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75 Jahre „Welt der Frauen“

Anlässlich unseres Jubiläums haben die Redaktionsmitglieder in den Heften ihres jeweiligen Geburtsjahrganges gestöbert und ihr Highlight ausgewählt. Ein Streifzug durch eine bewegte Geschichte.

Petra KlikovitsPetra Klikovits, Redakteurin seit 2013, imponierte ein Beitrag in der Jänner-Ausgabe des Jahres 1980.

Ausgabe für Ausgabe beleuchtet „Welt der Frauen“, wie ein gutes Leben gelingen kann. In meinem Geburtsjahr 1980 befasste sich etwa Josef Wiener, der damalige Geistliche Assistent der Katholischen Frauenbewegung, mit der Frage: „Wie heute leben?“ Für seinen Artikel begab er sich auf die Suche nach einem neuen Lebensstil und konstatierte, dass Konsum und Wohlstand allein nicht glücklich machen.

Sie könnten, so schrieb er, sogar „die innere Reifung eines Menschen behindern“, wenn durch die Konzentration auf materielle Güter jene Qualitäten verkümmern, die Zeit brauchen – nämlich gute Gespräche, Reflexion und die Pflege persönlicher Beziehungen.

Wiener plädierte damals für eine „Neuentdeckung der Sinn-Werte“ und inspirierte zu einem „wesentlicheren Leben“, einem Leben, das sich durch eine „neue Solidarität und ein größeres Miteinander“ auszeichnet. Seine Gedanken sind über 40 Jahre alt, aber heute aktueller denn je.

„Die Suche nach der richtigen Wertordnung, nach einer Balance zwischen materiellen und inneren Werten, wird jeder individuell betreiben müssen. Es gibt da nicht ein Rezept für alle.“

Wie heute leben?

Auf der Suche nach einem neuen Lebensstil

Josef Wiener

Wohlstand allein macht nicht glücklich. Das erkennen heute viele Menschen. Wie aber lebt man sein Leben lebenswert? Darüber gibt es die verschiedensten Meinungen, oft recht skurrile. Wie sehen diese Überlegungen für den Christen aus?

Eigentlich müssen wir immer wieder neu die Frage stellen, wie wir leben sollen. Denn gewandelte Situationen verlangen jeweils neue Antworten. Es fällt aber auf, daß heute die Frage nach einem neuen Lebensstil für viele Menschen, besonders auch für Christen, ganz besonders drängend geworden ist.

Wohlstandsbedürfnisse der Nachkriegszeit

Der Lebensstil, der sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bei uns entwickelt hat, war vor allem von materiellen Wertvorstellungen und Zielen geprägt. Verständlicherweise, denn es mußten ja die Zerstörungen des Krieges behoben werden und zudem hatten die Menschen nach den Entbehrungen und den materiellen Verlusten der Kriegsjahre einen besonderen Nachholbedarf auf diesem Gebiet. Die Sicherung und Vermehrung des Wohlstands stand daher in der Nachkriegszeit im Vordergrund.

Inzwischen haben wir weithin ein gewisses Maß an Wohlstand erreicht. Und wir haben auch Erfahrungen mit dem Wohlstand gemacht. Diese Erfahrungen gehen dahin, daß Wohlstand allein nicht glücklich macht und daß eine Gesellschaft, die vom Wohlstand geprägt ist, gewisse menschliche Fähigkeiten verkümmern läßt.

Der Konsum bringt es mit sich, daß lauter Dinge in den Vordergrund rücken, die man schnell erreichen möchte und die man auch erreichen kann. Längerfristige Ziele geraten dadurch in den Hintergrund.

Nachteile der Konsumwelt

Es ist zwar angenehm, wenn ich immer gleich alles haben kann, was ich haben möchte. Anderseits aber führt eine solche rasche Wunschbefriedigung dazu, daß viele Menschen ihre Bedürfnisse nicht mehr aufschieben können.

Wenn sich ein Mensch daran gewöhnt, daß seine Wünsche und Bedürfnisse jeweils rasch und ohne Widerstand erfüllt werden, kann es sein, daß die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden oder einen Verzicht zu ertragen, nicht entwickelt wird oder allmählich verkümmert.

Es gibt eben im Leben nicht nur die reibungslose Wunscherfüllung, wie sie viele Menschen derzeit im Konsumbereich erleben, sondern es gibt auch immer wieder ungelöste Probleme, mit denen man leben lernen muß, es gibt Dinge, die man sich nicht oder noch nicht leisten kann.

