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Sehnsucht nach Ritualen

Rituale geben uns Halt und Orientierung – in Krisenzeiten, bei Lebensübergängen und auch im Alltag. Gerade in der schnelllebigen Zeit lohnt es sich, sich darauf zu besinnen. Aber was ist, wenn sich die traditionellen Rituale nicht mehr stimmig anfühlen? Wie lassen sich neue Formen finden? Eine Spurensuche.

Die stille Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 2006 war für Irmgard Hiller ein Wendepunkt. „Dadurch hat sich für mich der Blickwinkel auf vieles verändert.“ Von einem christlichen Elternhaus geprägt, fand sie für diese Erfahrung wenig Halt im Glauben. Auf der Suche nach Ausdrucksformen für ihre Trauer kam die Salzburgerin, die am Mondsee lebt, mit dem Thema Rituale in Berührung. „In der ersten Zeit waren mir vor allem einfache Alltagsrituale wie das Tagebuchschreiben im Kinderzimmer oder das Gestalten einer Namenskerze, die wir weiterhin an Tagen der Erinnerung anzünden, ein Anker“, sagt sie. Das Abschiedsritual am Grab für still geborene Kinder war für die Kommunikationswissenschafterin ein prägendes Erlebnis. Schließlich fand sie in der Ritualberatung „ihr Herzensthema“. Neben ihrem Beruf im Personalmanagement gestaltet Irmgard Hiller seither auch für andere Rituale zu den unterschiedlichsten Anlässen und Anliegen: vom Alltagsritual (zum Beispiel: „Die Arbeit bleibt draußen“), über Willkommensfeste, Hochzeiten, Rituale zur Lebensmitte, zur Genesung nach einer Krankheit, zur Verabschiedung bis hin zum Jahresausklang in der Stille der Natur statt Böllerschießen.
Es scheint kaum einen Anlass zu geben, für den sich kein passendes Ritual finden ließe. In den Buchgeschäften und im Internet gibt es eine unüberschaubare Fülle an Ratgebern zum Thema. In den vergangenen Jahren hat sich sogar ein eigener Berufsstand entwickelt: die Ritualberatung. Der neue Beruf trägt viele Namen: RitualgestalterIn, -designerIn, -begleiterIn, -beraterIn, oder ZeremonienleiterIn. Eine staatlich anerkannte Ausbildung gibt es nicht.
Die Vorarlberger Ritualberaterin Johanna Neußl war eine der ersten ihres Berufsstandes. Ihre Ausbildung machte sie Ende der 90er-Jahre in der Schweiz, da es in Österreich noch nichts Vergleichbares gab. Sie war Mitbegründerin von „Netzwerk Rituale“ und gründete die „Akademie für Ritualgestaltung“. Dort können Interessierte unter anderem einen zweijährigen Diplomlehrgang sowie verschiedene Weiterbildungen absolvieren.

WIE RITUALE WIRKEN
„Rituale sind bewusst gesetzte, symbolische Handlungen, die mit Achtsamkeit und Ernsthaftigkeit eine Atmosphäre des Besonderen schaffen“, erklärt Johanna Neußl. Wichtig seien eine ernsthafte Absicht und das Tun.
Rituale sind also viel mehr als Räucherstäbchen und Duftkerzen. Die Wirkkraft eines Rituals vergleicht Lore Galitz in ihrem Buch „Zeit für Rituale“ mit dem Mentaltraining, nur dass Rituale noch viel intensiver wirken würden. Denn im Ritual werde die Situation nicht nur auf mentaler Ebene durchgespielt, sondern mit allen Sinnen erlebt. Dadurch würden Rituale auch stark auf der Ebene des Unbewussten wirken und könnten eine Verbindung zu einem größeren Ganzen herstellen.
Weil sie „auch innerlich etwas spüren wollten“ entschieden sich Andrea Althoff-Slee und Ralf Althoff neben der standesamtlichen Trauung für ein Hochzeitsritual, das sie gemeinsam mit Johanna Neußl entwickelten. Die beiden sind aus der Kirche ausgetreten und der Bräutigam ist bereits einmal verheiratet gewesen.
Der Ablauf des Festes im Freien orientierte sich an den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft sowie dem Symbol „Mitte“. Frauen und Männer bildeten jeweils Kreise, aus deren Mitte das Brautpaar mit der „weiblichen“ beziehungsweise „männlichen“ Urkraft bestärkt in die Ehe ging. In einer Feuerschale flackerte das Feuer als Zeichen der Liebe und in eine Wasserschale – Symbol für Veränderung – setzten Andrea und Ralf Papierblumen als Dank für sie prägende Menschen. Das Holzstück, auf dem die Trauringe lagen, symbolisierte die Beständigkeit der Erde und durch ein Spalier aus Fahnen mit guten Wünschen (Element Luft) schritt das Paar in die gemeinsame Zukunft. Für die gemeinsame Tochter und die beiden Töchter aus erster Ehe gab es jeweils einen Silberanhänger für eine Halskette in Form eines Lebensbaums als Symbol des miteinander Wachsens und Verwachsens als Patchworkfamilie.

