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Meine wunderbare Tochter Gertrude

„Welt der Frauen“-Leserin Christine Wendelin (70) aus Gols im Burgenland leitet in der Diözese Eisenstadt die „Aktion Familienfasttag“ und hat vier Töchter. Alle vier findet sie großartig, „weil jede ihren eigenen Weg geht“. Doch ihre älteste Tochter Gertrude Renner (64) bewundert sie besonders, „weil sie auch in der Pension noch ordentlich Gas gibt“. Wir fragten erst bei der Mutter nach und baten anschließend die Tochter zum Gespräch.

Meine Tochter Gertrude ist nur sechs Jahre jünger als ich. Wie das möglich ist? Ganz einfach: Mein verstorbener Mann war Witwer und brachte zwei Töchter mit in unsere Ehe mit. Auch wenn meine Stieftochter nicht mein eigen Fleisch und Blut ist, kümmert sie sich liebevoll um mich – auch jetzt in der Corona-Krise, wenn sie mir Einkäufe vor die Tür stellt. Am meisten imponiert mir ihr Elan! Früher war sie als Sekretärin beim weltweit führenden Saatzuchtunternehmen „DuPont Pioneer“ beschäftigt. Seit sie in der Pension ist, engagiert sie sich als Obfrau des Seniorenbundes, vertreibt Bauernschmankerl, die sie selbst veredelt, und produziert mit den Dorffrauen eine Golser Spezialität, um die ein regelrechtes G’riss herrscht.
Christine Wendelin

Woher Gertrude Renners inneres Feuer kommt, erfuhren wir im Interview mit ihr persönlich:

Gertrude Renner: „Die Endlichkeit des Lebens ist mein Motor“

Gertrude, Sie waren zehn Jahre alt, als Ihre leibliche Mutter starb. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit, als sie noch lebte?
Gertrude Renner: Meine Mutter und ich hatten ein sehr gutes und enges Verhältnis. Sie kümmerte sich mit meinem Vater um unsere Landwirtschaft und war daheim sehr präsent. Sie war eine beliebte Frau – alle Menschen im Dorf sprachen nur positiv über sie. Außerdem sie war eine gute Köchin und zeigte mir schon früh, wie man dieses und jenes zubereitet. Als sie das erste Mal an Brustkrebs erkrankte, war meine Schwester Silvia noch ein Baby. Ich erinnere mich noch daran, dass Mama oft im AKH in Wien Bestrahlungen bekam. Ab und zu nahm sie mich mit. Nach ihrer Genesung war sieben Jahre lang Ruhe. Doch dann kam der Krebs zurück, in Form eines Rückenmarktumors. Zehn Monate später war sie tot.

Wie haben Sie als Kind diesen Verlust erlebt?
Ich bekam Mamas Krankheit und ihre Schmerzen hautnah mit und begriff, dass dieses Dahinsiechen kein lebenswertes Leben sein kann. Oft dachte ich mir am Heimweg von der Schule: „Hoffentlich ist sie schon erlöst!“ Ich wollte einfach nicht, dass sie weiter so leidet. Nach ihrem Begräbnis übernahm Mamas ältere Schwester, sie war unverheiratet und kinderlos, unseren Haushalt, obwohl sie sich mit meinem Vater nie gut verstand. Sie kümmerte sich um uns, aber da war wenig Liebevolles. Sie tat halt das, was zu tun war.

Wurden Sie auch deshalb so früh selbstständig?
Ja, vor allem emotional gesehen. Ich fühlte mich schon als Kind groß und stark und nahm das Leben selbst in die Hand. Fehlte mir Zuwendung, suchte ich sie woanders und knüpfte soziale Kontakte. Sicher war der Verlust meiner Mutter schmerzvoll, aber ich hatte nie das Gefühl, deshalb arm oder geschädigt zu sein. Für meine Schwester Silvia war das viel schwerer. Sie war ja erst sieben Jahre alt.

