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01-02/24

Unterwegs zum Wesentlichen

Unterwegs zum Wesentlichen
Filmstill/Thomas Goisque/Radar Films

Mehr als eine Million ZuschauerInnen haben in Frankreich den Film „Auf dem Weg zu mir“ gesehen. Seit 1. Dezember läuft er auch in Österreich im Kino. Regisseur und Drehbuchautor Denis Imbert (50) im Gespräch über die Kraft des Gehens und über Frankreich abseits der Postkartenidylle.

1.300 Kilometer – vom Süden der Provence bis an die Küste der Normandie: Diesen langen Weg wandert der Schriftsteller Pierre auf der sogenannten „Diagonale der Leere“ quer durch Frankreich. Nach einem lebensgefährlichen Sturz widerlegt er damit die Prognosen der Ärzte und findet so den Weg zu sich selbst. Die Handlung basiert auf dem autobiographischen Bestseller „Sur les chemins noirs“ des französischen Reiseschriftstellers Sylvain Tesson. Regisseur und Drehbuchautor Denis Imbert hat das Buch für die Leinwand adaptiert und daraus einen kraftvollen Film über das Unterwegssein und eine Ode an Frankreich jenseits der Postkartenidylle gemacht.

 

Herr Imbert, warum wollten Sie diesen Film unbedingt machen?

Literatur ist eine wichtige Inspirationsquelle für mich. Meine Form, mich auszudrücken, ist jedoch weniger die Sprache der Wörter als vielmehr die Sprache der Bilder. Als ich das Buch „Sur les chemins noirs“ von Sylvain Tesson las, habe ich sofort gefühlt, dass ich daraus einen Film machen muss. Es geht um einen Mann, der beschließt, sich nach einem Unfall, der ihn fast das Leben gekostet hätte, sowohl psychologisch als auch physisch wiederaufzubauen, indem er sein Land zu Fuß durchquert. In dieser Bewegung geht es nicht um Leistung, sondern um Wiedergutmachung. Es steckt also etwas sehr Lobenswertes, Edles darin. Dabei ist das Gehen eigentlich etwas sehr Einfaches. Ich mag die Idee dieser Banalität. Ich denke, dass mich das Buch von Sylvain Tesson an meine Kindheit und Jugend erinnert. Ich komme aus einer ländlichen Gegend. Ich lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe einer großen Stadt und mein Vater nahm mich in meiner Kindheit oft zum Wandern mit – zu jeder Jahreszeit. Wir suchten Kastanien und Pilze. Das Wandern und Zelten mochte ich sehr. Feuer machen, biwakieren, im Freien schlafen: Ich glaube, dass wir diese Dinge heute brauchen, um uns wieder mit der Natur zu verbinden. All das hat letztlich dazu geführt, dass ich diesen Film machen wollte. Das Wichtigste war jedoch, dass ich dank dieses Films zwei Monate im Freien verbringen durfte.

Wie sind Sie bei der Adaptierung vorgegangen?

Ich muss dazu sagen, dass ich mir beim Schreiben des Drehbuchs die Arbeit mit Diastème (der Künstlername des in Frankreich bekannten Schriftstellers und Drehbuchautors Patrick Asté) teilte. Er kümmerte sich um das Literarische, also das Skelett, das ich mit Inhalt füllen musste. In der Auseinandersetzung mit Sylvain Tessons Buch stellte ich fest, dass es viele Handlungsstränge gibt, und mit Rückblenden versuche ich die Geschichte zu erzählen, ohne dass sie langweilig wird.

Denis Imbert © Filmladen
Denis Imbert © Filmladen
„Erst als Oscar-Preisträger Jean Dujardin für die Hauptrolle des Pierre zusagte, war der erste Schritt in Richtung Realisierung getan.“

Was waren die größten Schwierigkeiten und die besonderen Herausforderungen bei der Realisierung des Films?

