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12/22

Pension ist keine Schicksalsfrage

Pension ist keine Schicksalsfrage

Der Gender-Pension-Gap beziffert eine Tatsache, vor der wir Frauen nur allzu gern die Augen verschließen: dass wir sehr viel weniger Pension bekommen als Männer. Politikwissenschaftlerin Ingrid Mairhuber im Interview über die tatsächliche Höhe, Ursachen und mögliche Maßnahmen gegen die „Pensionslücke“.

Stellen wir uns der unangenehmen Wahrheit: Wie groß ist der Gender-Pension-Gap tatsächlich in Österreich?

Sehr groß. Die tatsächliche Zahl hängt – wie beim Gender-Pay-Gap – davon ab, wo man genau hinschaut und welchen Indikator man verwendet. Ich verwende die neu zuerkannten Alterspensionen und hier den Medianwert. Deshalb, weil es ja um die aktuellen Pensionen geht. Die Pensionen der älteren Jahrgänge, die weniger erwerbstätig waren als jüngere, sind da also schon draußen. Außerdem bezieht sich diese Zahl auch auf das aktuelle Pensionssystem und die aktuellen Bedingungen. Die jüngsten Zahlen stammen aus dem Dezember 2020, weil es immer etwas dauert, bis die Daten beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger gesammelt und berechnet werden. Und da sehen wir, dass der Pension-Gap 49 Prozent beträgt. Frauen bekommen um 49 Prozent weniger Alterspension als Männer. In absoluten Zahlen: Männer bekommen im Durchschnitt 2.527 Euro Pension, Frauen 1.294 Euro.

Das ist schon brutal.

Die Zahlen betreffen nur die Alterspensionen, Invaliditäts- beziehungsweise Berufsunfähigkeitspensionen sind hier nicht berücksichtigt. Wie gesagt kommt es auch immer darauf an, wo man hinschaut, international wird es oft auch nochmal anders gerechnet, da gehen wir von 39 Prozent aus. Aber: Auch 39 Prozent sind schlimm.

Man bekommt ja immer den Eindruck vermittelt, dass es „eben so ist“, dass Frauen weniger Geld haben. Dabei wären auch 5 Prozent weniger eigentlich erschreckend. Wie sieht diese Zahl in der zeitlichen Entwicklung aus? Wird der Pension-Gap geringer?

Ich würde es so formulieren: Wir erleben eine Stagnation auf hohem Niveau. Die Zahl variiert leicht von Jahr zu Jahr, je nachdem, welche Pensionsreformen gerade gemacht werden. Zuletzt ist er wieder etwas gestiegen.

Was sind denn die Gründe dafür?

Das ist relativ klar. Wir haben 2018 das Projekt „Trapez“ (Transparente Pensionszukunft) – eines der wenigen Projekte, die es überhaupt zu dem Thema gibt –, finanziert von der EU-Kommission und eingefädelt von Frauenministerin Heinisch-Hosek, durchgeführt. Dabei kam heraus, dass der Hauptgrund natürlich die niedrigen Einkommen der Frauen ist. Dabei spielt einerseits eine Rolle, dass Frauen eher in den Branchen tätig sind, die zwar gesellschaftlich höchst relevant sind, aber schlecht bezahlt. Das Zweite ist der hohe Anteil an Teilzeitarbeit, vor allem im Haupterwerbsalter, wo man eigentlich die Pensionsgutschriften ansammelt. 74 Prozent der Frauen zwischen 25 und 49 arbeiten Teilzeit. Das schlägt sich massiv auf die Pension nieder.

Warum aber arbeiten so viele Frauen Teilzeit?

Das ist bereits ein Ausdruck spezifischer Arbeitsteilung zu Ungunsten der Frauen. Sie gehen ja nicht Teilzeit arbeiten, weil sie sich, wie manche behaupten, selbst verwirklichen wollen. Sondern, weil sie Betreuungs- und Care-Arbeit übernehmen. Sie betreuen Kinder, ältere Familienmitglieder oder Kranke. Diese Arbeitsleistung stellen sie der Gesellschaft zu Verfügung, bekommen aber nichts dafür. Auch keine Pension – und dort schlägt sich das dann ganz deutlich nieder. Wir wissen, dass – rechnet man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen – Frauen mehr Stunden arbeiten als Männer und am Ende bekommen sie die halbe Pensionsleistung. Das wird als sehr ungerecht empfunden.

Was, außer dem geringeren Einkommen, schlägt sich noch so negativ nieder?

Der zweite Faktor sind die Versicherungslücken. Frauen können meist nicht so viele Jahre ansammeln wie Männer. Das hat auch weniger damit zu tun, dass Frauen theoretisch um fünf Jahre früher in Pension gehen können als Männer – das tun sie nämlich gar nicht. Frauen gehen (die Zahlen sind aus 2020) mit 60,6 Jahren in Pension, Männer mit 63,2 Jahren. Der Unterschied ist also eigentlich gering und zeigt außerdem, dass Frauen auch länger arbeiten müssen, weil die Pension sonst so klein wäre und/oder ihnen die Versicherungsjahre fehlen. Männer hingegen gehen häufig sogar früher in Pension. Frauen fehlen im Vergleich zu den Männern zwölf Erwerbsjahre. Und das wiederum ist vor allem zurückzuführen auf Unterbrechungen wegen Kinderbetreuung oder Pflege. Es ist also – leider – relativ simpel, wie der Pension-Gap entsteht.

