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11/22

Weiblichkeit

Weiblichkeit

W für Wasser wie W für Weiblichkeit. Zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Doch vielleicht sind sie miteinander verbunden?

Für mich hat Weiblichkeit in erster Linie wenig mit dem Äußerlichen oder Optischen zu tun. Die ersten Begriffe, die mir bei „Weiblichkeit“ in den Kopf kommen, sind „stark“ und „kraftvoll“. Doch sie bedeutet viel mehr. Weiblichkeit ist hingebungsvoll, nährend, selbstlos und warm. Gleich dem Wasser, das mächtig und stark sein kann und doch so weich und ruhig. Wasser hat etwas Schöpferisches, aus dem Wasser kommt alles Leben und es ist Lebensraum für viele Wesen. Wasser ist vielfältig, erscheint in den unterschiedlichsten Formen und Farben und jede glänzt auf ihre Art und Weise. Für mich treffen all diese Eigenschaften genauso auf die Weiblichkeit zu.

Doch wie fast alles eine Sonnen- und eine Schattenseite hat, ist Weiblichkeit nicht immer nur glänzend und schön. Sie kann auch aufbrausend und stürmisch sein. Wie das Meer, das auf den ersten Blick friedlich und ruhig erscheint, im nächsten Moment wild und ungezähmt losbrechen kann, tosend eigenwilligen Plänen folgt.

Es gibt viele Versuche, das Wasser zu kontrollieren. Flussbetten werden ausgebaut, Stauseen errichtet und Ströme umgeleitet. Gedankenlos werden giftige Substanzen ins Wasser geschüttet, Lebewesen getötet und Lebensraum zerstört ohne Rücksicht auf den natürlichen Verlauf, auf mögliche Schäden. Doch auch wenn wir versuchen, die Flüsse in eine andere Richtung zu lenken, gibt es immer welche, die überlaufen, ausbrechen und sich ihren eigenen Weg suchen.

Auch das erinnert an Weiblichkeit. Sie wird eingeengt. Sie wird ausgebremst und gezwungen, sich anzupassen. Sie muss Vorstellungen entsprechen. Nur ruhig, unauffällig und möglichst problemlos sein. Sie wird unterdrückt und es wird ihr schwer gemacht, sich vollkommen zu entfalten. Von ihr wird erwartet, im gesellschaftlichen System zu funktionieren.

„Wasser kann ein Fluss sein oder das große weite Meer oder doch vielleicht der kleine Bach, der vor der eigenen Haustür vorbeiläuft. Doch es hat alles denselben Ursprung: Wasser.“

Jeder Mann, jede Frau, jeder Mensch definiert Weiblichkeit anders. Für die einen sind es optische Faktoren, die Weiblichkeit ausmachen, für andere sind es charakterliche Eigenschaften. Wasser kann ein Fluss sein oder das große weite Meer oder doch vielleicht der kleine Bach, der vor der eigenen Haustür vorbeiläuft. Doch es hat alles denselben Ursprung: Wasser.

Gedanken sind verschieden. Definitionen sind verschieden. Horizonte sind verschieden. Und auch wenn mir von klein auf beigebracht wurde, stolz auf meine Weiblichkeit zu sein, ist mir durchaus bewusst, dass nicht jede Frau mit ihrer Weiblichkeit eins ist. Dass in meinem Leben Menstruationsschmerzen und hormonelle Achterbahnfahrten Platz haben dürfen und sollen, bedeutet nicht, dass jede Frau diese Handhabung lebt. Sich dem hingeben, was die Weiblichkeit zu bieten hat, den Höhen und Tiefen, ist keine einfache Aufgabe. Es braucht Vertrauen und Mut und kann manchmal auch sehr anstrengend sein.

Erkennen zu können, welch ein Geschenk die Weiblichkeit eigentlich ist, wie überaus wunderschön und einzigartig sie ist, hat auch bei mir seine Zeit gebraucht. Und trotz meiner knappen 18 Jahre bin ich sehr dankbar, dass ich dieses großartige Wissen und die Wertschätzung schon so früh kennenlernen durfte.­­

 

Valentina Bamminger verstärkte im Sommer 2022 unser Team für ihr schulisches Pflichtpraktikum, dabei ist dieser wunderbare Text entstanden.