Fünf Jahre nach dem Tod Ihrer Mutter, Sie waren inzwischen 15 Jahre alt, verliebte sich Ihr Vater – und Christine Wendelin trat in Ihr Leben. Wie war das?
Ich erfuhr zufällig davon, als jemand in der Klasse meinte: „Du kriegst jetzt eine neue Mutter!“ Da dachte ich: „Okay, passt“. Ich war weder entsetzt, noch versuchte ich, diese Beziehung zu sabotieren.
Ein Jahr später haben Vater und Christl geheiratet. Bald darauf kamen meine Halbschwestern Barbara und Ute zur Welt. Wenn Christl im Weingarten gearbeitet hat, habe ich für die beiden Kleinen oft die Ersatzmutterrolle übernommen. Das war durchaus bereichernd.

Nannten Sie „Christl“ jemals Mama?
Nein, das wäre aufgrund des geringen Altersunterschieds lächerlich gewesen. Aber es fiel mir nie schwer, sie als Stiefmutter zu akzeptieren. Im Gegenteil. Ich dachte mir: „Na Servus, die traut sich was zu, wenn sie zwei pubertierende Töchter, die kaum älter sind als sie selbst, annimmt und adoptiert!“ Dieser Mut gefiel mir! Und auch, dass sie uns Schwestern gleich behandelte und keinen Unterschied machte. Aber natürlich war nicht alles Liebe und Waschtrog. Wenn ich meine Grenzen auslotete und Christls Autorität testete, fochten wir etliche Sträuße aus. Christl wollte etwa, dass am Samstag beim Aufwaschen der Küche die Türschwelle gebürstet wird. Mir erschien das nicht notwendig. Wenn ich mit dieser Arbeit dran war, versuchte ich das immer wieder auszusparen. So ergaben sich manche Scharmützel (lacht).

Gertrude RennerWofür sind Sie Christl dankbar?
Dafür, dass sie wieder Liebe, Freude und Lachen in unsere Familie brachte. Dass sie meinem Vater neuen Lebenswillen schenkte – ohne sie wäre er, der 22 Jahre älter war, vermutlich zugrunde gegangen. Und: dass sie uns Töchter förderte. Mich zum Beispiel hat sie darin bestärkt, mit 40 Jahren die Matura nachzuholen, obwohl ich damals schon zweifache Mutter war. Während ich lernte, betreute Christl als Tagesmutter und Oma meine Kinder. Das tat sie auch, als ich als Floristin, Fahrschullehrerin und Sekretärin in einem Saatzuchtunternehmen arbeitete. In meinen letzten zehn Berufsjahren erfüllte ich mir meinen großen Traum und wurde ganz spontan Heurigenwirtin!

Wie kam es dazu?
Mein Mann kam damals nachhause und meinte: „Es gibt keinen Pächter für den Heurigen in der Kellergasse“. Ich antwortete: „Doch, mich, und du darfst gerne mithelfen!“ Gerne hätte ich auch Christl dabei gehabt, aber das war das erste Mal, dass sie streikte. Sie kam aber gern als Gast (lacht).

Auch jetzt in der Pension ist gutes Essen Ihre Leidenschaft!
Das stimmt. Für unseren Bauernladen im Ort backe ich hausgemachtes Brot und Grammelpogatscherl, und fertige Aufstriche, Wild-und Leberpasteten, Marmeladen und Chutneys an. Darüber hinaus produziere ich mit den Dorffrauen die handgemachten traditionellen Golser Hohlnudeln, die bei Hochzeiten und anderen Festtagen als Suppeneinlage serviert werden. Wir verkaufen sie nur zwei Mal im Jahr am Oster-und Weihnachtsbazar unserer evangelischen Pfarrgemeinde.

Kann es sein, dass Ihre Power, mit der sie durchs Leben gehen, mit dem Tod zusammenhängen?
Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Eines ist aber gewiss: Der Tod hat mich gelehrt, dass das Leben jederzeit zu Ende sein kann. Vielleicht lebe ich deshalb so gern und packe alles an. Ich möchte mir nie vorwerfen müssen, etwas versäumt zu haben.

Gertrude Renners BauernschmankerlnGertrude Renners Bauernschmankerln sind im „Weinkulturhaus Gols“, im „Weinwerk Burgenland“ in Neusiedl am See, bei „Frischgemüse Nittnaus“ in Gols und beim „Markt der Erde“ in Parndorf erhältlich.

Fotos: privat

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