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„Rimzie kennen hier alle!“

Für sie als muslimisches Mädchen aus Sri Lanka war höhere Bildung nicht vorgesehen. Doch die Freundschaft mit einem österreichischen Urlauberpaar öffnete Rimzie Ismail die Tür zu einem selbstbestimmten Leben. Ihre Verbundenheit mit Österreich ist bis heute tief.

Das Dirndl hat Rimzie Ismail von der Wirtin Anni Hehenberger geborgt. „Wir haben die gleiche Größe“, meint sie mit einem Augenzwinkern. Sepp Hehenberger, der Kirchenwirt von Sindelburg in Niederösterreich, hat seine beiden schönsten Pferde vor die Kutsche gespannt und sich in Schale geworfen. Im gemächlichen Schritt geht es Richtung Wallsee. „Hallo!“, „Servus!“, „Griaß di!“ – Rimzie Ismail kennt jeden im Ort, und alle kennen sie. Sie winkt, grüßt und genießt sichtlich die Fahrt. Auch wenn sie nur wenige Worte Deutsch spricht, gehört sie dazu. „Die Rimzl mögen alle“, sagt der stämmige Wirt ganz salopp. Sie sei einfach „ein lieber Kerl“, immer gut aufgelegt, und sie sei sich für keine Arbeit in der Gastwirtschaft zu schade. Erst am Vorabend sei sie an der Bar gestanden und zu guter Letzt sogar auf der Tanzfläche zu sehen gewesen. Was Sepp Hehenberger sofort zu einer Anekdote aus Rimzies Jugendzeit führt. Während ihres ersten Aufenthaltes in Österreich hatten junge Burschen die behütete muslimische junge Frau in die nächstgelegene Disco mitgenommen. Dass sie dort auch den ersten Alkohol ihres Lebens trank, bereitete den Jugendlichen Vergnügen und Rimzie einige Schuldgefühle. Sie fürchtete die Strafe Allahs. Der hielt sich aber dezent zurück und hatte nichts dagegen, dass ­Rimzie ein etwas anderes Leben führte als von ihrem besorgten Vater vorgesehen.

Rimzie Ismail (Bildmitte) verbindet eine lange Geschichte mit Familie Hehenberger in Sindelburg, Niederösterreich. Die Wirtsfamilie ist ihr eine zweite Heimat. Vater Josef kutschiert sie durch den Ort, sie vermittelte Sohn Josef zum Praktikum nach Dubai, Anni hilft Rimzie sogar mit einem Dirndl aus.

FREUNDSCHAFT MIT FOLGEN
Zum ersten Mal blickte Rimzie Ismail auf das Habsburgerschloss und die Donau, als „Auntie“ und „Uncle“ sie 1980 als Belohnung für ihr abgeschlossenes Studium zu sich geholt hatten. „Auntie“, die Tante, das war Maria Hehenberger, „Uncle“, der Onkel, deren Mann Rudolf, Tierarzt in Sindelburg. Das kinderlose Ehepaar war reisefreudig und hatte bei einem Aufenthalt in Sri Lanka den Vater von ­Rimzie Ismail kennengelernt. „Mein Vater hielt sich mit seiner großen Familie, wir waren sieben Kinder, im Garten vor einer Moschee auf, und Uncle und Auntie fragten, ob sie ihn und seine Schar fotografieren dürften“, erzählt Rimzie. „Sie haben sich unterhalten, und mein Vater hat sie zu uns nach Hause eingeladen. Am nächsten Tag standen sie vor der Tür. Mein Vater hat meine Mutter angewiesen, sofort alles, was die Küche aufbieten konnte, zu servieren.“ Aus dieser Begegnung entstand eine Freundschaft zwischen dem Teehändler aus Sri Lanka und dem Tierarzt aus Österreich. Man blieb in Kontakt, und alle zwei Jahre besuchte das österreichische Paar Familie Ismail in Sri Lanka. Als Rimzie sich in den Kopf setzte, Mathematik zu studieren, stieß sie bei ihrem Vater auf energischen Widerstand. Sie sollte wie ihre älteren Schwestern heiraten. Es waren „Auntie“ und „Uncle“, die nicht nur dem Vater gut zuredeten, sondern auch Geld schickten, das ­Rimzie brauchte, um das Studium gegen den Willen des Vaters zu beginnen. „Ich habe oft mit den beiden telefoniert, wenn ich nicht weitergewusst habe oder verzagt war. Sie haben mir immer zugehört und mich ganz aufmerksam, aber ohne Drängen begleitet und geführt.“ So wuchs eine Verbundenheit, die „Auntie“ zu einer zweiten Mutter und „Uncle“ zu einem zweiten Vater für die junge Mathematikerin machte. „Das Wichtigste, was ich von ihnen gelernt habe, ist anderen zu helfen und sie zu ermutigen, ihre Träume zu leben.“ Acht Monate nach ihrem Studienabschluss starb Rimzies Vater. Ob er stolz auf den Weg seiner Tochter gewesen wäre? ­Rimzies Mutter drückte es einmal auf ihre Art so aus: „­Rimzie, du bist die glücklichste von meinen Töchtern, du bist immer fröhlich und gut gelaunt!“

