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12/22

Dagmar Weidinger: „Jeder Mensch ist psychosefähig“  

Dagmar Weidinger: „Jeder Mensch ist psychosefähig“  

Die Journalistin und Universitätslektorin Dagmar Weidinger (41) setzt sich in ihren Texten intensiv mit der menschlichen Psyche auseinander. Für ihr neues Buch sprach sie mit zahlreichen ExpertInnen auch über die politische Bedeutung von Psychotherapie.

Für Ihr neues Buch „Unterwegs im weiten Land – Gespräche über die Psyche“ unterhielten Sie sich mit ExpertInnen aus dem Sozial- und Psychologiebereich. Gerade jetzt wird unsere Psyche auf eine harte Probe gestellt. Gibt es Themen, die Ihnen immer wieder begegnet sind?

Dagmar Weidinger: Die Vereinzelung in der Gesellschaft war immer wieder Thema. Dabei wären aber gerade der Austausch und die Vernetzung untereinander so wichtig, um anstehende Herausforderungen zu meistern – Stichwort Klimakrise. Die Jungianische Therapeutin Ingrid Riedel hat dieses Thema sogar in den Träumen ihrer KlientInnen gefunden. Sie berichtete etwa über folgenden Traum einer Klientin, die auf einer Nordseeinsel lebt: Ihr erscheint im Traum die „wilde Anna“, die sich auch als solche vorstellt. Mit mächtigen Sturmfluten bedroht sie das Land und die Menschen. Diese fliehen zuerst panisch ins Inland. Dort finden sie sich auf einem ruhigeren Feld zu einem Kreis um einen Kelch zusammen; sie bilden also eine Menschenkette. In dem Moment hat die Träumende das Gefühl, dass auch die Ehrfurcht vor der Natur wiederkehrt. Und tatsächlich zieht sich die Sturmflut zurück. Riedel deutet das so: Dort, wo Menschen sich zusammenschließen und gemeinsam zum Respekt vor der Natur zurückfinden, verschwindet die Bedrohung.

Klimakrise, Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie – die aktuellen Krisen belasten uns,  psychische Erkrankungen sollen stark zugenommen haben. Bestätigten Ihnen das auch die ExpertInnen, mit denen Sie gesprochen haben?

Alle ExpertInnen aus dem Psychologischen Bereich bestätigen dies momentan. Hier würde ich gerne hinzufügen, dass ich bei den Gesprächen in meinem Buch aber einen anderen Blickwinkel gewählt habe. Als JournalistInnen sind wir geneigt, uns hauptsächlich mit der Frage zu befassen, wie psychisch erkrankte Personen möglichst rasch wieder fit werden können. Diese Auseinandersetzung mit dem klinischen Bereich ist sicherlich wichtig, allerdings reicht sie nicht aus, da sie unseren Blick vor allem auf die Abweichungen von der Norm lenkt. Außerdem entsteht leicht das Gefühl, irgendetwas müsste repariert werden.  Ich würde dem klinischen Blick gerne einen zweiten als Ergänzung an die Seite stellen, nämlich den der anthropologischen Psychiatrie.

Was ist damit gemeint? Hätten Sie ein Beispiel?

Hier steht der Gedanke im Zentrum, dass es immer auch etwas Verbindendes zwischen den „Gesunden“ und der erkrankten Person gibt, und dass wir alle verletzliche Individuen sind, die ganz selbstverständlich Krisen im Laufe des Lebens durchmachen. In meinem Buch berichtet etwa die Ergotherapeutin Martha Pany über solche Ansätze. Sie selbst litt in ihrer Jugend an einer Essstörung. Natürlich dachten sowohl sie als auch ihr Umfeld lange Zeit, die Erkrankung sei das eigentliche Problem. Im Rahmen einer Trauma-Therapie fand sie aber mit Mitte 20 heraus, dass es in ihrer Kindheit viele verletzende Erlebnisse mit nahen Bezugspersonen gegeben hatte. Ihre Symptome machten auf einmal Sinn für sie. Pany bezeichnet die Symptome daher auch als „Überlebensstrategien“.

Ein Kapitel im Buch heißt: „Jeder Mensch ist psychosefähig.“ Kann tatsächlich jeder Mensch eine Psychose entwickeln? Wer ist besonders gefährdet, und wie schnell kann man in eine psychische Krankheit hineingeraten?