Am Anfang glaubte niemand an die Möglichkeit, diesen Film realisieren zu können. Es ließ sich kein Geld dafür auftreiben. Erst als Oscar-Preisträger Jean Dujardin für die Hauptrolle des Pierre zusagte, war der erste Schritt in Richtung Realisierung getan. Das Außergewöhnliche ist, dass die Dreharbeiten in der genauen Reihenfolge der Wanderung stattfanden, wir waren vom Südosten Frankreichs bis in den Nordosten unterwegs. Wichtig war mir, keine Postkartenidylle zu zeigen. Die Natur ist die Grundlage, in die die Figur eintaucht. Die Dreharbeiten dauerten insgesamt neun Wochen. Wir waren mit dem Auto unterwegs, aber auch oft zu Fuß, um die Schwierigkeiten des Wanderns selbst zu spüren. Manchmal biwakierten wir und übernachteten auf Hütten auf 2.000 Metern Seehöhe, um das Morgenlicht zu erwischen. Am liebsten wäre ich die gesamte Strecke zu Fuß gegangen, aber dafür reichte die Zeit leider nicht, und wir mussten auch die Filmausrüstung mit dem Auto transportieren. Vor den Dreharbeiten schaute ich mir bereits die gesamte Strecke an. Beim Dreh selber musste es schnell gehen. Wir übernachteten nur ein- oder zweimal am selben Ort. Sylvain Tesson sagt auch: Um frei zu bleiben, sollte man nie mehr als zweimal am selben Ort schlafen.

Warum war es Ihnen wichtig, mit einem kleinen Team unterwegs zu sein?

Unser Team bestand nur aus zehn Personen. Es war alles sehr minimalistisch, aber das war notwendig, um das Gefühl des Alleinseins zu haben. Wichtig ist mir auch, zu erwähnen, dass ich mir die Arbeit mit Kamerafrau Magali Silvestre de Sacy teilte. Mir war wichtig, dass mein Blick mit dem einer Frau korreliert und von ihr begleitet wird. Es musste auch einen weiblichen Blick in meinem Film geben.

Was hat Sie während der Dreharbeiten überrascht?

Das Unterwegssein in den Bergen war ein Gefühl der totalen Freiheit – ich fühlte mich wie ein Kind, das auf Schatzsuche ist, es war ein berauschendes Gefühl. Es gab Begegnungen mit außergewöhnlichen Leuten, aber leider war so wenig Zeit. Das war ein bisschen seltsam. Spannend war es auch, in Gebieten Frankreichs unterwegs zu sein, die sehr isoliert und dünn besiedelt sind. Man sagt, dass in sehr menschenarmen Gebieten die Begegnungen zwischen den Menschen am intensivsten sind, und das habe ich auch so erlebt. Ich habe zum Beispiel einen Bauern getroffen und habe nach dem Treffen einen Dialog für ihn geschrieben und ihn auch engagiert, seine eigene Rolle zu spielen.

„Beim Gehen findet auch eine Bewegung im Inneren statt.“

Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit Jean Dujardin?

Jean Dujardin hatte darum gebeten, dass er viel allein ist, dass er quasi wie ein wildes Tier behandelt wird, um sich auf seine Rolle einlassen zu können. Ich wollte, dass er sich fallen lässt, sich auf seinen Kern reduziert, sodass alles aus seinem Inneren kommt. Dieser Film sollte ja auch die innere Reise eines Mannes darstellen.

Welche Botschaft wollen Sie mit dem Film vermitteln?

Ich weiß nicht, ob es eine Botschaft gibt. Auf jeden Fall weiß ich, dass beim Gehen, egal was im Leben passiert – der Verlust eines geliebten Menschen, Trauer, eine Liebesgeschichte –, auch eine Bewegung im Inneren stattfindet. Wenn man zu Fuß unterwegs ist und vielleicht auch noch das Handy zuhause lässt, kann man gut bei sich sein. Gerade in einer Zeit, in der wir sehr nach außen gerichtet sind, vergessen wir vielleicht auf unser Inneres. Mit dem Gehen können wir auf sehr einfache Weise wieder ein wenig zu uns finden.

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  • Veröffentlicht: 03.12.2023
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