„Wichtig ist zu erwähnen, dass, wenn man wegen Pflege eines Angehörigen (der zumindest Pflegestufe drei haben muss) die Erwerbstätigkeit aussetzt oder reduziert, man sich weiterhin selbst pensionsversichern kann, die Beiträge aber nicht selbst zahlen muss.“

Wir stehen in Österreich im internationalen Vergleich mit unserer Pensionslücke besonders schlecht da. Wieso?

Ja, wir sind tatsächlich ganz oben. Warum das so ist, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Es kann daran liegen, dass wir in Österreich eigentlich ein sehr großzügiges Pensionssystem haben, bei dem man theoretisch noch gute Leistungen erhält – nämlich bis zu 80 Prozent der Bemessungsgrundlage. Das heißt: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen kann auch deshalb anderswo geringer sein, weil dort die Männerpensionen geringer sind. Bei uns sind diese relativ hoch – und orientieren sich, und das ist der Punkt, ganz stark an der Erwerbstätigkeit, seit der letzten Reform 2004 sogar noch stärker. Jetzt braucht man 45 Versicherungsjahre, früher waren es die besten 15 Erwerbsjahre. Jetzt zählt auch jedes Jahr, in dem man schlecht verdient hat. Systeme, die so orientiert sind, sind immer für Frauen schlechter, weil sie die unbezahlte Arbeit machen, für die sie entweder ein kleines bisschen bekommen – die Anrechnung der Kindererziehungszeiten etwa – oder gar nichts.

Was wäre denn die Alternative?

Es gibt Länder, da gibt es eine Grundpension, die nicht von der Erwerbstätigkeit abhängt, sondern nur davon, dass man lange genug in dem Land gelebt hat. Diese Länder haben aber, das muss man auch dazu sagen, meist zusätzliche betriebliche Pensionen, die dann auch wieder vom Einkommen abhängen. Es gibt aber auch Länder, wo der Gender-Pension-Gap deshalb geringer ist, weil Frauen nicht so lange Teilzeit arbeiten oder kürzere Berufsunterbrechungen haben – und zwar, weil die geschlechterspezifische Arbeitsteilung nicht so pointiert ist wie in Österreich.

Es ist also ein Problem, das sich entlang der gesamten weiblichen Biografie aufbaut. Und gegen das man, einmal im Pensionsalter, auch nicht mehr viel tun kann?

Ist man einmal in Pension, nicht mehr. Wir müssten alle sehr viel früher darauf schauen. Das österreichische Pensionsversicherungssystem orientiert sich nach wie vor an kontinuierlich Vollzeit erwerbstätigen Männern. Für sie ist das System gemacht und sie müssen über ihre Pension auch nicht nachdenken. Aber es gibt einiges, was man vorbeugend gegen eine zu geringe Alterspension unternehmen kann – wenn man es weiß. Dazu fehlt uns aber die aktive Informationspolitik. Es wird nicht über Lösungen diskutiert, sondern immer nur gesagt, dass wir uns die Pensionen nicht mehr leisten können – was auch nur eine Frage der Perspektive beziehungsweise des politischen Willens ist.

Was sollten wir Frauen unbedingt wissen?

Es gibt, das wissen wir aus unseren Befragungen, die Vorstellung einer Mindestpension. Die gibt es nicht, wir haben eine Ausgleichszulage. Das heißt: Die Bruttopension wird hergenommen, plus sonstige Einkünfte. Dann wird die Differenz zu 1.030,49 Euro (im Jahr 2022) ausgeglichen. Hat eine Frau also eine Pension von 900 Euro, bekommt sie die Differenz dazu. Wichtig ist, dass bei verheirateten Paaren im gleichen Haushalt ein gemeinsamer Richtsatz von 1.625,71 Euro gilt. Wenn der Mann also eine gute Pension hat und gemeinsam dieser Betrag erreicht wird, hat die Frau keine Chance auf die Ausgleichszulage – und ist wieder vom Mann abhängig.

Gibt es denn für Frauen auch positive Dinge über unser Pensionssystem zu sagen?

