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Versagt? Über Fehler sprechen hilft

Martina Leisten (43) ist Life- und Jobcoachin und hat sich auf das Thema Scheitern spezialisiert. Wie es sich anfühlt, am Boden zu liegen, hat sie selbst erlebt. Sie weiß aber auch, wie man sich von Niederlagen wieder erholt.

Wie es sich anfühlt, auf ganzer Linie zu versagen, haben Sie selbst erfahren und in Ihrem Buch „Voll verkackt“ verarbeitet. Was haben Sie erlebt?

Mit Ende 20 habe ich mir den Traum vom eigenen Café in Berlin verwirklicht. Ich startete mit wenig Geld und großen Hoffnungen. Trotz Gastronomieerfahrung und Businessplan lief es jedoch anders als geplant, ich musste schon nach einem Jahr mein Geschäft mit einem großen Schuldenberg schließen. Der Versuch, die Schulden durch Vergleiche abzuzahlen, scheiterte. Ich hoffte, in einer großen und bekannten TV-Backshow das Preisgeld zur Tilgung zu gewinnen. Stattdessen machte ich mich vor einem großen Publikum zum Affen. Was blieb, war das Gefühl von Scham und Schande sowie eine ausgewachsene Depression.

Wie haben Sie es geschafft, nach dieser Niederlage wieder aufzustehen?

Nachdem ich immer tiefer gefallen war und – gefühlt – lange Zeit am Boden lag, stand ich wieder auf. Geholfen hat mir dabei mein Auftritt bei den „Fuckup Nights“, einer Veranstaltung, in der UnternehmerInnen öffentlich über ihr Scheitern sprechen. Ich begriff erst da, dass ich mich, nur weil ich versagt hatte, nicht als komplette Versagerin fühlen musste. Dass ich mich aus meinem Schneckenhaus gewagt hatte und offen übers Scheitern sprach, ermöglichte einen Perspektivenwechsel.

 

Wer weiß, dass eine Leistung gut (genug) ist, auch wenn nicht alles richtig gemacht wird, hat weniger Angst, zu scheitern.

Warum tun wir uns so schwer, zu unseren Fehlern zu stehen und offen darüber zu sprechen? 

Das liegt aus meiner Sicht zum Großteil an unserer Fehlerkultur. Diese suggeriert uns weiterhin, dass Fehler etwas Schlechtes sind und vermieden gehören. Und da gerne auch mit dem Finger auf andere gezeigt wird, die etwas „verkacken“, fällt es vielen von uns oft nicht leicht, offen über das zu sprechen, was schiefgelaufen ist.

Wie kann es gelingen, mit dem eigenen Scheitern besser umzugehen?

Ich finde, es hilft, sich auch der unangenehmen Gefühle bewusst zu werden, die mit Misserfolgen zusammenhängen. Schuld, Scham, Hoffnungslosigkeit et cetera. All diese Empfindungen wirken umso mehr auf die Psyche, je mehr sie unterdrückt werden. Lässt man sie raus, kann man sich auch von ihnen befreien. Und sehen, dass da noch viel mehr ist als die negative Bewertung des Ereignisses. Das hilft sehr, sich zu lösen und leichter durchs Leben zu gehen.

Was bräuchte unsere Gesellschaft, um eine bessere Fehlerkultur zu etablieren?

Wir bräuchten mehr Lockerheit im Umgang mit Fehlern. Wir neigen dazu, Fehler negativ zu bewerten. Das wiederum hängt aus meiner Sicht mit einem starken Sicherheits- und Vorsichtsdenken zusammen. Zudem spielt auch der Wunsch nach Perfektion eine große Rolle. Wer perfekt sein will, darf sich eben keine Fehltritte erlauben. Dies könnte sich durch neue Glaubensmuster ändern. Wer weiß, dass eine Leistung gut (genug) ist, auch wenn nicht alles richtig gemacht wird, hat weniger Angst, zu scheitern.

Weitere Informationen: martinaleisten.com

Dieses Interview ist in der „Welt der Frauen“ Sommer-Ausgabe erschienen. Erhältlich als Einzelheft in unserem Shop, zum Testabo geht es hier.

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