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Sex trotz Handicap

Menschen mit Behinderung stoßen mit ihrem Wunsch nach Sexualität oft auf Unverständnis. Doch es gibt Paare, die ihre Lust selbstbewusst genießen.

Sexualität ist Lebenskraft, die dazu befähigt, ein Körperbewusstsein, eine eigene Identität und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, und sie hat darüber hinaus eine soziale und kommunikative Funktion. Mit ihrer Hilfe können wir Empfindungen ausdrücken und Beziehungen stärken.

„Bei Menschen mit Beeinträchtigung ist das nicht anders“, sagen die Eheleute Maria Adlmanseder (47) und Adi Landgraf (57), die in einer vollbetreuten Wohngruppe der Behinderteneinrichtung „Assista“ in Altenhof am Hausruck leben.

Beide sind aufgrund von Sauerstoffmangel während der Geburt spastisch gelähmt. Maria Adlmanseder benötigt seither Unterstützung in allen Bereichen. Ihr Mann Adi, der seit 1980 in der Einrichtung lebt, versorgt sich weitgehend selbst. Er kann kurze Strecken gehen, längere bewältigt er mit seinem Elektro-Rollstuhl.

Maria Adlmanseder und Adi Landgraf
Sie nimmt mich, wie ich bin. Ihre Liebe macht mich zu einem besseren Menschen.
Adi Landgraf

Hinderliche Strukturen

Dass sie ein Mensch mit sexuellen Gefühlen ist, wurde Adlmanseder mit 14 Jahren bewusst, als sich ihr Körper altersentsprechend veränderte. Doch über Sexualität wurde in der Sonderschule und im Kinderdorf, in dem sie aufwuchs, nie gesprochen. Auch für ihre strengen Eltern war das Thema tabu.

„Weil mich niemand aufklärte, las ich die Jugendzeitschrift ‚Bravo‘. Dort informierte der bekannte Dr. Sommer über Küssen, Petting und Geschlechtsverkehr“, erzählt sie.

Diese neu gewonnenen Erkenntnisse stärkten ihr Selbstvertrauen. Als die Neugier die Unsicherheit überwog, wagte sie heimlich ihren ersten Sex mit einem anderen Internatsbewohner. Dabei blieb es vorläufig auch, denn im Internat waren Zärtlichkeiten nicht erlaubt.

Mit dem Einzug bei „Assista“ aber stieß sie mit ihren Bedürfnissen auf offene Ohren und einen natürlichen Umgang mit Sexualität. Bald darauf fand sie ihren ersten, ebenfalls spastischen Partner, mit dem sie sogar zusammenwohnte.

Verbote und Strafen

„Als ich mich in Adi verliebte, fielen meine Eltern aus allen Wolken!“, sagt Adlmanseder. Generell erschwerten überbehütende Erziehungspersonen das Sexualleben von beeinträchtigten Menschen. Doch auch gesellschaftliche Normvorstellungen seien hinderlich. Adi Landgraf stimmt zu: „Wir werden nie als vollwertig anerkannt, haben die Arschkarte – ein Leben lang! Ich lebe seit meiner Geburt in Heimen und weiß, wovon ich rede.“

Seine Eltern hätten seine Sexualität immer akzeptiert. Nicht so die Nonnen im Jugendheim, in dem er als Teenager untergebracht war. Auch Zwangssterilisation war gang und gäbe. Selbst heute kommt sie noch vereinzelt vor“, sagt er.

Ihm jedenfalls waren die Regeln der Klosterschwestern damals egal. Er unterhielt und genoss Liebeleien und lehnte ernste Beziehungen ab. Erst als er über einen Bekannten Maria Adlmanseder traf, verlor er, wie er sagt, seine „Angst um die Freiheit“: „Sie nimmt mich, wie ich bin. Ihre Liebe macht mich zu einem besseren Menschen.“ Ein Heiliger sei er nach wie vor nicht, aber treu sei er! „Sex ist nicht mehr so wichtig. Im Alter zählt Verbundenheit.

Sex mit Handicap: Lydia Wolf Christian Binder

„Assista Soziale Dienste“ ist seit 1978 auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung spezialisiert. Neben Pflege, Therapie und Rehabilitation wird sinnstiftende Beschäftigung angeboten, maßgeschneidert nach den Bedürfnissen der KlientInnen. Damit diese möglichst selbstbestimmt leben können, wird auch jede Form der sexuellen Ausrichtung unterstützt.

Alle „Assista“-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zu „Sexualität und Behinderung“ geschult und klären über Dating, Verhütung und Geschlechtskrankheiten auf.

Assista Soziale Dienste

 

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