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Eines der größten Straßenbauprojekte Österreichs, die Schnellstraße Nummer 10, verbindet das oberösterreichische Mühlviertel mit dem angrenzenden Böhmen. Der Fotograf Kurt Hörbst hat die Baustelle mit der Kamera begleitet.

Das Grundrauschen reißt nie ab. Tag und Nacht rollt der Verkehr durch die 3.000-Seelen-Gemeinde Rainbach im Mühlkreis. Lkws aus Tschechien quälen sich auf der verstopften Straße und MühlviertlerInnen, die per Pkw nach Linz in die Arbeit pendeln. Staus und Unfälle gehören zum Alltag.

Der Fotograf Kurt Hörbst lebt hier, wo gerade die Mühlviertler Schnellstraße S 10 gebaut wird. Sie soll die verzwickte Verkehrssituation an der B 310 entschärfen, eine bessere und flottere Anbindung an den Zentralraum ermöglichen und in weiterer Folge Tschechien näher heranrücken. Die Schnellstraße ruft aber auch KritikerInnen auf den Plan, die eine massive Verkehrszunahme und eine Zerstückelung der Landschaft befürchten.
Dass sich Kurt Hörbst fotografisch mit dem Bau der S 10 beschäftigt, sei aufgrund seiner unmittelbaren Betroffenheit naheliegend. „Mich interessiert vor allem, wie sich Landschaft verändert. Durch die Eingriffe entsteht eine völlig neue Landschaft.“ Da türmen sich plötzlich meterhohe Erdwälle auf, da werden kraterförmige Löcher in die Erde gegraben, da entstehen riesige Containersiedlungen und da stehen Baumaschinen in der Landschaft wie zufällig hingewürfelt. „Manchmal wirkt es fast stilllebenartig.“

Kurt Hörbst nimmt die Position eines Beobachters aus der Ferne ein. Er lässt sich viel Zeit, schaut genau, entdeckt seine Heimat neu. Er schleppt seine analoge Großformatkamera und das Stativ durch die Gegend, bis er einen Platz findet, der ihm interessant erscheint. Dort baut er die Kamera auf. Wartet und schaut. In seinen Fotos will er möglichst viele Einzelheiten zeigen. Dort steht ein Sonnenblumenverkäufer zwischen vorbeipreschenden Autos, da ein Wohncontainer, in dem ein Laib Brot in einem Papiersackerl auf dem Tisch liegt, daneben ein Jausenbrett, eine Flasche Mineralwasser und ein leerer Kaffeebecher. Wer genau schaut, kann viele Details erkennen. Auf Unschärfe verzichtet der Fotograf.

Seit zweieinhalb Jahren rückt Kurt Hörbst immer wieder mit seiner Kamera aus, mindestens 50-mal hat er die Baustelle schon besucht und rund 330 Bilder gemacht. In der Abenddämmerung oder nachts, wenn die Lichter nie ausgehen, im Winter, wenn sich die Erdwälle unter einer Schneedecke verstecken oder LangläuferInnen ihre Runden ziehen.

Kurt Hörbst will den Blick schärfen und andere Blickwinkel zeigen. Ein expliziter Befürworter der S 10 ist er nicht. „Ich frage mich, warum man immer nur Straßen baut und sich nichts anderes überlegt.“ Berufsbedingt sei er aber auch viel mit dem Auto unterwegs, gibt er zu.
In den vergangenen 30 Jahren habe sich wahnsinnig viel verändert, blickt er zurück. Der Verkehr habe massiv zugenommen. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 sei der Straßenverkehr sehr überschaubar gewesen. Er könne sich noch erinnern, wie er als Kind einmal ausriss und mit dem Puppenwagen auf der Bundesstraße spazieren ging. Käme sein Sohn heute auf die Idee, wäre das eine Katastrophe!
Vor Kurzem war die Straße wegen Bauarbeiten etwa zwei Wochen lang gesperrt. Da war es auf einmal ruhig. Irgendwie seltsam. Aber man könnte sich dran gewöhnen, meint Kurt Hörbst.

 

Megaprojekt der ASFINAG

Die S 10 ist das größte Straßenbauprojekt der ASFINAG in Österreich. Insgesamt werden auf der 22 Kilometer langen Schnellstraße mit acht Tunnels (inklusive Unterflurtrassen) zwischen Unterweitersdorf und Freistadt Nord 687 Millionen Euro verbaut. Die Gesamtfreigabe ist für Dezember 2015 geplant. Im November soll die Umfahrung Freistadt eröffnet werden. Wie es mit dem Nordabschnitt bis zur Staatsgrenze weitergeht, ist noch offen. 2020/21 soll laut ASFINAG mit dem Bau der Umfahrung Rainbach (West-Variante) begonnen werden.