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„Wenn du mich wirklich liebst, dann …“

Emotionale Erpressung kommt in Beziehungen häufig vor und zählt zur psychischen Gewalt. Die Partnerin oder der Partner soll durch Manipulation geformt und kontrolliert werden. Was steckt hinter diesem Muster und wie können Betroffene besser für sich sorgen?

Die Beziehung begann wie ein Märchen und endete in einem Albtraum“, sagt Julia Berger*. Das Kennenlernen war himmlisch, die 31-Jährige hatte zuvor noch nie solche Gefühle für einen Mann gehabt. Er empfand genauso, überhäufte die Bürokauffrau mit Liebesbekundungen, war aufmerksam und schien immer zu wissen, was Berger gerade brauchte. Doch schon bald machte sie in seinen Augen alles falsch. Antwortete sie nicht gleich auf seine SMS-Nachrichten, bombardierte er sie mit Anschuldigungen. „Ich dachte, dir würde unsere Beziehung etwas bedeuten. Da habe ich mich wohl getäuscht.“ Wollte sie alleine oder mit Freundinnen etwas unternehmen, hieß es: „Mach, was du willst! Das tust du ja sowieso immer. Du bist egoistisch.“ Hatte Berger keine Lust auf Sex, schnaubte ihr Partner laut, ignorierte sie oder begann zu sticheln. „Meine Bedürfnisse sind dir egal. Wundere dich nicht, wenn ich sie eines Tages woanders auslebe.“ Tat er ihr einen Gefallen, so verwendete er es später als Druckmittel: „Weißt du noch, als ich dich zu deinem Geschäftsessen begleitet habe? Wenn du mich wirklich liebst, springst du auch einmal über deinen Schatten.“ Immer wieder kam es zum Streit. Obwohl Berger wusste, dass die Behauptungen ihres Freundes nicht stimmten, rechtfertigte sie sich und versuchte, ihm ihre Liebe zu beweisen. Solange sie sich so verhielt, wie er wollte, war er zärtlich und charmant. Wenn nicht, wurde er wütend, demütigte Berger und „bestrafte“ sie, indem er die Beziehung oft aus heiterem Himmel beendete, um kurz darauf die Trennung wieder rückgängig zu machen. Warum sie bei ihm blieb? „Auch wenn ich wütend auf ihn war, fühlte ich mich schuldig. Ich war unsicher, ob ich selbstsüchtig war, wenn ich meinen Freiraum wollte.“

* Name von der Redaktion geändert

Wie können Sie in einer manipulativen Beziehung gut für sich sorgen?

Ihre Bedürfnisse müssen einen legitimen Platz in Ihrer Beziehung haben. Das Kriterium dabei: Nur Sie alleine entscheiden, was Ihre Bedürfnisse sind – unabhängig von den Reaktionen anderer Menschen.

Holen Sie nicht zum Gegenschlag aus, erpressen Sie nicht Ihrerseits.

Macht Ihnen Ihre Partnerin oder Ihr Partner einen Vorwurf, nehmen Sie sich in Ruhe Zeit und spüren Sie: Könnte sie oder er recht haben? Wenn Sie keinen Grund dafür sehen, können Sie sagen: „Schade, dass du das so siehst. Aber ich empfinde es anders.“

Für beide Seiten gilt: Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse sollten klar kommuniziert werden. Die Partnerin oder der Partner kann dann selbst entscheiden, ob sie oder er etwas erfüllen möchte oder nicht.

Versprechen Sie sich selbst, dass Angst-, Pflicht- und Schuldgefühle nicht mehr länger Ihre Entscheidungen steuern. Sollten Sie in gewohnte Verhaltensmuster zurückfallen, verurteilen Sie sich nicht. Jeder Mensch darf Fehler machen.

Anmerkung: Bei körperlicher Gewalt gelten die oben genannten Punkte nicht. Holen Sie sich schnellstmöglich Hilfe! Notruf-Hotline: 0800 112 112

An manipulative Partner geraten oft Menschen, die …

… ein hohes Maß an Empathie besitzen.
… kein oder ein schlechtes Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen besitzen.
… oft schon in den Herkunftsfamilien der Sündenbock waren oder manipuliert wurden, mit Sätzen wie: „Wenn du nicht brav bist, dann …“ oder auch: „Die Mama ist traurig, wenn du das machst“.
… Anerkennung und Bewunderung im Außen suchen.
… sich für das Wohlergehen anderer Menschen verantwortlich fühlen.
… Angst vor Wut und ein starkes Harmoniebedürfnis haben.
… an sich selbst zweifeln.

Bärbel Wardetzki:
Und das soll Liebe sein?
dtv Verlag, 16,90 Euro

Susan Forward:
Emotionale Erpressung. Wenn andere mit Gefühlen drohen.
Goldmann Verlag, 10,30 Euro

Tanja Grundmann:
Emotionale Manipulation in der Partnerschaft.
E-Book, 14,95 Euro
www.beziehung-in-balance.de

Mehr zum Thema finden Sie in der Printausgabe.

Fotos: plainpicture/Markus Rauchenwald, Maik Kern, Adobe Stock

Erschienen in „Welt der Frauen“ 11/18