„Psychosefähig“ ist ein Wort, das ein bisschen aufhorchen lässt, nicht wahr? Tatsächlich denke ich, dass wir zu selbstverständlich davon ausgehen, einen klaren, wachen Geist zu haben. Aktuell zeigt uns Long Covid, dass das nicht so ist. Viele Betroffene berichten neben Erschöpfung über einen vernebelten Geist – die Fachwelt bezeichnet das als „Hirnnebel“ oder „Brain fog“. Damit ist ein Zustand gemeint, in dem man sich wie in Trance oder nie ganz wach fühlt. Die Konzentration ist stark beeinträchtigt. Eine Kollegin von mir wollte in diesem Zustand eine neue Programmiersprache lernen – das ging natürlich nicht. Auch eine Psychose versetzt den Geist, wie Edward Podvoll, der Begründer des achtsamkeitsbasierten „Windhorse-Betreuungsansatzes“, sagt, in einen anderen, er nennt es „zweiten Zustand“. Ich habe eine gute Freundin, eine junge lebenslustige Frau Mitte 30, die nach einem Schwangerschaftsabbruch eine Psychose entwickelte. Vorher hat absolut nichts darauf hingedeutet, dass sie anfällig sein könnte. Einschneidende Lebensereignisse oder Schicksalsschläge machen uns alle verletzlich. Im Rückblick hat mir diese Freundin berichtet, dass sie in dem Moment in die Psychose gerutscht ist, als sie immer weniger geschlafen hat. Menschen mit Psychose-Erfahrung wissen also, dass man den Geist auch mit genügend Schlaf und Stressreduktion zum Beispiel schützen kann.

Sind die Zahlen von Psychosen während der Corona-Pandemie mehr geworden?

In meinem Gespräch mit zwei Windhorse-Betreuerinnen habe ich erfahren, dass die Anzahl der Betroffenen zugenommen hat. Hierzu gibt es allerdings keine Statistik, und ganz allgemein kann man wohl sagen, dass die Pandemie bei jedem und jeder die individuell wunden Punkte reaktiviert hat. Wer vorher zu Migräne neigte, wird sie unter diesem Stress womöglich wieder verstärkt bekommen haben; Menschen, die eher mit Angst reagieren, werden diese mehr gespürt haben.

Sie sind zu der Auffassung, dass sich Psychotherapie wieder mehr in aktuelle Diskurse einbringen und politischer werden sollte. In welchen Bereichen wäre das notwendig?

Psychotherapeutisches Wissen wäre von eminenter Bedeutung für die Gesellschaft, denn PsychotherapeutInnen wissen, was es für ein gutes Zusammenleben – auch im Einklang mit der Natur – braucht. Viele meiner GesprächspartnerInnen waren zuerst zurückhaltend, wenn es um politische Fragen ging. Aber selbst Verena Kast meinte am Ende, dass wir die Arbeitswelt verändern müssten. Die dauernde Beschleunigung entspricht nicht der Funktionsweise der die menschliche Seele. Sowohl das bewusste Spüren von Gefühlen als auch Beziehungen brauchen vor allem eines: Zeit. Kast berichtete mir von einer Vorlesung über Emotionen für Volkswirte an der Universität von St. Gallen. Sie brachte den Gedanken ins Spiel, dass das Leben viel spannender wäre, wenn wir alle Emotionen zulassen. Den Studierenden gefiel das, gleichzeitig fragten sie am Ende des Semesters: „Kann man dann noch so erfolgreich und schnell sein?“ „Nein, das kann man nicht“, sagte Verena Kast. Vielleicht wäre es an der Zeit, uns als Gesellschaft zu fragen, ob „Schnelligkeit“ tatsächlich einer unserer Leitwerte sein sollte.

Wie sieht die Alternative aus?

Es gibt bereits einige Modelle, die man diskutieren könnte. Mir fällt dazu etwa die „Vier-in-einem“-Perspektive der Soziologin Frigga Haug ein. Haug schlägt vor, dass sich der Tag eines jeden Menschen in etwa so aufgliedern solle: acht Stunden Schlaf, vier Stunden Lohnarbeit, vier Stunden politisches Engagement, vier Stunden Freizeit für die eigene Entwicklung, vier Stunden Sorgearbeit. Spannend finde ich, dass sie auch das politische Engagement mitbedacht hat. Vielleicht zeigt uns gerade die Spaltung in Impfgegner und Impfbefürworter, dass Demokratie nichts ist, dass von selber läuft. Wir müssen demokratische Prozesse – das Gespräch auf Augenhöhe und das Aushalten anderer Meinungen – von klein auf lernen.  Demokratie und Psychotherapie könnten viel enger miteinander verwoben sein, als dies aktuell der Fall ist.

Auch wieder auf der Tagesordnung steht das Thema Flucht und Migration. Menschen, deren Psyche stark belastet ist, suchen Schutz bei uns. Wie können diese Menschen gut aufgefangen werden?

