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Meine wunderbare Tochter Sarah Katharina

„Welt der Frauen“-Leserin Petra Mistlberger (50) aus Kremsmünster (OÖ) ist Hortleiterin, Feldenkrais-Lehrerin und Pfarrgemeindeobfrau. Nach zwei Söhnen brachte sie am 9. Juni 1999 um 9 Uhr früh via Notkaiserschnitt ihre Tochter Sarah Katharina (21) zur Welt, nachdem ein geplatztes Lymphsystem Sarahs Körper einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin mit Flüssigkeit gefüllt hatte. Mit einer Hirnschwellung Stufe 2 und einem Multiorganversagen sei ein Überleben unmöglich, meinten die Ärzte, versetzten Sarah in künstlichen Tiefschlaf und stimmten einer Nottaufe zu. Doch wie durch ein Wunder kam alles anders. Wie wirkt sich diese erlebte Angst vor dem Verlust auf die Beziehung aus? Wir fragten erst bei der Mutter nach und baten anschließend die Tochter zum Gespräch.

Die Erinnerung an Sarahs erste Schritte ins Leben berührt mich immer noch sehr. Als sie wochenlang auf der Intensivstation in ihrem Wärmebettchen lag, war ich ständig neben ihr, gefangen vom Gefühl der Ohnmacht. Doch Sarah lag ganz friedlich vor mir, voller Kraft und Stärke. Schon in ihrem ersten Lebensjahr überwand sie ihre Defizite und wickelte uns alle um den Finger. Bald war klar, dass ein richtiges Powergirl in ihr steckt und ein Interesse für Technik in ihr schlummert. Schon mit zehn Jahren engagierte sie sich bei der Freiwilligen Feuerwehr und initiierte in der Hauptschule, dass auch Mädchen den Werkunterricht besuchen dürfen – zuvor war das unmöglich. Später besuchte sie die HTL, um Maschinenbau zu lernen. Doch immer wieder stellten sie harte Schicksalsschläge auf die Probe. Umso erstaunlicher ist es, dass sie selbst in den schwärzesten Momenten voller Zuversicht bleibt und Licht am Ende des Tunnels sieht.
Petra Mistlberger

Woher Sarah Katharina Mistlbergers Vertrauen rührt, erfuhren wir im Interview mit ihr persönlich:

Sarah Katharina Mistlberger: „Der Tod meines Vater ließ mich früh selbstständig werden“

Petra und Sarah MistlbergerSarah, noch bevor du geboren wurdest, stand dein Leben an der Kippe. Welches Gefühl taucht da auf, wenn du mit deiner Mama über deinen holprigen Start ins Leben sprichst?
Bewusst erinnern kann ich mich an nichts, aber ich frage immer nach, weil es mich interessiert, was damals alles war. So habe ich erfahren, dass ein Elternteil immer bei mir war und der andere bei meinen beiden älteren Brüdern zuhause. Mein Papa hat sogar sein Jus-Studium abgebrochen, damit er bei mir sein kann. Es gibt auch eine Erinnerungskiste aus dieser Zeit. Da ist der Papierflieger drin, den meine Geschwister für mich gebastelt haben, mein Taufkleid, meine Babyschuhe, mein erster Schnuller und die Kuscheldecke, die ich überall dabei hatte. Wenn ich diese Sachen sehe, bin ich stolz, dass ich so stark war. Und ich fühle Kraft, weil auch meine Familie so gefestigt war, als es mir schlecht ging.

Deine Mutter hatte, als du noch in ihrem Bauch warst und dann auf der Intensivstation lagst, große Angst, dich zu verlieren. Für gewöhnlich übertragen sich intensive Gefühle von Müttern auf Babys. Wie gehst du mit Angst um?
Auch ich habe Angst, Mama zu verlieren. Sie ist ja die einzige, die ich noch habe, seit mein Papa am Christtag 2012 bei einem Skiausflug völlig überraschend tödlich verunglückt ist. Ich war damals 13 Jahre alt und nicht dabei, als er starb. Denn wir Kinder blieben an jenem Weihnachtstag daheim und waren mit unseren Geschenken beschäftigt. Nur unsere Eltern brachen in der Früh zum Skifahren auf. Immer wenn mich seither Verlustangst überkommt, denke ich mir: „Es wird doch nicht passieren, dass ich noch wen verliere“.

Firmung Sarah Katharina Mistlberger und ihr Vater

Sarah Katharina Mistlberger bei ihrer Firmung Hand in Hand mit ihrem verstorbenen Vater.

