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Literarische Reise nach Vorarlberg

Wie passt die Gegend im Buch mit der vor den eigenen Augen zusammen? Wie verweben sich Landschaft und literarische Geschichten? Lese- und Reisetipps durch Österreich in neun Teilen. Lesend reisen, reisend lesen – Teil 6: Vorarlberg. Von Susanne Schaber.

VORARLBERG: Almglück bei den Kühen

Mit Monika Helfers Roman „Bagage“ auf Sommerfrische im Bregenzer Wald

Hier möchte man Kuh sein. Saftige Weiden, Tautropfen glitzern auf den Gräsern und Kräutern. Nichts ist zu hören, nur das Bimmeln der Glocken, das Gezwitscher der Vögel und das fröhliche Glucksen eines Baches. Hinter den Fichten und Legföhren ziehen die Felsen in die Gipfelregionen hinauf. Und über allem ist der Himmel, näher als anderswo. Gibt es einen schöneren Platz für die Sommerfrische als den Bregenzer Wald mit seinen Almen? Und wenn man schon nicht Rind oder Schaf sein kann an paradiesischen Flecken wie diesen, dann zumindest Gast in einer der Hütten, die sich an den Hang oder in die Wiesen ducken. Geranien am Fenster, ein Holztisch unter dem Vordach, und darauf eine Portion Bergkäse oder Knöpfle und ein Glas Buttermilch.

So könnte das Ferienglück aussehen. Monika Helfer aber weiß, dass es hinter solch prächtigen Kulissen oft rumorte. Geboren in der Ortschaft Au, siedelt sie ihren jüngsten Roman in einem der abgeschiedenen Täler des Bregenzer Waldes an. „Die Bagage“ erzählt die Geschichte ihrer Herkunft, zurückgehend bis zu ihren Großeltern und hineinreichend ins Heute. Das Buch beschreibt eine Naturszenerie, die der Autorin von Kindesbeinen an vertraut ist, und zugleich das Gefüge einer engstirnigen Gemeinschaft, die kaum je über die Zacken und Zinnen vor ihrer Nasenspitze hinausgeblickt hat.

Die BewohnerInnen des Landstrichs wehren sich gegen alles, was nicht den alten Traditionen und Gepflogenheiten entspricht. Und so wird die Liebesbeziehung, in die sich die schöne Maria Moosbrugger verstrickt, während ihr Mann Josef im Ersten Weltkrieg kämpft, mit Argusaugen observiert. Die selbstbewusste junge Frau sieht sich mit bösem Klatsch bestraft. Ja mehr noch: Als Maria mit Grete schwanger ist, verfolgen sie Häme und Hochmut. Und auch Josef beginnt zu rechnen und ruft sich bei der Heimkehr von den Schlachtfeldern seine Fronturlaube in Erinnerung. Zweifelt er an seiner Vaterschaft? Die Moosbruggers mit ihren insgesamt sieben Kindern rücken sozial noch mehr an den Rand des Dorfs.

Grete war die Mutter der Autorin und ist mit jener archaisch anmutenden Gesellschaftsordnung aufgewachsen. Der Widerstand gegen Konventionen machte sie und ihre Geschwister schwach und zugleich stark. Denn „die Bagage“, wie Monika Helfer ihre Vorfahren liebevoll-ironisch nennt, weiß sich durchzuschlagen und die Scheinheiligkeit jener zu entlarven, die mit den Fingern auf sie zeigen.

Der Roman ist das launige und zugleich abgründige Porträt einer Großfamilie voller eigenwilliger Individuen. Sie haben das, was den Bregenzer Wald auch prägt: Rückgrat und Charakter.

Tipp: Wanderwege, Busse und eine Mautstraße für Privat-Pkw führen von Bezau und Bizau ins Almgebiet von Schönenbach, einer der reizvollsten Vorsäßsiedlungen des Bregenzer Waldes: ein alpines Arkadien. Das ideale Ziel für einen Familienausflug.

Buch Monika Helfer Die BagageMonika Helfer:
Die Bagage.
Hanser Verlag,
19,60 Euro

 

Weiterlesen:

> Teil 7: NIEDERÖSTERREICH
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Foto: Dietmar Denger / Vorarlberg Tourismus

Erschienen in „Welt der Frauen“ Juli/August 2020

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