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Was uns im Leben trägt

Was befähigt uns dazu, an den Prüfungen des Lebens nicht zu verzweifeln? Was gibt Hoffnung, wenn das Schicksal uns heimsucht? Die Dichterin Hilde Domin, der Philosoph Ernst Bloch und der Psychologe Viktor Frankl machen mit ihrem Leben und Werk Mut in den Krisenzeiten des Lebens.

„Nur eine Rose als Stütze“ lautet der Titel ihres ersten Gedichtbands, den sie in den 1950er-Jahren veröffentlichte. Kurz zuvor war sie nach 20-jährigem Exil in ihre deutsche Heimat zurückgekehrt. Die Flucht vor dem Nationalsozialismus hatte Hilde Domin über Italien, Paris, England und Kanada bis nach Südamerika in die Dominikanische Republik geführt. Hier, in der Fremde, erwuchs der Heimatlosen die Kraft, Verlust und Hoffnung, Erschütterung und Widerstand in Worte zu gießen. „Ich bin ein Mensch des Dennoch, ich halte dagegen“, sollte sie später über sich sagen. Zweifellos können wir viel lernen von Menschen, die sich von leidvollen Lebenserfahrungen zwar erschüttern, nicht aber zerbrechen lassen, die erfahrenes Leid nicht verdrängen, sondern es mutig durchschreiten und es als Möglichkeit für Wachstum und menschliche Reifung nutzen. Denn niemand von uns weiß, welche Herausforderungen das Leben noch bereithält. Manche, die diese Zeilen lesen, tragen bereits an einem schweren Schicksal. Andere stellen vielleicht erleichtert fest, dass sie bislang noch verschont geblieben sind von großem Leid. Was jedoch alle eint, ist das Wissen, dass das Schicksal nicht in unserer Hand liegt. Dramatische Ereignisse können uns jederzeit ereilen und leidvolle Erfahrungen das Leben überschatten.

Doch auch wenn wir unser Schicksal nicht wählen können, so können wir entscheiden, mit welcher Einstellung wir ihm begegnen wollen. Davon war der Wiener Psychologe Viktor Frankl Zeit seines Lebens überzeugt: „Die Haltung, die ich gegenüber einer tragischen Situation einnehme, kann mich durchaus vor der Verzweiflung bewahren.“ Für den Schoah-Überlebenden und Autor des Weltbestsellers „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ stand fest, dass es weniger die äußeren Umstände des Lebens sind, die über dessen Glück oder Unglück entscheiden, sondern dass es vielmehr die Courage ist, mit der wir dieses zu leben gewillt sind.

DIE KRAFT DES DENNOCH
Aufgewachsen in einem liebevollen, gutbürgerlichen Elternhaus in Köln, meinte es das Schicksal anfangs gut mit der jungen Hilde. In ihren frühen Zwanzigern jedoch sollte all dies auf den Prüfstand gestellt werden, denn mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten gab es für sie, die Tochter deutscher Juden, in ihrer Heimat keine Zukunft mehr. Gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann, dem Philologen Erwin Walter Palm, floh sie in den da­rauffolgenden Jahren einmal um die halbe Welt, um schließlich im fernen Südamerika einen Ort zum Überleben zu finden. Was befähigte die junge Frau dazu, an solchen dramatischen Lebensereignissen nicht zu verzweifeln? Fragen wie diese stehen im Mittelpunkt der modernen Resilienzforschung, sie sucht nach den Ressourcen und Widerstandskräften im Menschen, die diesen dazu befähigen, gegen alle Wahrscheinlichkeit an zerrüttenden Lebenserfahrungen menschlich zu wachsen. Als eines der auffälligsten Merkmale seelisch widerstandsfähiger Menschen gilt die Entscheidung, sich beherzt einen Weg durch das Leid zu bahnen, sich mit dem eigenen Schicksal auszusöhnen und Frieden zu schließen mit dem Leben, auch wenn dieses nicht so verläuft, wie man es sich erhofft hatte. Resiliente Menschen verfügen über die Bereitschaft, die Realität dessen, was geschehen ist, zu akzeptieren, den Schmerz darüber in das Leben zu integrieren, wirksame Bewältigungsstrategien zu entwickeln, Mitgefühl und Liebe für andere zu empfinden und bei allem Ungemach die Zuversicht nicht zu verlieren.
Hilde Domin sollte im Alter oft von dem Urvertrauen erzählen, das ihre Eltern ihr auf den Lebensweg mitgegeben hatten. „Bei mir hat sich das Vertrauen immer wieder regeneriert“, sagte sie rückblickend. Von diesem unerschütterlichen Vertrauen künden auch ihre Gedichte. Trotz allem Schmerz, trotz Verzweiflung und Kummer senden sie Signale der Hoffnung aus und stärken bei ihren LeserInnen den Mut zum Leben.

