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01-02/23

„Warum sollen nur Männer kämpfen?“

„Warum sollen nur Männer kämpfen?“
Andrew Kravchenko / AP / picturedesk.com

Es ist wahrlich nicht alltäglich, mit jemandem mitten im Krieg ein Videotelefonat zu führen. Noch dazu, wenn die Gesprächspartnerin eine ukrainische Soldatin ist.

Alina* (Name von der Redaktion geändert) ist eine von mehr als 50.000 Ukrainerinnen, die der heimischen Armee dienen. Laut Berichten der ukrainischen Regierung sind davon 38.000 als Soldatinnen im Krieg, die übrigen gehen zivilen Aufgaben nach. Mehr als 5.000 Soldatinnen kämpfen direkt an der Front.
Ein Akt der Emanzipation? Patriotismus? Warum melden sich immer mehr Frauen, um im Osten und Süden der Ukraine gegen russische Truppen zu kämpfen? Schon vor Putins Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 wurden freiwillige Soldatinnen im Donbass eingesetzt, was unter anderem der Film „Das unsichtbare Bataillon“ dokumentiert. Ukrainische Frauenmagazine bilden aktuell vermehrt Fotostrecken mit Soldatinnen ab und berichten über ihren Einsatz als Scharfschützinnen, Militärärztinnen, Entminerinnen – ihre Aufgaben an der Front sind vielfältig.

Vorab hat Alina wissen lassen, welche Fragen tabu sind: solche nach den Namen anderer SoldatInnen oder nach ihrem genauen Aufenthaltsort. Die Chatgespräche zuvor sind herzlich, sie schickt sogar Smileys, die salutieren. Doch so heiter ist es nicht. Die Anspannung vor dem Telefonat ist auf beiden Seiten groß. Nun muss es sogar noch verschoben werden. „Wir haben Explosionen“, schreibt Alina. „Ich kann mich erst in 20 Minuten melden.“ Die nächsten Minuten verstreichen in großer Sorge. Wenn Alina nun gerade jetzt etwas passiert?
Auf dem Bildschirm erscheint nun endlich die junge Frau. Mit ihren braunen Augen und dem braunen Haar – auf Ukrainisch „kari otschi, kare volossya“ – könnte sie als „typische“ Ukrainerin gelten. Sie trägt ein kurzärmeliges grünes T-Shirt, ihre Fingernägel hat sie schwarz lackiert, das gepflegte lange Haar fällt locker über ihre Schultern. Ein kunstvolles Tattoo ziert ihren rechten Ellenbogen, in den Ohren trägt sie mehrere große Ringe. Wegen der Explosionen hat sie sich für das Gespräch in einen hellen Keller zurückgezogen, die Internetverbindung ist zum Glück stabil.

Eine sehr persönliche Entscheidung

Alina ist erst 22. Sie stammt aus dem Norden der Ukraine, und die Entscheidung, die Heimat zu verteidigen, hat sie schnell und klar getroffen. Ebenso klar und gefasst, selbstbewusst und eloquent erzählt sie von ihrem Leben und dem Alltag als Soldatin. Nach Abschluss der Schule hatte Alina eine juristische Ausbildung begonnen und zuletzt an einem Flughafen bei der Passkontrolle gearbeitet. 2019 meldete sie sich dann beim ukrainischen Militär: „Ich habe dort alles gelernt: zu schießen, mich zu verteidigen“, sagt sie. Direkt an der Front kämpfe sie aktuell nicht. Sie und ihr Team bewachen einen Stützpunkt, an dem es aber auch nicht friedlich zugeht. Alina ist mitten im Krieg.
„Wissen Sie, an die Front zu gehen, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Manche ‚divtschata‘, junge Frauen, wissen jedoch nicht, worauf sie sich einlassen. Sie sind zu zart, sie erschrecken schnell.“

„Für mich war es eine Pflicht, meine Heimat zu verteidigen. Ich liebe die Ukraine.“

Vielen Ukrainerinnen gab die Armee die Chance, neben der Ausbildung zur Soldatin auch zu studieren und darüber hinaus gutes Geld zu verdienen.

