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11/22

„Wir arbeiten am Kern des Menschseins“

„Wir arbeiten am Kern des Menschseins“

Martina Kronthaler (54) ist Generalsekretärin des Vereins „aktion leben österreich“, der sich seit über 60 Jahren dafür einsetzt, Schwangerschaftsabbrüche zu vermeiden.

Frau Kronthaler, welchen Trend nehmen Sie in Beratungen Ihrer Organisation aktuell wahr?

Während der Pandemie nahmen mehr Frauen und Paare als je zuvor unsere Beratung in Anspruch. Viele Frauen waren besorgt, ob eine Infektion ihr Kind gefährdet. Sie fühlten sich in der Arbeit oft wenig geschützt, weshalb wir uns erfolgreich für einen vorzeitigen Mutterschutz einsetzten. Schon länger beobachten wir, dass auch mehr Männer mit in die Beratung kommen. Eine positive Entwicklung!

Warum ist das so?

Weil wir sie mit Männerberatung und Vätercoaching dezidiert ansprechen. Viele wollen aktive Väter sein, Verantwortung übernehmen. Der hohe Anspruch, den sie an sich selbst haben, überfordert sie aber oft. Sie schätzen es sehr, dass sie gut beraten werden und sich mit der Partnerin bei uns gut austauschen können.

„Wenn es durch die Geburt finanziell eng würde, bieten wir dank Spenden bis zum zweiten Geburtstag des Kindes langfristige finanzielle Unterstützung an - zahlen zum Beispiel eine Familienhelferin.“

Aus welchen sozialen Milieus stammen die werdenden Eltern?

Aus allen. Manche Frauen haben keinen Schulabschluss, andere sind Akademikerinnen. Viele plagen Ängste, wenn sie davor vielleicht schon ein Kind verloren haben. Etliche sind sehr im Konflikt, fühlen Panik oder Überforderung. Das passiert auch bei „geplanten“ Kindern. Oft spielt die eigene Biografie eine Rolle: Wie sehr war ich selbst willkommen? Wurden Probleme in der Familie besprochen und gelöst? Unsere Politik ist immer noch nicht sehr freundlich gegenüber Frauen, besonders auch gut ausgebildeten, die Kinder bekommen möchten. Vor allem jene mit Migrationshintergrund haben finanzielle Probleme, die sich durch Schwangerschaft und Geburt eines Kindes verstärken. Auch sie möchten ihren Kindern ein Nest und ein Zuhause schaffen.

Welche Lösungsvorschläge bieten Sie bei ungeplanten Schwangerschaften an?

Wir gehen sehr individuell auf Frauen und Paare ein. Oft geht es um: Wie gehe ich mit Ungeplantem im Leben um? Bekomme ich Familienbeihilfe und Kinderbetreuungsgeld? Selbstständige Frauen haben es besonders schwer. Wenn es durch die Geburt finanziell eng würde, bieten wir dank Spenden bis zum zweiten Geburtstag des Kindes langfristige finanzielle Unterstützung an – zahlen zum Beispiel eine Familienhelferin.

Weiß man, wie viele werdende Eltern sich dafür entscheiden, ihr Kind zu behalten?

Da in Österreich keine Zahlen zu Abbrüchen erhoben werden, wissen wir das nicht.

Warum setzen Sie sich für „aktion leben“ ein? 

Es ist die lohnendste Arbeit, die es gibt: Wir arbeiten am Kern des Menschseins.

Dieses Interview ist in der „Welt der Frauen“ Oktober 2021-Ausgabe erschienen. Erhältlich als Einzelheft in unserem Shop, zum Testabo geht es hier.