Ja, jedenfalls. Da wären die Kindererziehungszeiten, die man additiv bekommt, also auch, wenn man zugleich erwerbstätig war. Auch bei Pflegekarenz und -teilzeit wird etwas auf dem Pensionskonto gutgeschrieben – automatisch, sobald Pflegekarenzgeld beantragt wurde. Das gleiche gilt für Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Wichtig ist zu erwähnen, dass, wenn man wegen Pflege eines Angehörigen (der zumindest Pflegestufe drei haben muss) die Erwerbstätigkeit aussetzt oder reduziert, man sich weiterhin selbst pensionsversichern kann, die Beiträge aber nicht selbst zahlen muss. Dafür kommt die öffentliche Hand auf. Das muss man aber wissen und beantragen. Auch wissenswert ist es, dass es Zuschläge gibt, wenn man über das gesetzliche Pensionsalter hinaus arbeitet – pro Jahr (für maximal drei Jahre) sind das 4,2 Prozent mehr Pension, also bis zu 12,6 Prozent. Davon wissen wenige Frauen, obwohl es sich in vielen Fällen lohnen würde.

„Das Pensionssplitting, also die Übertragung von Anteilen vom arbeitenden Elternteil auf jenes, das für die Kinderbetreuung zurücksteckt, muss beantragt werden und ist bis zum zehnten Geburtstag des jüngsten Kindes möglich.“

Bei welchen Dingen muss man darauf achten, sie rechtzeitig zu beantragen?

Das Pensionssplitting, also die Übertragung von Anteilen vom arbeitenden Elternteil auf jenes, das für die Kinderbetreuung zurücksteckt, muss beantragt werden und ist bis zum zehnten Geburtstag des jüngsten Kindes möglich. Das zahlt sich vor allem aus, wenn der Partner gut verdient. Was ich eine gute Möglichkeit finde, ist die freiwillige Höherversicherung. Dabei handelt es sich um jederzeit mögliche und ganz individuell zusätzliche Einzahlungen in die Pensionsversicherung, um dadurch die Pension zu erhöhen – je jünger man ist bei der Einzahlung, desto mehr bekommt man. Das gute ist, dass diese Beiträge jährlich aufgewertet werden und somit nicht der Inflation zum Opfer fallen.

Lohnt es sich eigentlich, Pensionsjahre nachzukaufen?

Fast nie, weil es einfach zu teuer ist. Vielleicht dann, wenn man kurz vor Pensionsantritt feststellt, dass einem zwei Monate fehlen.

Ich habe den Eindruck, dass wir Frauen das ganze Thema gerne verdrängen, bis es „zu spät“ ist. Ist das so?

Ja, unbedingt. Die Angst vor der eigenen niedrigen Pension führt dazu, dass viele Frauen nicht hinschauen wollen. Irgendwo ist das auch verständlich, weil sie das Gefühl haben, sie könnten nichts tun. Das Einzige, das ihnen immer wieder gesagt wird ist: Bitte arbeitet nicht in Teilzeit. Viele Frauen sehen sich in bestimmten Lebensphasen aber nicht in der Lage, mehr zu arbeiten, weil sie bei den Kindern sein wollen, sich verantwortlich fühlen für die Pflege – es gibt viele Gründe. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, etwas für die eigene Pension zu tun. Man muss nur wissen, was. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Frauen fühlen sich handlungsunfähig, deshalb wollen sie sich nicht damit beschäftigen und deshalb kommen sie nicht in die Handlungsfähigkeit. Und genauso wird es ihnen auch vermittelt: dass die Höhe der Pension eine Art Schicksal ist. Ich finde, es gehört ein anderer Diskurs her. Das Pensionsvermögen ist für viele Menschen das größte Vermögen, das sie im Lauf ihres Lebens ansparen – und deshalb sollten sie mitentscheiden dürfen, wie das Pensionssystem funktioniert. Und dafür wiederum müssen sie darüber Bescheid wissen. Deshalb braucht es ganz viel Aufklärung und Bewusstseinsbildung.

Haben Sie konkrete Forderungen an die Politik?

Mir ist wichtig, dass man Pensionen, das Pensionssystem und den Gender-Pension-Gap überhaupt zum Thema macht und mehr darüber redet. Denn erst wenn wir das System kennen, können wir sagen, was gut ist und wir erhalten wollen, aber auch was wir daran verbessern wollen. Ich fordere also mehr Informationen. Und es gibt konkrete Maßnahmen, die ich wichtig finde: etwa, dass man Kindererziehungszeiten noch stärker berücksichtigt und auch für Elternteilzeitjahre etwas aufs Pensionskonto gutgeschrieben bekommt oder die Ausgleichszulage unabhängig vom Partner macht. Im Unterschied zum Pensionssplitting brauchen hier die Männer auch keine Angst zu haben, dass ihre Beiträge dadurch niedriger werden. Und dann wären da natürlich die Maßnahmen, die wir alle ohnehin schon seit Jahrzehnten fordern für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt, wie etwa Ausbau von Kinderbetreuung. Das brauchen wir alles – aber etwas am Pensionssystem zu verändern, hätte den Vorteil, dass es sich unmittelbar positiv auf Frauen auswirken würde. Wir können und sollten nicht warten, bis die Männer ihren Anteil an der Care-Arbeit übernehmen oder es in jedem Winkel von Österreich eine Kinderbetreuung gibt.

Zur Person:
Ingrid Mairhuber ist Politikwissenschaftlerin und seit über 20 Jahren bei der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (forba.at) tätig. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Themen Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit und der Alterssicherung von Frauen.