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01-02/23

Stille Nacht

Stille Nacht
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Die Stille-Nacht-Gedächtniskapelle Oberndorf steht an der Stelle der ehemaligen St.-Nikolaus-Kirche, in der 1818 das Weihnachtslied zum ersten Mal aufgeführt wurde.

Ein Lied, das zum Choral wurde, eine Melodie, die in über 300 Sprachen und Dialekten Weihnachten zu vermitteln vermag: „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist das beliebteste, bekannteste, am öftesten übersetzte und am häufigsten gesungene Weihnachtslied der Welt.

Jahr für Jahr gelingt es dem Lied, in den jeweiligen Idiomen einer Region oder eines ganzen Landes weihnachtliche Herzensstimmung hervorzurufen. Ob Kaplan Joseph Mohr und der Organist Franz Xaver Gruber das gleiche Gefühl in sich trugen, als sie das Lied am Heiligen Abend des Jahres 1818 mit Gitarre und zwei Singstimmen erstmals erklingen ließen?

In der Not entstand Wunderbares

Joseph Mohr, der 1816 das Gedicht „Stille Nacht, heilige Nacht“ verfasste, hatte selbst von Kindesbeinen an Verzweiflung und Not kennengelernt: Auf seinem Schulweg in der Stadt Salzburg war er den französischen Besatzern begegnet. Auch in Franz Xaver Grubers Heimatdorf Hochburg-Ach verzeichnete die Ortschronik eine Reihe von Verbrechen, die französische Soldaten auf dem Rückzug begingen. Es waren keine friedlichen Zeiten. Krieg, menschliches Leid, Angst und Hunger hatten mehr als eine Generation von Menschen geprägt: Fast zwei Jahrzehnte lang hatten die napoleonischen Kriege Europa fest im Würgegriff. „Die Kindersterblichkeit war hoch, es war das Jahr ohne Sommer und Sonne, und ausgerechnet dann entsteht so ein wunderbares Lied“, sagt Christa Pritz fasziniert. Als Präsidentin der international agierenden Stille-Nacht- Gesellschaft leitet sie ein Team von engagierten Menschen, die vermitteln, forschen und vernetzen, damit diese wunderbare Melodie weiterlebt und sich über den Globus verbreitet.

Ein Friedenslied für die Welt

Es überrascht nicht, dass die eingängigen tragenden Tonfolgen von „Stille Nacht“ im Laufe der über 200-jährigen Geschichte des Liedes immer dann erklangen, wenn sie von den Menschen gebraucht wurden. Man setzte das Lied auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg immer dann öffentlichkeitswirksam ein, wenn Kraft,
Hoffnung und Trost von Nöten waren. Eine Kraft, die dem Werk wohl durch seine kriegerische Entstehungszeit wie in der DNA gespeichert ist. Denn bis heute klingen in jeder Zeile – wie etwa „Da uns schlägt die rettende Stund’“ – auch der tiefe Glaube und die Zuversicht mit, dass alles gut wird. „Es sind die Einfachheit der Komposition und der zu Herzen gehende Text, die ,Stille Nacht, heilige Nacht‘ zu einem Unikat machen“, sagt Christa Pritz. Sie kam dem Thema durch die Ausbildung „Stille Nacht vermitteln“ nahe – einem Lehrgang für museale und touristische Wissensvermittlung. Sie engagierte sich auch sehr beim Umbau des Museums in Mariapfarr, der Gemeinde, in der das Gedicht geschrieben wurde, und ist stolz darauf, dass 90 Prozent der ÖsterreicherInnen es kennen und lieben. Christa Pritz weiß auch, wo man sich als interessierter Mensch am besten umsehen kann, um der Geschichte dieser Melodie nahezukommen.

Christa Pritz
Christa Pritz

Handschriften bis heute erhalten

Im Salzburg Museum in der Stadt Salzburg beziehungsweise im Stille-Nacht-Museum in Hallein etwa befinden sich eine autografe (handschriftliche) Überlieferung des Liedes von Joseph Mohr und sogar vier Manuskripte von Franz Xaver Gruber. Es ist einem Zufall zu verdanken, dass das Lied in die Hände des Tiroler Orgelbauers Carl Mauracher gelang, der damals die Orgel in Oberndorf reparierte. Zurück in seiner Heimat, dem Zillertal, reichte er es an musikalische Bauernfamilien weiter, die das Lied als fahrende Warenhändler bekannt machten. Der Siegeszug durch Europa war damit begründet. Schon 1839 ließ der Zillertaler Ludwig Rainer, einer der damals berühmtesten Tiroler Nationalsänger, die heute so prominente Tonfolge in Amerika erklingen. Das Schöne an dem Erfolg des Liedes: Franz Xaver Gruber, der im Jahr 1863 starb, konnte noch die Anfänge des Ruhmes miterleben und 1854 die Urheberschaft öffentlich für sich reklamieren.

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Das Lied verliert nicht an Kraft

Bis heute übt „Stille Nacht, heilige Nacht“ eine Magie auf viele Menschen aus. Nie wurde mehr dazu geforscht. Musikerinnen und Komponisten, Produzentinnen und Sänger, Schauspielerinnen und Künstler, aber auch Kuratorinnen und Ausstellungsleiter, Wissenschaftlerinnen und Historiker sind gleichermaßen davon angezogen, wie auch die zwei Milliarden Menschen, die es kennen und zu Weihnachten singen. Auch die historischen Orte rund um das weltbekannte Lied – Oberndorf, Mariapfarr, Arnsdorf, Hintersee, Hallein, Salzburg und Wagrain – sind heute stärkere Anziehungspunkte denn je. Dort erfahren Interessierte unter anderem auch, dass der heutige „Welthit“ nicht wie meist gesungen nur drei, sondern insgesamt sechs Strophen vorzuweisen hat.

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„Holder Knabe im lockigen Haar“

„… schlaf in himmlischer Ruh’“ – das Weihnachtsgedicht von Joseph Mohr war in jener Nacht 1818 als Wiegenlied für das neu geborene Christkind gedacht. Der junge, volksnahe Priester leistete damit musikalischen Trost für die Schmerzen der Menschen, hatte ein Gefühl für ihre Not und ihre Sorgen. Er vermochte dem Gedanken der Rettung durch die Geburt eines Kindes Inhalt und Form zu geben. Sein eigener Glaube gab ihm die Tiefe der Zuversicht, die er mit dem Lied auch weitergab. Sein Anliegen waren die Gemeinschaft, die Verbundenheit, die Christlichkeit und das Miteinander. Wohl deshalb gilt „Stille Nacht“ als Welt-Friedenslied und wurde 2011 in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Diese Energie des Friedens und des Miteinanders entgegen allen Spaltungen, Kriegen, Kämpfen und bedrohlichen Szenarien benötigen wir gegenwärtig ganz besonders.