„Es gibt nichts, was ich als Frau nicht auch kann.“

„Ich bin keine Feministin. Ich bin eine Frau, ich habe meine Emotionen, ich muss den Männern nichts beweisen“, sagt Alina. „Wir haben hier ‚genderne rivnopravja‘, Gleichstellung der Geschlechter. Trotzdem bekommen wir Frauen manchmal leichtere Aufgaben, unsere Dienste dauern kürzer als die der Männer. Ich will aber keine Bevorzugung. Ich habe meinen Dienst beim Militär selbst gewählt.“ Als Alina ihren Dienst antrat, waren die männlichen Soldaten schockiert: „Du musst noch Kinder kriegen und diese erziehen – was willst du hier?“ Auch dass sie noch sehr jung ist, erweckt bei manchen Soldaten Beschützerinstinkt. „Es gab harte Auseinandersetzungen, auch unter Frauen und Männern in meinem Kommando, nachdem wir Frauen nicht mehr direkt in Gefechte durften“, erzählt sie. Zu viele Verluste bei den Soldatinnen hätten die Kommandierenden umdenken lassen. „Wie könnt ihr nur? Das ist ungerecht! Warum sollen nur Männer kämpfen?“ Die Soldatinnen waren erzürnt. Andrerseits geben die männlichen Kollegen manche Aufgaben nur ungern aus der Hand. „Es gibt nichts, was ich als Frau nicht auch kann. Wir Frauen bewahren jedoch eher unsere Ganzheit und sind vorsichtiger. Ich überlege 20- oder 30-mal, ob ich schieße. Männer gehen mitten in die Gefahr hinein.“ Aus emotionaler Sicht seien Frauen für den Krieg jedoch eher gemacht als Männer, meint Alina, denn sie hätten besseren Zugang zu ihren Gefühlen. „Musst du weinen, dann wein’. Willst du schreien, dann schrei’“, erklärt sie ihre Überlebensstrategien. Als kürzlich der Tod einer befreundeten Kollegin zu betrauern war, hätten sich die Soldatinnen zusammengesetzt, geweint und der gemeinsam erlebten Momente gedacht. Doch das Wort „Angst“ wurde verboten im Team, denn diese würde zu schnell auf die Gruppe übergreifen. Wenn jemand in Panik gerät, wird er oder sie in ein Nebenzimmer geführt und beruhigt.

Verteidigerin der Ukraine

Schon als Kind wollte Alina Krieg spielen und Kapitänin sein, das Spiel mit Puppen fand sie langweilig. „Ich bin eine der Frauen, die geboren sind, um im Krieg zu kämpfen. Ich bin genau an jenem Ort, an dem ich sein soll.“
Hat sie trotz alledem manchmal Angst? „In der ersten Woche erlebte ich ein Wechselbad der Gefühle: Angst, Aggression, Verzweiflung und wieder von vorne.“ An den Krieg habe sie sich mittlerweile gewöhnt. „Ich kann am Geräusch der Rakete erkennen, welcher Typ sie ist und wo sie einschlagen wird. Mittlerweile wache ich nachts vom Krach einer Explosion gar nicht mehr auf. Ich kenne den Notfallplan, um mich in Sicherheit zu bringen.“
Sexuelle Belästigung durch die männlichen Kollegen seien kein Thema, anrüchige Witze seitens der oberen Riege ignoriere sie, sagt Alina. Aber sie weiß, dass Soldatinnen, die in russischer Kriegsgefangenschaft waren, vergewaltigt wurden.
„Meine große Hoffnung ist, dass der Krieg mich nicht brechen wird. Weder seelisch, noch körperlich.“ Ganz sicher aber werde sie nach dem Krieg Angst vor Feuerwerken haben und fremden Leuten mit Vorsicht begegnen. „Soldatka“ oder „Soldat“? Weder mit der männlichen noch der weiblichen Bezeichnung kann sich Alina identifizieren. „Sachysnytsja“, also Verteidigerin, will sie genannt werden. Der frühere Tag der Verteidiger des Vaterlandes, der am 14. Oktober in der Ukraine begangen wird, heißt im Land nunmehr offiziell der „Tag der Verteidiger und Verteidigerinnen“.
„Passen Sie gut auf sich auf!“, sage ich zum Schluss unseres Gesprächs. Alina bedankt sich und verschwindet von der Bildfläche.