Magst du von deinem verstorbenen Vater erzählen?
Ja, gerne. Papa, er hieß Günter, war mir vom Wesen her sehr ähnlich. Er war Elektrotechniker und beschäftigte sich intensiv mit Autos und Modellflugzeugen. Auch mein Interesse an der Technik hat er geweckt und gefördert, in dem er mir alles erklärte und mich oft mitbasteln ließ. Bevor er starb, sahen wir uns gemeinsam die HTL an, die er einst besucht hatte. Nach seinem Tod habe ich diese Schule gewählt und für ihn auch durchgezogen, auch wenn es nicht immer leicht war! Durch sein Zutrauen, das er mir stets vermittelt hatte, fühlte ich den Antrieb, nicht aufzugeben. Nach der Matura wollte ich dann in Wien Wirtschaft und Recht studieren. Aber weil ich so gerne daheim bin, bei meiner Familie und meinen FreundInnen, habe ich beschlossen, auf der FH in Wels Innovations-und Produktmanagement zu studieren… (hält inne) Ich kann meinen Papa zwar nicht direkt spüren, glaube aber, dass wir verbunden sind. An Tagen, an denen ich viel Glück brauche, trage ich die Silberkette mit Bildern von ihm bei mir. Sehr hilfreich im Alltag ist auch sein Glaube an mich. Er stärkt mein Selbstvertrauen.

Wie bist du nach dem Tod deines Vaters mit dem Leben umgegangen? Hattest du das Bedürfnis, dich mit deiner Trauer einzuigeln?
Nein. Im Gegenteil. Noch am selben Nachmittag ging ich zu FreundInnen, denn zuhause hielt ich es nicht aus. Alle Angehörigen waren da und jeder fragte: „Geht’s dir eh gut?“ Das war mir zuviel. Ich wollte nicht bemitleidet und in die Opferpositition gebracht werden, denn als Opfer kann man nicht in seiner Kraft sein. Auch bei Beileidsbekundungen wich ich zur Seite. Ich wollte für Mama stark sein. Das hat auch mich stark gemacht, glaube ich. Im Kreise meiner FreundInnen hatte ich sofort das Gefühl, dass das Leben weitergeht. Denn das tut es ja auch! Nach den Weihnachtsferien ging ich gleich wieder zur Schule und schrieb Schularbeiten mit. Meine LehrerInnen akzeptierten diese Entscheidung und beurteilten meine Leistungen genauso wie sonst.

Heftig ist, dass nur drei Monate vor dem Tod deines Vaters auch deine Freundin aus eurer katholischen Jugend-Band bei einem Autounfall tödlich verunglückte.
Das stimmt, das war im Oktober 2012. Meine Freundin wollte mit zwei anderen Mädchen auf einen Kirtag fahren. Auch sie überlebten den Unfall nicht. Auf ihrem Begräbnis habe ich gesungen, danach löste sich die Band auf. Erst jetzt ab Oktober 2020 werde ich wieder öffentlich bei den Jugendmessen in Kremsmünster in der Band mitsingen. Singen und Musikhören halfen mir auch bei der Trauerbewältigung. Nach Papas Tod habe ich viel mit Mama über ihn gesprochen und mich oft in sein Gewand gekuschelt, das lange noch nach ihm roch. Ein Trost waren mir auch die Landschafts-und Blumenbilder, die er so gerne mit Acrylfarben gemalt hat. Er wollte alles greifbar machen – so wie ich.

Wie hat der Tod deines Vaters die Beziehung zwischen deiner Mutter und dir verändert? Ihr seid ja doch recht unterschiedlich!
Stimmt, Mama ist lebhaft, bunt und sprachgewandt, ich bin bodenständig, seriös und genau. Im Jahr nach dem Tod meines Vaters war es ein bisschen schwierig zwischen uns, weil wir noch nie zuvor so intensiv Zeit miteinander verbracht hatten. Ich war ja ein Papa-Mädi und meine Brüder Mama-Burlis. Dadurch, dass Mama und ich so verschieden sind, mussten wir erst zueinander finden und uns neu kennenlernen. Inzwischen hat unsere Beziehung einen freundschaftlichen Charakter. Wir tun alles füreinander und immer mehr auch zu zweit. Dass wir uns auf Augenhöhe begegnen können, liegt auch daran, dass ich durch den Tod meines Vaters schnell erwachsen wurde, auch wenn ich mich nicht so fühle. Nach seinem Tod übersiedelten wir in eine Wohnung und mein ältester Bruder übernahm unser Haus. Mit 17 Jahren zog ich mit meinem Freund Thomas zusammen. Seither schupfe ich den Haushalt, studiere und verdiene mein eigenes Geld. Wäre mein Vater noch am Leben, hätte ich mein Elternhaus wahrscheinlich nicht so bald verlassen.

Sarah Katharina Mistlberger und Thomas Sarah Katharina Mistlberger Freiwillige Feuerwehr

Gemeinsam mit ihrem Freund Thomas. Er ist Brandschutztechniker und so wie sie Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr.

