Aktuelle
Ausgabe:
Energie
01-02/24

Männergespräche: Warum es immer wieder Mut und Hartnäckigkeit braucht

Männergespräche: Warum es immer wieder Mut und Hartnäckigkeit braucht
Foto: Adobe Stock

Der Tisch war reichlich gedeckt. Salate, Lachsbrötchen, Wurst- und Käseplatten waren darauf zu finden. Es duftete schon beim Betreten des Esszimmers nach selbstgemachtem Brot. Als ich an diesem geselligen Abend mit Bekannten beisammensaß, hörte ich folgendem Gespräch interessiert zu.

Zwei Männer mir gegenüber unterhielten sich über den Feminismus. „Ich finde ja, dass der Feminismus heillos übertrieben wird. Die Sorgen der Männer werden überhaupt nicht mehr diskutiert! Es dreht sich alles um die Frauen“, sagte der eine Mann. „Ja“, bestätigte der andere genervt, „vor allem dieses Gendern. Als Mann muss man dreimal überlegen, was man sagt, denn sonst ist man ja gleich frauenfeindlich. So ein Theater!“

Diese Behauptungen wurden in solch einer Emotion gesagt, dass ich zuerst tief durchatmen musste, bevor ich mich einmischte. Aus Erfahrung weiß ich, dass solch eine Diskussion zwischen Männern und Frauen durchaus sehr hitzig vonstattengehen kann. Schnell fallen Beleidigungen und Vorwürfe. Da ich an diesem Tag aber in bester Laune war, wollte ich meine Stimmung nicht kippen lassen. Ich versuchte so höflich und ruhig wie möglich das Gesagte zu hinterfragen: „Du bist also genervt vom Gendern und glaubst, dass dies übertrieben wird?“

Mit einem dominanten Lächeln versuchte mich mein Gegenüber zu verunsichern. „Die Situation von euch Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten nun wirklich verbessert. Was soll ich mich jetzt um das Gendern auch noch bemühen?“ Eine durchaus gewohnte Reaktion: sachliche Diskussionen wegzulachen und klein zu reden. Aber davon ließ ich mich nicht einschüchtern. „Ich gendere, weil ich weiß, dass Veränderungen über die Sprache passieren und nicht, weil ich euch nerven will. Und ich glaube in puncto Gleichstellung zwischen Mann und Frau ist noch viel zu tun!“ Die Diskussion setzte sich fort. „Der Feminismus schaukelt sich zu sehr auf. Wir Männer trauen uns ja kaum mehr ‚ein Mann‘ zu sein.“ Dabei verengten sich die Augen des zweiten Mannes.

Da dies nicht meine erste Debatte über Gendern und Feminismus war, wusste ich, dass ein erneutes Durchatmen notwendig sein würde, um weiterhin konstruktiv argumentieren zu können. „Ich habe mich mit dem Thema Feminismus viel beschäftigt und finde es interessant, dass sich Männer, sobald es um die Rechte der Frauen geht, ‚entmännlicht‘ fühlen!“ Genervt wandten sich die beiden Herren ab und beendeten somit das Gespräch. Eine Situation, die ich schon so oft erlebt habe, dass ich das Zählen aufgehört habe.

Was veranlasst eine noch immer beachtliche Anzahl an Männern, bei dem Wort Feminismus Schnappatmung zu bekommen? Ich fühle mich bei solch einer Reaktion sehr oft vor den Kopf gestoßen. Was genau regt gewisse Personen am Streben nach Gleichstellung so auf? Hiermit meine ich nicht nur das männliche Geschlecht, denn ich treffe auch immer wieder auf Frauen, die mit Feminismus nichts anfangen können und den wütenden Männern lächelnd sowie nickend zur Seite stehen.

Wut oder Angst?

Immer dann, wenn mir Verständnis fehlt, versuche ich mich in die Lage der anderen zu versetzen und dies mit meinem psychologischen Wissen zu kombinieren. „Wut ist eine Grundemotion und es ist vorteilhaft diese auszudrücken – auf respektvolle Art und Weise versteht sich. Wut ist jedoch sehr oft auch eine Sekundaremotion“, fällt mir als nächstes ein. Hinter der Wut versteckt sich gerne eine andere Emotion – sehr oft die Angst.

„Angst: eine Emotion, welche viele Erwachsene ungerne zugeben. Wem fällt es schon leicht, schwach zu sein?“, sage ich zu mir selbst. „Vor allem nicht das vermeintlich starke Geschlecht.“ Beruht das große Unverständnis wirklich nur auf der Angst? Im Ganzen gesehen sind Veränderungen, egal welcher Art, sehr oft mit Angst verbunden. „Gewohnheiten geben unserer Psyche Sicherheit und Orientierung“, höre ich meine Psychologieprofessorin noch sagen. Stimmt! Denke ich an Veränderungen in meinem Leben habe ich oft Mut, Kraft und Risikobereitschaft benötigt. Was hat mir in solchen Situationen geholfen? Ausreichend Information und Aufklärungsarbeit!

Diese Aufklärungsarbeit ist jedoch aufgrund der Emotionalität schwer auf einem sachlichen Niveau zu führen, wie ich bei dem erwähnten Essen mit Bekannten festgestellt habe. Somit ist es eine enorme Herausforderung Kritikern und Kritikerinnen das Thema Feminismus näher zu bringen und vor allem verständlich zu machen, dass Feminismus kein „Gegen-Männer-Sein“ ist.

Dranbleiben

Nach diesen Überlegungen entschied ich mich beim nächsten Zusammentreffen mit den beiden Männern, mutig erneut das Gespräch zu suchen: „Ich habe das Gefühl, dass wir beim letzten Mal das Thema Gendern und Feminismus noch nicht fertig diskutiert haben.“ Erstaunt sahen mich die beiden an. „Mir ist es wichtig zu betonen, dass Feminismus für mich nicht ein Gegeneinander, sondern ein Füreinander bedeutet! Ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr euch um das Gendern bemüht, denn Sprache hat sehr viel Macht.“ Die Augen der beiden Männer weiteten sich, sie sahen fast schon erschrocken aus. Ich ließ mich nicht davon abbringen und setzte hartnäckig fort: „Ihr wollt bestimmt, dass euren Töchtern die Chance ermöglicht wird, ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig halten und dass sie für ihre Arbeit den gleichen Lohn bekommen wie Männer.“ Das kurze Brummen, welches als Antwort der Männer kam, konnte ich mit Humor als Einverständnis werten.

Andrea Wurz B.Sc. i.A.

Kommunikations- und Resilienztrainerin,
Persönlichkeitsentwicklerin

Web: andreawurz.com

  • Teile mit:
  • Veröffentlicht: 31.03.2023
  • Drucken