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Sexwelle in der „Welt der Frau“?

75 Jahre „Welt der Frauen“

Anlässlich unseres Jubiläums haben die Redaktionsmitglieder in den Heften ihres jeweiligen Geburtsjahrganges gestöbert und ihr Highlight ausgewählt. Ein Streifzug durch eine bewegte Geschichte.

Julia LangenederJulia Langeneder, Redakteurin seit 2010, fand einen spannenden Bericht in der Februar-Ausgabe 1977.

„Welt der Frauen“-LeserInnen halten mit ihrer Meinung nicht gerne hinterm Berg. Wir freuen uns immer über Feedback auf unsere Artikel – über positives wie kritisches.

Die meisten LeserInnenbriefe in der Geschichte des Magazins (insgesamt 60!) gab es auf einen Bericht in der Februar-Ausgabe 1977 mit dem Titel „Geschlechtserziehung im Kindergartenalter“.

In dem Artikel ging es darum, wie Eltern ihre Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung unterstützen können – und zwar, indem sie altersgemäß auf deren Fragen eingehen, die Geschlechtsteile beim Namen nennen und dem Nachwuchs erklären, dass Babys im Bauch der Mutter wachsen und „durch die Scheide“ geboren werden.

Diesen – in den 1970er-Jahren wahrscheinlich fortschrittlichen – Zugang empfehlen SexualpädagogInnen auch heute noch. Die meisten Reaktionen bezogen sich allerdings weniger auf den Inhalt des Artikels als vielmehr auf ein Foto, das zwei nackte Kinder – einen Buben und ein Mädchen – in der Badewanne zeigte, die ihre Geschlechtsteile begutachten.

Während manche Leserinnen „schockiert“ waren, es „bedauerlich“ fanden, „dass auch die katholischen Zeitschriften der Sexwelle frönen“, und ihre Sorge darüber äußerten, „wie so unschuldige Kinder verdorben werden“, gratulierten andere der Redaktion, dankten für die „echte Lebenshilfe“ und wünschten sich, sie hätten in ihrer Jugend „eine so gute Aufklärung erfahren“.

Schmunzeln musste ich über den Brief einer Leserin, die ihren drei Kindern das besagte Foto mit der Frage gezeigt hatte, ob ihnen irgendetwas auffalle. Nachdem zuerst alle den Kopf geschüttelt hatten, meinte ein Mädchen schließlich: „Mutti, das Mäderl auf dem Bild hat ein Hohlkreuz. Müsste man mit ihm nicht zu einem Arzt gehen?“

Geschlechtserziehung im Kindergarten

Anton Janzing

Obwohl der Großteil der Eltern grundsätzlich positiv zur Geschlechtserziehung des Kindes steht, fehlt oft der Mut zur praktischen Durchführung. Vielen Kindern fehlt eine sachgerechte Einführung in geschlechtliche Zusammenhänge.

So sind sie weithin ihrem eigenen Forscherdrang und dem Wissen ihrer Altersgenossen ausgeliefert, wenn sie Antwort auf ihre Fragen suchen. Das Erlebnis einer unbefangenen Grundhaltung zur Sexualität und die nötige Information sind aber Voraussetzung für die spätere Partner- und Liebesfähigkeit eines Menschen. Daher kommt der Sexualerziehung schon von den ersten Lebensjahren an eine wichtige Bedeutung zu.

In der Fachzeitschrift für Kindergärtnerinnen ,,Unsere Kinder” entdeckten wir unlängst einen Artikel über Sexualerziehung im Kindergartenalter, den wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion in einer durch den Autor umgearbeiteten Fassung in zwei Folgen bringen wollen.

Wir hoffen, dadurch das Gespräch zwischen Kindergärtnerinnen und Eltern über diese Frage zu beleben und überdies eine gute wissensmäßige Grundlage zu vermitteln.

So sind Buben – so sind Mädchen

Die Geschlechtserziehung soll dem jungen Menschen Hilfe geben, seine Geschlechtlichkeit anzunehmen, sie zu bejahen und sie sinnvoll in seine Person einzuordnen, sowie verantwortungsbewußt damit zu leben.