 

Nach dem Tod deines Vaters tauschte sich deine Mutter mit einem Theologen über den Sinn solch schmerzhafter Verluste aus. Dieser Theologe, Karl, war ihre erste große Liebe. Wie hast du eingefädelt, dass aus den beiden wieder ein Paar wurde?
Ich schrieb Karl über Facebook an und lud ihn einfach zu uns ein, nachdem ich mitbekommen hatte, dass Mama viel mit ihm schreibt, er sie glücklich macht und ihr Kraft spendet. Mama wollte sich so bald nach Papas Tod nicht mit einem anderen Mann treffen. Da fragte ich: „Wieso nicht? Schau doch nicht immer auf uns, sondern auch mal auf dich! Uns geht’s nur gut, wenn’s auch dir gut geht.“ Erst daraufhin ließ sich Mama auf Karl ein.

Deine Mutter hat mir erzählt, dass du öfter meinst, du seist bei der Geburt vertauscht worden, aber sie sehr froh darüber sein könne, dass sie dich hat. In welchen Momenten kommen dir solche Sätze über die Lippen?
(kichert) Das passiert, wenn ich mit ihr unterwegs bin. Mama ist eine offene und eher auffällige Person mit einer sehr positiven Ausstrahlung. Wenn sie viel redet, lacht und die Menschen alle zu uns blicken, muss ich mich ein bisserl schämen. Dann wundere ich mich immer, dass ich ihr Kind bin.

Eine eurer Gemeinsamkeiten ist das Laufen. Weißt du eigentlich, dass deine Mama dir zuliebe auf das Tragen ihrer lila Sporthose verzichtet, weil du findest, dass sie darin wie ein „Kindergartenkind“ aussieht?
(lacht laut auf) Das tut sie wirklich!

Worauf würdest denn du aus Liebe zu deiner Mama verzichten?
Wahrscheinlich würde ich auf alles verzichten, wenn sie etwas nicht wollen würde. Aber bisher kam es noch nicht dazu. Denn sie nimmt mich wie ich bin.

Sarah Katharina Mistlberger Mc Daniels

Beim Bierausschenken im Burger-Restaurant „McDaniels“.

Zurück zu deiner Selbstständigkeit: Um dir dein Studium zu finanzieren, jobbst du einmal pro Woche bei „McDaniels“, einem regionalen Burger-Restaurant in Kremsmünster. Brot, Fleisch und Gemüse stammen von ProduzentInnen aus der Gegend. Was hast du bei diesem Nebenjob schon für’s Leben gelernt?
Dass ich mit jedem Typ Mensch auf eine Art und Weise auskommen kann und muss. Wir sind ein bunt zusammengewürfeltes Team und trotzdem wie eine Familie. Auch wenn die meisten nur hobbymäßig mithelfen, tun sie es mit so viel Leidenschaft und Liebe. Das spürt man in Restaurants nur selten. Diese Freude an der Arbeit möchte ich auch nach meinem Studium – in einem Jahr bin ich fertig – beibehalten. Deshalb werde ich auf jeden Fall einen Job suchen, der mich mit Sinn und Freude erfüllt. Mit einer technischen und wirtschaftlichen Ausbildung habe ich ja genug Auswahlmöglichkeiten.

Toll, dass du positiv denkst! Viele junge Menschen, belegen aktuelle Studien, blicken mit Angst in die Zukunft.
Diese Angst habe ich nicht, denn recht viel schlimmer kann’s nach meinen Verlusten nicht mehr werden! Trotzdem sind Sorgen und Ängste berechtigt. Die Generationen vor uns hatten sie auch. Wir alle können nicht beeinflussen, was kommt, aber sehr wohl, wie wir damit umgehen. Dank dieser Gestaltungsfreiheit haben wir es selbst in der Hand, wie wir auf Ereignisse reagieren und was wir aus unserem Leben machen. Jede und jeder kann das schaffen, was sie oder er wirklich will. Nur der Wille zählt. Wenn ich Prüfungen habe, sage ich mir: „Ich kann es, ich schaffe es“ – und so ist es dann auch.

Du glaubst also an dich selbst. Glaubst du auch an Gott oder an eine Religion?
Mit dem Begriff „Gott“ tue ich mir schwer. Als mein Papa starb, dachte ich: „Es kann keinen Gott geben, sonst wäre dieses Unglück nicht passiert!“ Ich glaube aber an die Kraft der Schutzengel. Einer hängt sogar in meinem Auto. Als Kind war ich bei der Jungschar und auch Ministrantin und jeden Sonntag in der Kirche, auch zu Hause haben wir täglich miteinander gebetet. Derzeit engagiere ich mich vor allem im sozialen Bereich und bin pfarrlich weniger aktiv.

Petra KlikovitsPetra Klikovits

In ihrer monatlichen Online-Kolumne „Meine wunderbare Tochter“ führt Petra Klikovits bewegende Gespräche mit Töchtern, Schwiegertöchtern, Enkeltöchtern, Stieftöchtern, Adoptivtöchtern, Pflegetöchtern, Patchwork-Töchtern und anderen Bonustöchtern von Leserinnen, die auf diese via meinewunderbaretochter@welt-der-frauen.at aufmerksam machen. Mehr von Petra Klikovits lesen Sie jeden Monat in der Welt der Frauen.

Fotos: privat

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