Rimzie Ismail hätte nach den Vorstellungen ihres Vaters nicht studieren, sondern heiraten sollen. Doch sie setzte sich durch, verließ Sri Lanka und begann in einem Hotel in Dubai ihre berufliche Karriere. Im Gasthaus von Familie Hehenberger fühlt sie sich daher auch aus diesem Grund daheim.

KARRIERE IM WÜSTENSTAAT
Nach dem Studium folgte Rimzie einem ihrer Brüder nach Dubai. Dort fand sie zuerst einen Job in einem Luxushotel und später bei der Fluglinie „Emirates“. Sie machte als Marketingmanagerin Karriere. Bis heute ist sie mehrmals im Jahr mit Vorträgen weltweit unterwegs, um über das Konzept des Flughafens Dubai zu referieren. Diese Reisen verbindet sie oft mit Verwandtenbesuchen. Vor allem ihre Nichten, die beispielsweise in London oder Washington leben, sind ihre Augensterne. Für diese ist sie nun die „Auntie“, die Tante, die unterstützt, bestärkt, ermöglicht. Ihre Nichten sollten wie sie auf eigenen Beinen stehen und ihren eigenen Träumen folgen, findet sie. Zu Rimzie ­Ismails Familie gehören aber auch alle Hehenbergers aus Sindelburg. Für den Junior organisierte sie ein dreimonatiges Praktikum in einem Fünfsternehaus in Dubai. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Küche des Landgasthauses seither vielfältiger geworden ist und noch mehr Anklang als bisher findet.

ZWEITE HEIMAT GEFUNDEN
„Uncle“ und „Auntie“ sind inzwischen gestorben. Beide Male war Rimzie einen Tag nach deren Tod schon in Sindelburg. Im Haus des Tierarztes hatte sie sogar ein eigenes Zimmer. Heute bewohnt sie während der Besuche ein kleines Apartment in einem Nebengebäude des Gasthauses. „Wenn ich in Sindelburg bin, gehe ich jeden Tag zu den Gräbern von Uncle und Aunti, ich danke ihnen für alles. Ich bete für sie wie für meine eigene Familie.“ Ab dem kommenden Jahr möchte sie mehrere Monate in Sindelburg verbringen. „Die Österreicher wissen gar nicht, auf welcher Goldgrube sie sitzen“, sagt sie und zählt auf: Ruhe, gute Luft, Essen, das in der Nähe wächst, Wasser, ein angenehmes Klima. Aber das alleine ist es nicht. Rimzie Ismail hat inzwischen auch in Österreich viele FreundInnen. Dass sie einer anderen Glaubensgemeinschaft angehört, ist dabei kein Thema. „Man nimmt das viel zu wichtig“, meint sie. Entscheidend sei doch, in jedem Menschen das Gute zu sehen und das Störende nicht so wichtig zu nehmen. Die jugendlich wirkende Rimzie Ismail hat ihren Traum mit der Förderung der FreundInnen aus Österreich leben können. Daraus ist eine tiefe Dankbarkeit gewachsen. „Wenn ich mit meinem Frühstückskaffee unter der Kastanie vor dem Gasthaus sitze und hinunter zur Donau blicke, fühle ich mich daheim.“

Zur Geschichte:
„Welt der Frauen“-Leserin Christine Hiebl aus Wallsee schrieb uns, wie gerne sie sich mit Rimzie Ismail unterhält, wenn diese in Sindelburg zu Gast ist. Deren Lebensgeschichte findet sie so berüh­rend, dass sie vor­fühlte, ob Rimzie bereit wäre, sie der Redaktion von „Welt der Frauen“ zu erzählen. Als Hiebl ein „Ja“ hörte, nahm sie Kontakt mit uns auf. Die besten Geschichten schreibt das Leben – und wir erzählen sie gerne weiter.

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