Sie ist ein wichtiger Teil der Erziehung zur Liebes- und Ehefähigkeit, zur Partnerschaft und zur Verantwortung und umfaßt deshalb nicht nur Wissensvermittlung, sondern entscheidend Verhaltensprägung und -hilfe.

Erste Grunderfahrungen

Die Geschlechtserziehung im Kleinkind- und Kindergartenalter ist von besonderer Bedeutung, weil hier entscheidende Weichen für die spätere Entwicklung gestellt werden.

Wichtig sind vor allem das Gefühl des Angenommenseins und der Geborgenheit für die Kinder, der Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Eltern und Kindern, sowie gleichermaßen die Befriedigung berechtigter Wünsche und Bedürfnisse als auch das zunehmende Erlernen von Triebaufschub und Verzicht.

Speziell gilt es, die kindliche Unbefangenheit seinem Körper einschließlich des Geschlechtsbereiches gegenüber zu erhalten und durch die Sauberkeitserziehung nicht eine ,,Zone der Unanständigkeit” aufzubauen. So sollte auch durch die richtige Benennung der Geschlechtsorgane und den unbefangenen Gebrauch der Bezeichnungen die Gleichwertigkeit mit anderen Organen betont werden.

Die Kinder sollen die körperlichen Geschlechtsunterschiede kennenlernen. Sie sollen erfahren, daß Babys im Bauch der Mutter wachsen und durch die Scheide geboren werden. Ferner sollen die Kinder vor Sittlichkeitsvergehen geschützt werden. Etwa um die Zeit der Einschulung fragen die Kinder durchaus schon nach der Rolle des Vaters und brauchen darauf eine Antwort.

Der ergänzende Beitrag des Kindergartens

Eine so verstandene Geschlechtserziehung ist ohne Zweifel in erster Linie eine Aufgabe der Eltern. Kindergarten und Schule können hierzu nur einen ergänzenden Beitrag leisten. Geschlechtserziehung kann nicht eingeplant werden wie in der Schule.

Kindergarten-Erzieher beeinflussen die Kinder durch ihre bewußten oder unbewußten Reaktionen auf kindliches Verhalten, z. B. beim Umkleiden, beim Verhalten auf den Toiletten, bei sexuellen Spielereien und bei Erlebnisberichten über familiäre Begebenheiten, wie etwa die Ankunft eines Geschwisterchens.

Das zunehmend befangene Verhalten vieler Kinder in diesem Alter läßt im Grunde auch keine andere Wahl, als die verschiedensten Anlässe aufzugreifen – selbstverständlich im Einvernehmen mit den Eltern. Würde man solche Gelegenheiten nicht nutzen, verpasste man ideale Chancen, ein unbefangenes und positives Verhältnis zur Geschlechtlichkeit bei den Kindern mitzuprägen.

Entscheidend für die sexualpädagogischen Bemühungen des Kindergartens ist eine Übereinstimmung mit den Eltern; denn gegensätzliche Auffassungen über sexuelle Verhaltensweisen bringen die Kinder in Konfliktsituationen. Wegen der allgemein anzutreffenden unterschiedlichen Auffassungen und der Verunsicherung vieler Eltern ist deshalb eine Abstimmung über die Ziele und Methoden der Geschlechtserziehung im Kindergarten unerläßlich.

Dabei sollte es auch um grundsätzliche Auseinandersetzungen über das heutige Verständnis der Sexualität und über die Bedeutung der kindlichen Sexualität gehen. Die nachfolgenden Ausführungen gehen – freilich in aller Kürze – auf ständig wiederkehrende Fragen und Probleme rund um die Geschlechtserziehung ein und geben sowohl grundsätzliche als auch methodische Hinweise für Eltern-Kind-Gespräche.