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Das Element Feuer ist seit jeher ein starkes Symbol für Lebensthemen, die mit Ritualen  bedacht und gewürdigt werden.

„Da bewegt sich einiges“

Die Theologin Teresa Schweighofer hat sich in ihrer Doktorarbeit mit alternativen Ritualen und deren Auswirkungen auf die pastorale Arbeit in der Kirche auseinandergesetzt.

Warum suchen immer mehr Menschen eine Alternative zu den kirchlichen Ritualen?
Teresa Schweighofer: Die Mehrzahl der Rituale anlässlich von Geburt, Hochzeit und Tod sind in Österreich immer noch kirchliche Rituale. Was man in kirchlichen Ritualen findet – Tradition, klar definierte Inhalte – ist aber nicht für alle ansprechend. In meiner Forschung begegnete mir immer wieder die Aussage von RitualbegleiterInnen, die die kirchlichen Rituale als „gehetzt und hingeschludert“ wahrnehmen. Zugleich haben manche beschämende Erfahrungen gemacht, etwa wenn LiturgInnen über Menschen schimpfen, die nicht mehr wüssten, wann man in der Kirche aufstehen soll und die Gebete nicht mehr könnten. Eine große Gruppe findet auch keine Möglichkeit für ein kirchliches Ritual: wiederverheiratete Geschiedene, homosexuelle Paare, aus der Kirche ausgetretene ChristInnen. Daneben spielt auch die Ästhetik eine große Rolle: Kirchliche Rituale haben eine besondere Feierform. Von der Sprache über die Musik bis hin zum Verhalten der LiturgInnen. Manche Menschen schätzen gerade das, für andere ist das der Grund zu fliehen.

Was entwickelt sich an den Ritualen innerhalb des kirchlichen Kontextes?
Im liturgischen Bereich selbst entwickelt sich einiges. Vieles davon geschieht aber unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit, und das ist auch gut so. Man braucht mitunter geschützte Räume, in denen man ausprobieren und auch Fehler machen darf. Daneben gibt es auch öffentliche Konzepte und Vorschläge: etwa für einen gestuften Taufweg (Anm.: Zuerst gibt es eine Kindersegnungsfeier und später folgt dann die Taufe.) oder Feiern für Liebende, viele LiturgInnen segnen wiederverheiratete Paare und mit der Tröstung für die Hinterbliebenen ist es auch möglich, an der Bestattung kirchlich ausgetretener Verstorbener mitzuwirken. Es bewegt sich auch hier einiges. Es gibt viele kirchliche LiturgInnen, die sich intensiv um die Wünsche und Anliegen der Menschen kümmern und darum bemüht sind, die passende Form zu finden. Es braucht die Bereitschaft, sich auf die Rituale einzulassen. Ich wünsche mir, dass die Kirchenleitung diesen Menschen vertraut und darauf, dass sie eine gute Arbeit machen.

Theologin Teresa Schweighofer erforschte, dass kirchliche Rituale Bestand haben, aber auch neue Formen erwünscht sind.

