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Literarische Reise nach Wien

Wie passt die Gegend im Buch mit der vor den eigenen Augen zusammen? Wie verweben sich Landschaft und literarische Geschichten? Lese- und Reisetipps durch Österreich in neun Teilen. Lesend reisen, reisend lesen – Teil 1: Wien. Von Astrid Graf-Wintersperger.

WIEN: Mit Doderer beginnen

Die Wege sind das Ziel: Stiegen, Brücken und Stadtbahnstationen mit dem Flair der Jahrhundertwende

In meiner Kindheit gehörte die Strudlhofstiege im 9. Bezirk zu meinem Schulweg; später war der gleichnamige Roman von Heimito von Doderer, den ich im Bücherregal meiner Eltern fand, Teil meiner „literarischen Menschwerdung“. Noch etwas später stellte sich die Frage, wie man als emanzipierte Frau mit all den „alten weißen ­Männern“ der Literaturgeschichte umgehen solle. Aus Anlass dieser Reiseempfehlungen soll ­Doderer erst einmal als Stichwortgeber dienen.

Die Strudlhofstiege zählt zu einer Reihe von Bauwerken des Jugendstils, die man nicht bloß betrachten, sondern begehen sollte, die also Teil eines Weges sind, den man in der Wienerstadt einschlagen kann. Ein weiteres ­eindrucksvolles Beispiel solch eines Weges ist die ehemalige Stadtbahn, eine Verbindungsbahn in Hochlage, die mittlerweile als U-Bahn-Linie 6 geführt wird. Die U6 ist hinlänglich bekannt für ihre suboptimale Klimatisierung; daher empfiehlt es sich, die Fahrt immer wieder einmal zu unterbrechen, um sich einzelne Stationen näher anzusehen, so etwa den von Otto Wagner gestalteten Haltepunkt „Josefstädter Straße“. In einem Viadukt unterhalb der Stadtbahntrasse befand sich übrigens jene Peepshow, die auf Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“ eine magische Anziehungskraft ausübte.

In ein prächtiges Umfeld eingebettet ist die kürzlich sanierte U4-Haltestelle „Stadtpark“. Der beste Weg, sie zu erreichen, führt vom Stubenring aus den Wienfluss entlang. Von der Stubenbrücke aus – sie erhielt durch die vom Künstler Franz West gestalteten „Lemurenköpfe“ einen zeitgenössischen Touch – hat man einen schönen Blick auf das schmale Gerinne, das, in den Donaukanal und schließlich in die Donau mündend, längerfristig zum Schwarzen Meer führt (im Dezember 2015 habe ich eine kleine Badeente auf die Reise geschickt, sie könnte mittlerweile angekommen sein). Vor allem im Herbst lohnt es sich, die Stufen hinunterzusteigen und am Wienfluss entlangzuspazieren: Die Wärme der Sonne hält sich im Gemäuer, taucht das Laub des wilden Weins in ein atemberaubendes Rot und färbt seine Beeren tiefblau. Eine Treppe führt dann wieder auf das Niveau des Stadtparks und zur gleichnamigen  U-Bahn-Station.

So, jetzt haben wir Doderer und die „Strudlhofstiege“ verloren auf unserem Weg. Macht nichts: Dafür haben wir andere schöne Orte entdeckt.

Buch Heimito Von Doderer Die StrudlhofstiegeHeimito von Doderer:
Die Strudlhofstiege.
Dtv, 14,90 Euro

 

 

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> Teil 2: SALZBURG
> Alle Beiträge

Foto: Christian Kreuziger / picturedesk.com

Erschienen in „Welt der Frauen“ Juli/August 2020

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