Geschlechtsunterschiede

Eltern sollten die richtigen deutschen Bezeichnungen der Geschlechtsorgane schon gebrauchen, bevor die Kinder danach fragen. Sobald den Kleinkindern auch andere Körperteile genannt werde,n gehören die Geschlechtsorgane dazu. Dadurch werden sie Kindern und auch Eltern besser geläufig und die Geschlechtsorgane nehmen keine Sonderstellung ein.

Wenn die Kinder Gassenausdrücke für die Geschlechtsorgane und für sexuelles Tun aufgreifen und interessant finden, ist es für die Eltern zunächst wichtig, gelassen zu bleiben. Wer ärgerlich und erschrocken reagiert oder gar mit Strafen droht, erreicht damit nur, dass die Kinder ihnen gegenüber vorsichtiger in den Äußerungen werden, nicht mehr alles berichten und möglicherweise sogar ansprechbar für solche Ausdrucksweisen werden.

Kinder sollten über alles berichten dürfen, was sie erleben, und die Eltern sollten in aller Ruhe mit ihnen darüber sprechen. Je nach Auffassungsvermögen könnte an Beispielen erklärt werden, dass die unterschiedlichsten – auch brutale – Bezeichnungen entstanden sind, weil man früher keine richtigen Namen wurste und nicht darüber sprach.

Wichtig ist es, bestimmte Ausdrucksweisen nicht zu verbieten, sondern vielmehr zu verdeutlichen, wie es besser gesagt werden kann. Auf diese Weise entfällt der Reiz, Gassenausdrücke zu gebrauchen, und entsteht ein Informationsvorsprung gegenüber anderen Kindern.

Die anschauliche Erfahrung der Geschlechtsunterschiede entspricht dem kindlichen Wissensdrang. Dieser sollte frühzeitig gestillt und nicht durch „Versteckenspielen und Geheimnistuerei“ zur Neugier gesteigert werden, die dann später in der Pubertätszeit zu unnötigen Belastungen führen kann.

Verhaltensweisen im Intimbereich

Eine größere Unbefangenheit im Intimbereich der Familie ist wünschenswert. Sie kann weitgehend gegen pornographische Produkte schützen und könnte auch dazu beitragen, dass die organisierte Nacktheit in der Öffentlichkeit sich wenigstens teilweise erübrigte.

Sich den Kindern gegenüber nackt sehen zu lassen (nicht zeigen!) setzt voraus, dass man dies beginnt, wenn die Kinder noch klein sind. Wenn die Kinder schon größer sind, gelingt eine Änderung nur wenigen. Hier besteht auch die Gefahr einer Verkrampfung.

Durch entsprechend vorbildliches Verhalten der Eltern und durch Gespräche mit den Kindern kann aufgezeigt werden, welche Verhaltensweisen im Intimbereich der Familie möglich und sinnvoll sind, aber nicht in die Öffentlichkeit übertragen werden sollten.

Ferner, dass das Verhalten in Familie und Öffentlichkeit von der jeweiligen Situation abhängig ist, z. B. unterschiedliches Verhalten im Badezimmer und im Wohnzimmer, in der öffentlichen Badeanstalt und auf der Straße.

Schon in der frühen Kindheit werden entscheidende Voraussetzungen für den Aufbau einer persönlichen Intimsphäre geschaffen. Jeder Mensch braucht eine persönliche Intimsphäre. Sie umfaßt aber nicht nur den Geschlechtsbereich, sondern all das, was zum „Kern der Person“ gehört (z. B. Geheimnisse, Probleme, Tagebücher, Briefgeheimnis, persönliche Note).

Dies verlangt auch von Eltern sehr viel an Zurückhaltung und Toleranz, vor allem, wenn die Kinder ihnen gegenüber verschlossen sind. Die Intimsphäre ist ein notwendiger Freiheitsraum zur Selbstverwirklichung. Zu ihrem Wesen gehört es, dass sie von innen geöffnet und nicht von außen aufgestoßen wind. Das .„Sich-öffnen-Können“ setzt eine Vertrauensbasis voraus.

