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Literarische Reise nach Tirol

Wie passt die Gegend im Buch mit der vor den eigenen Augen zusammen? Wie verweben sich Landschaft und literarische Geschichten? Lese- und Reisetipps durch Österreich in neun Teilen. Lesend reisen, reisend lesen – Teil 8: Tirol. Von Susanne Schaber.

TIROL: Wo das Eis wohnt

Mit Norbert Gstreins „Einer“ im Rucksack durch die Hochtäler des Ötztals

Er duckt sich in den Fels und zieht die Schultern ein, als würde er sich am liebsten verkriechen: der berühmte Mann aus dem Eis. Am 19. September 1991 spürte man die Mumie aus der Steinzeit in der Gipfel- und Gletscherregion der Ötztaler Alpen auf. Die über 5.000 Jahre alte Leiche wurde zur Weltsensation. Inzwischen weiß man mehr über den sogenannten Ötzi: Er war wohl ein Hirte und stieg vom trockenen Süden kommend zu den Sommerweiden im Ötztal auf. Dort streifte er mit seinen Schafen und Ziegen durch das Niedertal oberhalb des heutigen Vent, bis er in der Einsamkeit einer Passhöhe den Tod fand, als Einzelgänger fern der Gemeinschaft.

Ein Außenseiter, wenn auch ganz anderer Art, ist Jakob aus Norbert Gstreins Erzählung „Einer“: ein begabter Bursche, der ein Fremder bleibt in der Familie und im Dorf. Er solle studieren, entscheiden seine Eltern und schicken ihn in ein Internat. Doch Jakob hält es in der Stadt nicht aus und flüchtet sich nach Hause zurück. Fortan schlägt er sich mit Hilfsarbeiten im elterlichen Hotel und als Skilehrer durch. Glücklich wird er damit nicht. Jakob sitzt zwischen den Stühlen und ist nirgends daheim. Er strauchelt, trinkt, verwahrlost und verstummt. Bis er sich schließlich selbst verloren geht.

Das sprachlich virtuose und auch dramaturgisch spannend gebaute Buch zeichnet ein beklemmendes Panorama des hochalpinen Landstrichs rund um Vent, das als „Fend“ in die Literatur und mit dem „Ötzi“ in die Anthropologie und Urgeschichte eingegangen ist. Mit der Schilderung des Jakob taucht Gstrein in das Sozialleben jenes Ortes ab, an dem er aufgewachsen ist: Die ursprünglich bäuerlichen Siedlungen des hinteren Ötztals wurden mit dem Aufleben des „Fremdenverkehrs“ zum Treffpunkt der WandrerInnen und WintersportlerInnen. Was das Miteinander und die Prioritäten vollends verschob. Der Tourismus forderte seinen Tribut, ihm hat man vieles geopfert.

Fragen der Identität und Autonomie sind daher auch Themen der 1988 erschienen und damals lauthals bejubelten Erzählung. Norbert Gstrein sieht sein Fend mit kritischem Blick. Das reale Vent aber hat es ein gutes Stück weit geschafft, sich den Charakter eines Bergsteigerdorfs zu bewahren. Mit „Einer“ im Rucksack und auf den Wegen des Ötzi lässt sich der imposante Talschluss aufs Schönste erkunden.

Tipp: Etwas mehr als fünf Stunden dauert die Tour von Vent aufs Tisenjoch, wo der Ötzi aufgespürt wurde. Rasten und übernachten kann man auf der Martin-Busch-Hütte. Gemütlicher ist der Weg durch das Nieder- und Rofental, wo weitere prähistorische Fundstellen zu bewundern sind.

Buch Norbert Gstrein EinerNorbert Gstrein:
Einer.
Suhrkamp Verlag,
7,80 Euro

 

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> Teil 9: STEIERMARK
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