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Die Fotografin Petra Rainer hat in ihrer neuen Heimat Vorarlberg mit FabrikarbeiterInnen zur Tages- und Nachtschichtzeit gesprochen. Ihre Bilder sind Momentaufnahmen aus der mitteleuropäischen Lebenswelt Fabrik und sehr persönliche Porträts der Menschen, die darin arbeiten.

Serife: mehrere Tausend Knoten pro Schicht

„In Antalya habe ich Optikerin gelernt und meinen Mann Seref geheiratet. Wir sind nach Vorarlberg gezogen, und drei Tage nachdem ich den Führerschein abgeholt hatte, bin ich mit dem Auto zu ,Getzner Textil‘ nach Bludenz gefahren und habe dort in der Schärerei* angefangen. Mehrere Tausend Knoten mache ich in einer Schicht von 18.00 bis 22.00 Uhr. Das ist meine Elternarbeits-Teilzeit. Wenn mein Mann von der Arbeit nach Hause kommt, betreut er unsere Töchter Miray und Simay.“

* Schärerei: Beim Schären werden die Fäden bandweise in voller Fadendichte aufgewickelt, bis die Gesamtkettenfadenzahl erreicht ist.

Nevenka: täglich zu Fuß in die Arbeit

In der Weberei von „Getzner Textil“ ist es laut. Gelbe Ohrenstöpsel dämpfen den Lärm, und das Blau der Arbeitslatzhose ist vertraut. „Ich arbeite in der ‚Afrikaschicht’*“, erzählt Nevenka (links). „Das sind alle Schichten, Früh-, Spät- und Nachtschicht im Wechsel. Am Tag kann ich mich gut ausruhen, da ich keine Kinder habe. Ursprünglich komme ich aus Banja Luka. Ich nehme mein Essen von zu Hause mit und gehe jeden Tag zu Fuß in die Arbeit.“

* Afrikaschicht: In der Firma „Getzner Textil“ werden Afrikadamaste gewebt.

Ljiljana: ein fleißiges Arbeitsleben:

Lili und ihr Mann Stevan arbeiteten bis zu ihrer Pensionierung in der gleichen Firma, Lili in der Weberei von „Alge Elastic“ und Stevan in der Färberei. Sie haben sich eine eigene Wohnung und ein Schrebergarten­häuschen erarbeitet. Stevan pflanzt dort Gemüse an und Lili geht ab und zu mit dem Flixbus auf Reisen.

Ayse: 3.000 Knöpfe Tag für Tag

Ayse arbeitet als Knüpferin in der Weberei von „Alge Elastic“ in Lustenau und macht in einer Schicht circa 3.000 Knöpfe. „Mein Vater Salih hat schon im gleichen Betrieb gearbeitet ich habe mit 15 Jahren begonnen. Ich musste Fäden aufspulen. Dann habe ich in die Weberei wechseln können. Mein Mann Senol und ich haben ein Haus gebaut. Ich habe zwei Kinder geboren. Meine Tochter Yesim und meinen Sohn Caner.“

Filiz: wie in einer Familie

Filiz sitzt an ihrer Bernina-Nähmaschine. Kontrollieren – nachsticken – kontrollieren. „Die ,Hoferhecht-Frauen‘ haben sie uns genannt, in der Schneiderei im ersten Stock haben wir zusammen gelacht und geweint wie in einer Familie.“

Petra Rainer: Unsere Fabrik.
Bucher Verlag, 29,00 Euro