So ist es z. B. das Recht des kleinen Kindes, ihm fremden Personen – auch wenn sie den Eltern gut bekannt sind! – die gewünschte Begrüßung mit Händedruck o. ä. zu verweigern.

Scham als Schutzfaktor

Die menschliche Nacktheit drückt Schutzbedürftigkeit und Anziehungskraft gleichzeitig aus. Beide bedürfen der Intimsphäre als Schutz. Die Frage, inwieweit sexuelles Schamverhalten angeboren oder erlernt ist, ist umstritten und auch schwierig zu erforschen.

Mit Sicherheit spielen auch angeborene Verhaltensweisen eine bedeutende Rolle. Der nackte Körper ist ein Angebot an Personen des anderen Geschlechtes (bis auf Ausnahmen) und kann bei diesen sexuelle Erregung hervorrufen.

Es scheint hierbei ein angeborenes Bestreben zu sein, selbst zu bestimmen, auf welche Personen man anziehend und erregend wirken möchte, bzw. zu verhindern, sich unerwünschten Reaktionen auszusetzen.

Nicht von ungefähr werden selbst unbefangen erzogene Kinder mit Beginn der Pubertät auch sogar innerhalb jener Familien zurückhaltender, in denen sich die Eltern weiterhin unbefangen verhalten. Diese Tatsache ist mit der Theorie des erlernten und anerzogenen Verhaltens allein nicht zu erklären.

Die Erfahrung zeigt, dass Menschen sich im allgemeinen überall dort unbefangen verhalten, wo keine unerwünschten Reaktionen zu erwarten sind. Einen solchen Schutz bieten aber sowohl die Familie, die Gruppe oder ein vertrautes Verhältnis wie auch unter gewissen Umständen die Anonymität der Masse. (An FKK-Stränden sind sexuelle Regungen tabuiert!)

Selbstverständlich aber wirkt auch der leicht und spärlich bekleidete Körper stark erregend – vor allem, wenn die Kleidung die Geschlechtsmerkmale besonders betont; dennoch wird die Begegnung zwischen den Geschlechtern um so personaler, je weniger nur auf Reize der Geschlechtsorgane reagiert wird. Deshalb ist die Kleidung auch Ausdruck unserer Kultur.

Die persönliche Intimsphäre kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein; es erfordert ein hohes Maß an Toleranz, die Freiheit der einzelnen Person zu respektieren.

Eine so verstandene Scham ist ein Schutz der Person gegen Einflüsse von außen und drückt wertbetontes Verhalten aus. Leider wird es heute oft so dargestellt, als sei die Scham ein Zeichen von Ablehnung der Sexualität.

Eine vernünftige Geschlechtserziehung soll Unkenntnis und Unwissenheit (z. B. bei den Geschlechtsunterschieden) vermeiden bzw. abbauen, aber die persönliche Intimsphäre aufbauen.

Eine notwendige Grenze der Offenheit liegt vor dem Sexualverhalten. Was zwischen Mann und Frau in der geschlechtlichen Intimbegegnung geschieht, betrifft diese beiden allein. Je mehr dies demonstriert, plakatiert und damit in die Öffentlichkeit gebracht wird, um so mehr „verliert das Geschehen an Zauber und Tiefgang“ (Scherer). Bei Kindern kann das Miterleben des sexuellen Tuns der Eltern zu neurotischen Störungen führen.

Fortsetzung im nächsten Heft

Welt der Frau Februar 1977Erschienen in: Welt der Frau, Februar 1977

„Welt der Frauen“ begleitet ihre Leserinnen und Leser seit 75 Jahren – die erste Ausgabe erscheint 1946  unter dem Titel „Licht des Lebens“ in Wien im Kontext des ideellen Wiederaufbaus nach dem Krieg. 1964 wird „Licht des Lebens“ in „Welt der Frau“ umbenannt und schließlich 2018 zu „Welt der Frauen“.

Welt der Frauen April 2021

 

 

75 Jahre „Welt der Frauen“ – unsere Jubiläumsausgabe April 2021 können Sie hier bestellen.

 

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