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

SIGNALE DER HOFFNUNG
Dass es die Hoffnung ist, die uns durch schwierige Zeiten des Lebens navigiert, daran hatte auch der Philosoph Ernst Bloch keinerlei Zweifel: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen“, erklärte er und lebte seinen Lehrsatz auch gleich noch eindrücklich vor. Von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, schrieb er dort sein tausendseitiges Werk „Das Prinzip Hoffnung“. In einer der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte ließ sich dieser Mann seine Zuversicht nicht rauben und den Glauben an das Gute im Menschen nicht zerstören. Überall sah er, dessen Hoffnungen auf eine bessere Welt so oft zerschlagen wurden, die Hoffnung am Wirken. Aus welchen Wurzeln speist sich solch eine unzerstörbare Zuversicht? Woraus schöpft der Mensch in schweren Zeiten diese Kraft? Zur Hoffnung, davon war Ernst Bloch überzeugt, könne man sich entschließen. Zumal die Hoffnung ursprünglicher und damit immer schon größer sei als ihre Gegenspielerin, die Angst. Bis ins hohe Alter spornte er die jungen Menschen, die nach seiner Rückkehr aus dem Exil in seine Vorlesungen strömten, dazu an, das eigene Potenzial zu entfalten und der Zukunft einen Möglichkeitsraum zu öffnen. „Hoffen heißt, jeden Augenblick bereit zu sein für das, was noch nicht geboren ist, und trotzdem nicht zu verzweifeln, wenn es zu unseren Lebzeiten nicht zur Geburt kommt.“ Ein unverbesserlicher Optimist war er, der selbst in den düstersten Zeiten die Hoffnung beschwor und nicht verlor. Bis zuletzt war er davon überzeugt: „Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.“

Die junge Filmemacherin Anna Ditges hat Hilde Domin mit der Kamera durch die letzten zwei Jahre ihres Lebens begleitet. Mit „Ich will dich” ist ein bewegender Film entstanden.

DIE TROTZMACHT DES GEISTES
Doch was, wenn uns das Leben vor eine schier aussichtslose Situation stellt? Wenn kein Ausweg in Sicht zu sein scheint und die Dunkelheit übermächtig wird? Selbst dann, so der unerschütterliche Humanist Viktor Frankl, bleibe dem Menschen immer noch das, was er die „Trotzmacht des Geistes“ nannte und worin er die letztendliche Freiheit des Menschen erblickte: „In der Art, wie ein Mensch sein unabwendbares Schicksal auf sich nimmt, darin eröffnet sich auch noch in schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens eine Fülle von Möglichkeiten, das Leben sinnvoll zu gestalten.“ Diese Sichtweise teilte Hilde Domin in ihren Lebensreflexionen: „Ich befreite mich durch Sprache. Hätte ich mich nicht befreit, ich lebte nicht mehr.“ Die Sprache selbst wurde ihr zur äußersten Zuflucht in einer Welt, in der alles flüchtig ist. Sie gab ihr die Kraft zum Weitermachen, in ihr fand sie den Sinn zum Weiterleben. Und so wurde im Exil, fernab des eigenen Sprachraums, eine der großen deutschsprachigen Dichterinnen geschaffen, deren Lebensodyssee sie zur Mutmacherin weltweit machte.

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
Wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
Daß die Frucht so bunt wie die Blume sei
Daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und daß wir aus der Flut
Daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Hilde Domin

DER BAUM BLÜHT TROTZDEM
„Lebenssinn ist das Dringendste, was ein Mensch braucht. Der Mensch muss etwas oder jemanden finden, für das oder den es sich zu leben lohnt“, resümierte Viktor Frankl. In der Hingabe an eine Aufgabe, im Engagement für eine bessere Welt oder in der Liebe zu anderen kann der Mensch trotz allem Leid sein Leben als erfüllt erfahren: „Es gibt nichts auf der Welt, das einen Menschen so sehr befähigt, äußere Schwierigkeiten oder innere Beschwerden zu überwinden, – als: das Bewusstsein, eine Aufgabe im Leben zu haben.“ Diese Sinnorientierung ist es, die auch uns heute dazu befähigt, engagiertes Handeln über die eigene Befindlichkeit zu stellen, Verzicht für etwas oder jemanden zu leisten und Lebenskrisen nicht nur zu überwinden, sondern an ihnen zu wachsen.
Die Gewissheit, festen und verlässlichen Boden unter den Füßen zu haben, war Hilde Domin auf den Jahren ihrer Flucht zerbrochen. Bis ins hohe Alter blieb sie jedoch widerständig und von erstaunlicher Vitalität. Wer sie zu Lebzeiten kennenlernen durfte, traf auf eine zarte alte Dame mit resoluter Stimme und sehr wachen Augen. „Der Baum blüht trotzdem“ nannte sie ihren letzten Gedichtband, den sie im Alter von neunzig Jahren veröffentlichte. Darin bewies sie ein letztes Mal in eindrücklicher Weise ihren Mut zum Dennoch.

Hilde Domin, die Grande Dame der deutschen Nachkriegsliteratur, blieb bis ins hohe Alter von erstaunlicher Vitalität. Ihren letzten Gedichtband veröffentlichte sie im Alter von neunzig Jahren.

Die deutsche Lyrikerin Hilde Domin (1909– 2006) verlor trotz der Flucht vor dem Nazi-Regime und langen Jahren im Exil nie ihren Lebensmut.

Foto: Anna Ditges

Erschienen in „Welt der Frauen“ 03/2018

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