Zuerst sollten Menschen ein Dach über dem Kopf haben und sich in Sicherheit fühlen können. Viele der Geflüchteten werden es selbst schaffen, sich zu integrieren. ExpertInnen gehen davon aus, dass im Schnitt ein Drittel der Personen, die aus dem Krieg fliehen, längerfristig psychische Beschwerden davontragen. Das Erlebte kann sich in vielen verschiedenen Symptomen niederschlagen – von Schlafstörungen über Ängste bis hin zu körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen. Das alles können Hinweise auf eine sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung sein. Ein wesentlicher Schutz davor ist, dass diesen Menschen innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen, psychosoziale Unterstützung angeboten wird. Menschen, die jetzt mit Geflüchteten arbeiten, sollten also ein Auge darauf haben und rasch reagieren, wenn ihnen Personen besonders belastet erscheinen.

Beim Wiener Verein Hemayat, der Menschen betreut, die vor Krieg oder Folter fliehen, standen bereits vor dem Ukraine-Krieg 500 Leute auf der Warteliste für Einzeltherapie, 130 davon Kinder. Das kann eine Wartezeit von mehreren Monaten bis zu zwei Jahren bedeuten. Rasche Behandlung erscheint in Anbetracht dieser Zahlen eher wie ein Wunschtraum – was braucht es konkret?

Hier ist die Politik gefordert, rasch mehr Strukturen zu schaffen. Dass das möglich ist, zeigt die Geschichte. Ich denke da an den Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler, der in der Zwischenkriegszeit aktiv war. Er erkannte, dass es nach dem Ersten Weltkrieg erstmals eine große Anzahl an alleinerziehenden Müttern gab. Viele von ihnen waren überfordert mit der Situation, da sie ja gerade ihren Mann im Krieg verloren hatten. Adler gründete damals im Rahmen der Wiener Schulreform 30 Erziehungsberatungsstellen in Wien. So etwas würde ich mir jetzt für alle Geflüchteten wünschen.

Umgekehrt begegnen viele der „Alteingesessenen“ den Neuankömmlingen mit Abwehr und Misstrauen. Woher kommt die Angst vor dem Fremden und wie können wir sie besiegen?

Das Wort „besiegen“ gefällt mir in dem Zusammenhang nicht ganz so gut. In erster Linie würde es doch darum gehen, überhaupt zu erkennen, dass man Angst – ja vermutlich auch Neid – gegenüber dem Fremden hat. Die systemische Psychotherapeutin Angelika Grubner hat mir erzählt, dass sie nach der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 in ihren Praxen immer wieder Aussagen hörte, wie: „Die kriegen ja alles, und wir nichts.“ Dazu muss man sagen, dass Grubner selbst in einer benachteiligten Region im Industrieviertel mit Menschen arbeitete, die sich sozial abgehängt fühlten, möglicherweise auch langzeitarbeitslos waren. Natürlich empfinden diese Menschen Neid – und wohl auch zu Recht, wie Grubner fand. In dieser Situation versuchte sie mit ihren KlientInnen herauszuarbeiten: Müssten Sie sich nicht eigentlich auf die Seite der Geflüchteten stellen und gemeinsam etwas fordern?

Haben die ExpertInnen, die Sie befragt haben, auch Tipps, wie wir halbwegs unbeschadet durch diese schweren Zeiten kommen?

Der Ökonom und Kulturwissenschaftler Walter Ötsch sagt, es brauche ein „Umdenken im Ganzen“. Und die Krise, beziehungsweise diese gegenwärtigen Krisen seien vielleicht genau die Chance dafür. Ich möchte es auch gerne so sehen. Eine Krise nimmt mich immer dann ganz besonders mit, wenn das Gefühl des Ausgeliefertseins überwiegt. Sobald ich ein Stück weit Gestaltungsspielraum sehe, fühle ich mich vielleicht sogar gut, denn ich kann ja etwas tun. Wir Menschen brauchen das schon sehr dringend – dieses Gefühl, einen Teil zum großen Ganzen beizutragen. Wobei ich wieder bei meinem „Lieblings-Psychotherapeuten“ aus der Geschichte, Alfred Adler, gelandet bin, der ja meinte, psychische Gesundheit hänge wesentlich davon ab, wie sich ein Mensch in die Gemeinschaft einbringen kann. Darin sollten wir uns gegenseitig ermutigen.

Buchtipp

Dagmar Weidinger – Unterwegs im weiten LandDagmar Weidinger:
Unterwegs im weiten Land
Gespräche über die Psyche
Picus-Verlag
25 Euro