Wird die Fähigkeit zu Verzicht und Aufschub nicht entwickelt, dann kann es sein, daß ein Mensch unter der kleinsten Enttäuschung gleich zusammenbricht oder wegen einer kleinen Entsagung, die ihm abverlangt wird, gleich seine Lebensfreude verliert.

Konsum und Wohlstand können also die innere Reifung eines Menschen behindern, wenn sie nicht richtig gesehen werden. Durch die Vordergründigkeit, die die materiellen Güter in unserem Leben einnehmen und dadurch, daß wir viel Zeit und Arbeit einsetzen müssen, um uns diese Güter beschaffen zu können, verkümmern jene Werte und Zielsetzungen, die Zeit brauchen, z. B. das Gespräch, die Reflexion, die Pflege persönlicher Beziehungen und alle Haltungen, die damit zusammenhängen, wie z. B. Geduld miteinander haben, Rücksicht nehmen, dem anderen Zeit lassen.

Viele Eltern haben nur wenig Zeit für ihre Kinder, weil sie arbeiten müssen, um ihnen die materiellen Wohlstandsgüter zu sichern. Vielleicht aber bräuchten die Kinder das andere viel mehr: das entspannte Zusammensein im Familienkreis, Zeit zum Wandern, Spielen oder Plaudern mit den Eltern.

Diese Überbetonung der nach außen gerichteten Wertvorstellungen und die Verkümmerung der Innenwerte haben dazu geführt, daß viele Menschen heute sagen: Es ist an der Zeit, unser Leben zu verändern, einen neuen Lebensstil zu suchen.

Neuentdeckung der Sinn-Werte

In diesem Zusammenhang wurde auch der Ruf nach einem einfachen Leben laut. Und es gibt recht unterschiedliche Versuche in dieser Richtung: Die einen streben ein Zurück-zur-Natur an, andere machen eine Absage an alles Technische, wieder andere meinen, sich die Annehmlichkeiten des Güterkonsums versagen zu müssen und anderes. Ich glaube nicht, daß wir eine Lösung für unsere heutigen Probleme durch die Absage an den Wohlstand und eine negative Beurteilung des Konsums schlechthin erreichen können. Vielmehr kommt es darauf an, den Wohlstand in vernünftiger Weise gebrauchen zu lernen.

Die gesamte Schöpfung ist eigentlich auf Fülle, auf Wohlstand, angelegt. Sie ist eine reiche Schöpfung. Es kommt darauf an, die zur Verfügung stehenden Güter richtig zu verteilen und sinnvoll zu verwenden.

Die Suche nach einem neuen Lebensstil hängt demnach eng zusammen mit der Suche nach einem richtigen Verhältnis zu den materiellen Gütern. Und ich meine, daß wir Christen die Werte des Wohlstands durchaus bejahen und anstreben sollen, daß wir sie aber ergänzen müssen durch die inneren Werte, die sogenannten Sinn-Werte, wie z. B. menschliche Zuwendung, Gespräch, Besinnung auf Gott, Gebet, Naturerlebnis u. a.

Der einzelne muß sich fragen, welche Wertordnung er für sich aufstellt, ob die inneren Werte gegenüber den äußeren nicht zu kurz kommen, ob er bereit ist, ihnen in der Regel sogar den Vorrang zu geben, weil eben zum Glücklichsein nicht nur das Materielle gehört, sondern eine ganze Reihe menschlicher, persönlicher Wertbezüge, für die es sich lohnt, Zeit und Mühe aufzuwenden.

Natürlich ist der Aufbau der inneren Werte oft mühsamer als der Erwerb und Gebrauch materieller Güter. Denn der Umgang mit den Mitmenschen, das Gespräch in der Familie, das Austragen von Konflikten und die Auseinandersetzung mit den letzten Fragen unseres Lebens bereiten oft Mühe und verlangen einen persönlichen Einsatz.

Der Gewinn allerdings, den uns die Bemühung um die inneren Werte bringt, ist nicht zu unterschätzen. Denn mit dem Zuwachs an Sinnerfüllung wächst auch die persönliche Stabilität des einzelnen und nimmt seine Fähigkeit zu, seine Lebenssituationen befriedigend zu gestalten.

