreize schaffen kann, damit Menschen sich diesen Umstieg auch leisten können. Wir wissen aber auch, dass die AssistentInnen mit kurzer Ausbildung dringend gebraucht werden, dass, wenn sie zusätzlich unterstützend in den Einrichtungen sind, es auch die Berufszufriedenheit der Fachkräfte stärken kann.

Also der bekannte Erwachsenen-Kind-Schlüssel …

… das ist das Maßgebliche, genau. Bei einem dreigruppigen Kindergarten zum Beispiel sprechen wir in OÖ von sechs erwachsenen Personen mit bis zu 69 Kindern. Wenn da jemand vom Personal spontan ausfällt, ist das eine extreme Belastung. Allein kann die Aufsicht nicht gewährleistet werden. Pädagoginnen und Pädagogen machen sich Sorgen – wenn sie krank sind, sind ihre KollegInnen belastet.

Wie Sie bereits gesagt haben, hat sich der Kindergarten von einer ursprünglichen Betreuungseinrichtung zu einer Bildungseinrichtung entwickelt. Die dazugehörenden Aufgaben können unter diesen Rahmenbedingungen aber wohl nur schwer wahrgenommen werden.

Es geht um Bildungsimpulse. Aber wenn man nur damit beschäftigt ist, Notlagen abzudecken, ist das schwierig, ja. Für proaktive Bildungsarbeit brauche ich Zeit zum Beobachten, zum immer wieder Neues anstoßen.

 

„Menschen, die mit Kindern arbeiten, gebührt gesellschaftlich höchste Anerkennung.“

Ist die Elementarpädagogik der Gesellschaft oder der Politik zu wenig wert?  

Ich bin felsenfest überzeugt, dass zu wenig reflektiert und verstanden ist, welchen Wert diese Zeit im Leben eines Menschen, die Kinderbildung und -betreuung hat. Es wird vielfach übersehen, dass diese Phase so etwas Zentrales ist. In dieser Zeit erlebt ein Mensch so viele Dinge zum ersten Mal. Da geht es auch um all diese Themen wie Konfliktfähigkeit, Selbstbewusstsein – und es sind in dem Fall die PädagogInnen und MitarbeiterInnen in den Einrichtungen, die da sind und einen großen Einfluss darauf haben, durch ihre Arbeit und wie sie sich verhalten, wie sie sich einbringen.  Ich glaube, es ist vielen gar nicht bewusst, was möglich ist und was man aber auch kaputtmachen kann.

Das heißt, es müsste mehr investiert werden?

Ja, ich glaube, dass man den Wert hoch ansetzen muss – vor allem auch, wenn man die angepeilten Ziele erreichen will. Wir brauchen die Kinder für die Zukunft. Da müssen wir tatsächlich Geld in die Hand nehmen, um einen möglichst guten Rahmen zu schaffen. Es gibt langjährige Studien, die den Einfluss elementarer Bildung auf die Berufsbiografie von Menschen belegen. Die Forschenden betonen, dass die Kindergartenzeit eine so besondere und wertvolle Zeit ist und das Personal, das mit den Kindern arbeitet, das müssen die klügsten Köpfe einer Gesellschaft sein, denn dort ist der Ausgangspunkt für die restliche gesellschaftliche Entwicklung. Und Menschen, die mit Kindern arbeiten, gebührt gesellschaftlich höchste Anerkennung. Diese Anerkennung, die man jetzt bei uns vielleicht Ärztinnen und Ärzten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu eigen werden lässt, die braucht es dort.

Wird es von der Gesellschaft fast noch ein bisschen abwertend gesehen, wenn jemand „nur KindergärtnerIn“ ist?

Wenn ich an die Eltern denke, ist es, glaube ich, mittlerweile geprägt von hoher Dankbarkeit und Wertschätzung. Aber ich bin manchmal überrascht, dass die Eltern lange Öffnungszeiten wünschen, aber kaum jemand sagt: „Ich will für meine Kinder die am besten ausgebildete Pädagogin, die die meisten Kompetenzen mitbringt.“ Es bleibt noch viel zu tun.