Das Ritual, das zu mir passt

Welche Arten gibt es und wie entwickelt man Rituale? Praktische Anregungen zu einem Thema, das viele Menschen im Innersten berührt.

Was ist ein Ritual, was eine Routine?
Im Unterschied zur Routine hat ein Ritual auch noch eine symbolische Ebene. Die Tasse Tee am Abend kann beispielsweise eine Gewohnheit sein, verbindet man damit aber ein Danke für den Tag, bekommt sie rituellen Charakter.

Was ist ein Übergangsritual?
Der Ethnologe Arnold van Gennep definiert ein Übergangsritual in drei Phasen: eine Phase der Ablösung aus der alten Ordnung, eine zweite Phase des Übertritts in einen Schwellenzustand und eine Angliederungsphase in die neue Ordnung. Ein Übergangsritual markiert wichtige Punkte im Lebenslauf, die durch eine rituelle Gestaltung den Übergang von einer Lebensphase in eine andere erleichtern können.

Was ist ein Alltagsritual?
Alltagsrituale sind kleine, symbolische Handlungen, die täglich oder wöchentlich wiederholt, den Alltag strukturieren. Sie geben Sicherheit und Halt und können uns Verbindung spüren lassen – mit mir, mit anderen Menschen, mit der Natur, mit dem Göttlichen.

Was sind Rituale im Jahreskreis?
Rituale im Jahreskreis haben ihren Ursprung im Wandel der Natur und der Sonne im Laufe eines Jahres. Viele Bräuche und religiöse Feste sind im Jahreszyklus angesiedelt. Rituale im Jahreskreis ermöglichen eine Verbindung mit den Abläufen in der Natur und können diese gleichzeitig in unserer Seele spiegeln (zum Beispiel: Was in mir will im Frühjahr wachsen und keimen?).

Wie entwickle ich ein Ritual?
Als erstes erkundet man das Thema des Rituals: Worum geht es, was soll ausgedrückt werden, wen betrifft es, wer soll dabei sein? Dann gilt es, die Absicht des Rituals zu formulieren. Ohne eine klare Absicht geht jedes Ritual in die Leere. Dann sucht man nach Symbolen, die man mit dem Thema verknüpfen kann und schließlich geht es darum, eine symbolische Handlung zu finden. Diese wird dann mit Achtsamkeit bewusst ausgeführt.

Impulse für Rituale:
„Zuhause oder in meinem Büro stelle ich mich ans offene Fenster. Ich breite meine Arme aus und atme dreimal tief ein. Dann nehme ich eine Feder zur Hand und streiche mir damit über die Wangen und die Hände. Dabei sage ich zu mir: „Mit Leichtigkeit gehe ich durch den heutigen Tag!“ Dann lege ich die Feder auf meinen Schreibtisch – somit kann sie mich im Laufe des Tages immer wieder an meinen Satz erinnern. Die rituelle Handlung sollte man bewusst, achtsam und ernsthaft vollziehen – dann nachspüren, wie es sich anfühlt. Ein Alltagsritual erhält seine Kraft aus der Wiederholung über einige Zeit.“ (Johanna Neußl, Akademie für Ritual­gestaltung)

„Das Leben ist gut – Kreis des Lichts: Dafür brauchen Sie einen runden Teppich oder eine rund ausgelegte Decke, eine große Kerze und viele Teelichter. Dann setzen Sie sich in Ihren Kreis und entzünden als Erstes die große Kerze im Zentrum als Ihr inneres Licht. An diesem Licht entzünden Sie die Teelichter für alles Gute in Ihnen und in Ihrem Leben. Sprechen Sie dabei aus, wofür das jeweilige Licht leuchtet. Besonders wohltuend ist auch, wenn Sie das als Dank formulieren. Die Lichter platzieren Sie rings um sich herum, bis Sie schließlich von Ihrem eigenen vollkommenen Lichtkreis umgeben sind. Beim Ausblasen der Kerzen können Sie sich – wie bei einer Geburtstagstorte – etwas wünschen.“ (Lore Galitz: Zeit für Rituale, Irisiana Verlag)

Fotos: Sabine Kneidinger, beigestellt

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/18