Viele Lebensstile

Die Suche nach der richtigen Wertordnung, nach einer Balance zwischen materiellen und inneren Werten, wird jeder individuell betreiben müssen. Es gibt da nicht ein Rezept für alle. Das gilt auch für den Christen. Auch unter den Christen wird es viele Lebensstile geben und diese werden sich von Zeit zu Zeit auch wieder wandeln. Die Mühe, sich seinen christlichen Lebensstil zu suchen, ist jedem Christen aufgegeben.

Nehmen wir als Beispiel etwa die Berufstätigkeit der Frau: Es kann sein, daß in einem bestimmten Fall ein Verzicht auf die Berufstätigkeit sinnvoll ist und notwendig, damit die Kinder eine geordnete Erziehung haben und die Frau ihre Kräfte für die Gestaltung des Familienlebens einsetzen kann. In einem anderen Fall kann es umgekehrt sein, daß vielleicht die Mutter gerade durch ihren Beruf auch die Familie bereichert.

Man darf bei der Güterabwägung natürlich nicht in sinnlose Extreme fallen, wie wir sie heute oft bei bestimmten Gruppen von Außenseitern erleben. Wenn wir um eines einfachen Lebens oder um der Hungernden willen nur mehr trockenes Schwarzbrot essen, so ist damit noch nicht viel getan. Wichtig ist vielmehr, daß wir nach Kräften mithelfen, aus unseren überflüssigen Mitteln für die anderen Bedingungen zum Leben zu schaffen.

In der Welt bleiben

Ich bin vom christlichen Standpunkt her der Meinung, daß wir in der Welt bleiben sollen. Der Christ darf kein Außenseiter sein. Und bloß anders sein als die anderen, das ist noch kein Wert. Es ist nämlich die Frage, ob die Lebensformen mancher Außenseiter, die sich so radikal von den Wohlstandsgütern abwenden, wirklich wertvoller sind als die Formen, von denen sie sich absetzen.

Das Anders-Sein allein bringt noch nicht viel. So einfach geht es nicht, daß man nur sagt: Jute statt Plastik. Die heutigen Probleme lassen sich bestimmt nicht dadurch lösen, daß wir uns neuerlich einer Welt zuwenden, die vergangen ist, daß wir Lebensformen der Vergangenheit, etwa ein Leben ohne Technik und Zivilisation, wieder aufnehmen.

So sehr natürlich eine einfachere Lebensweise als läuternde, befreiende Kraft beim Aufbau eines neuen Lebensstils einbezogen werden kann und soll! Ich glaube, ein neuer Lebensstil, der uns tatsächlich weiterführen und der weltweit die Menschen glücklicher machen kann, darf nicht auf einer Ablehnung des Wohlstands und der Zivilisation aufgebaut werden, sondern muß darin bestehen, das, was der menschliche Geist entdeckt und gefunden hat, in sinnvoller Weise in das Leben zu integrieren, eine Gesellschaft zu schaffen, in der der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Nicht der Mensch als Götze, sondern der Mensch in seiner geschöpflichen Verwirklichung

Wesentlicher leben

Es geht um ein neues, solidarisches Denken, darum, so zu leben, daß auch andere leben können. Das beginnt schon beim Nachbarn oder beim Arbeitskollegen. Um es auf eine Kurzformel zu bringen: Es geht darum, daß wir versuchen, wesentlicher zu leben.

Das heißt nicht, alles ein wenig billiger, ein wenig sparsamer und ein wenig einfacher zu gestalten, sondern das bedeutet, mehr als bisher dem Evangelium zu entsprechen. Ein Anspruch, der natürlich nie erlischt, denn ein christlicher Lebensstil läßt sich nie endgültig finden, sondern kann immer nur annäherungsweise in einem ständigen Suchen angepeilt werden.

Welt der Frau Jänner 1980Erschienen in: Welt der Frau, Jänner 1980

„Welt der Frauen“ begleitet ihre Leserinnen und Leser seit 75 Jahren – die erste Ausgabe erscheint 1946  unter dem Titel „Licht des Lebens“ in Wien im Kontext des ideellen Wiederaufbaus nach dem Krieg. 1964 wird „Licht des Lebens“ in „Welt der Frau“ umbenannt und schließlich 2018 zu „Welt der Frauen“.

Welt der Frauen April 2021

 

 

75 Jahre „Welt der Frauen“ – unsere Jubiläumsausgabe April 2021 können Sie hier bestellen.

 

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