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Gesund in jeder Lebensphase

Kein Frauenleben verläuft gleich, keines linear, es ist in jeder Phase von Höhen und Tiefen geprägt, individuell und vielfältig wie die Frauen selbst. Im Frauengesundheitszentrum in Graz findet sich für jede Lebensphase eine Expertin und für jede Frage ein offenes Ohr. Immer im Mittelpunkt: die Frauen dabei zu unterstützen, selbstbestimmt und gesund zu leben.

„Gesundheit hat ein Geschlecht“, sagt Felice Gallé, Mitglied der Geschäftsführung des Frauengesundheitszentrums, und ist damit bereits beim Kern dessen, wofür sie und ihre Kolleginnen arbeiten. „Ob ich eine Frau oder ein Mann bin, verändert meine Chancen, gesund zu leben“, sagt sie. Frauen hätten andere Möglichkeiten und Risiken, würden an anderen Krankheiten erkranken – und nicht nur das, sie würden bei einigen Krankheiten sogar andere Symptome ausbilden, wie etwa bei Schlaganfall: Während Männer eher klassische Symptome wie neurologische Störungen zeigen, leiden Frauen eher unter Kopfschmerzen, Übelkeit, ­Erbrechen und Schwindel, Atemnot, Schmerzen in der Brust, im Gesicht, in Gliedern und Gelenken. Auch auf Medikamente reagieren Frauen anders. So kann etwa Aspirin mit seiner blutverdünnenden Eigenschaft Männer vor einem Herzinfarkt schützen, Frauen aber weniger.
Doch auch im Umgang mit Frauen als Patienten gibt es große Unterschiede. „Frauen werden als Patienten häufig nicht ernst genommen und bekommen schnell Psychopharmaka verordnet.“ Ein Ungleichgewicht, das nach wie vor herrscht und damit zu tun hat, dass der Mann als Norm gilt und die Frau als Abweichung davon. „Studien beziehen sich immer noch häufiger auf Männer“, sagt Felice Gallé, „geschlechterspezifische Daten sind rar. Und die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen und in der Gesundheitspolitik sind immer noch hauptsächlich Männer.“
Die Folgen: Unter-, Über- und Fehlversorgung von Frauen. „Die größten Risiken für die Gesundheit von Frauen sind laut WHO [Weltgesundheitsorganisation] Armut und Gewalt“, sagt Felice Gallé. „Schädlich sind außerdem die Mehrfachbelastung, der viele Frauen ausgesetzt sind, weil sie Job, Kinder, Familie und Sozialleben unter einen Hut bringen müssen.“ Diese einschränkenden Rollenbilder führen außerdem zu Teilzeitarbeit, damit geringeren Einkommens- und Aufstiegschancen. Das führt wiederum zu finanziellen Notlagen im Alter und damit zu erneuter Unterversorgung.

Felice Gallé vom Frauen­gesundheitszentrum weist darauf hin, dass die Mehrfachbelastung von Frauen auch große Risiken für die Gesundheit mit sich bringt.

„Gerechtigkeit“, sagt Felice Gallé, „heißt nicht, dass alle das Gleiche bekommen, sondern dass alle das bekommen, was sie brauchen.“ Im Frauengesundheitszentrum bedeutet das konkret, dass neben Gerechtigkeit die Vielfalt der Frauen eine zentrale Rolle spielt. „Besonders maßgeschneidert können wir Frauen in Beratungen stärken“, so Felice Gallé. „Dabei orientieren wir uns immer an den Stärken jeder Frau und fördern diese. ‚Die Frau‘ gibt es nicht. Frauen haben unterschiedliche Stärken, Probleme, Wünsche, Erfahrungen, Lebensumstände. Zudem erlebt jede einzelne Frau Veränderungen in den unterschiedlichen Lebensphasen.“

LEBENSPHASE PUBERTÄT
Pubertät, Mutterschaft, Wechseljahre, Alter: Frauen machen in den verschiedenen Lebensphasen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Veronika Graber ist im Grazer Frauengesundheitszentrum die Expertin für Mädchengesundheit und Sexualpädagogik. Sie bietet unter anderem den Workshop „Liebe, Sex und mehr“ an, der jungen Frauen Raum gibt für die vielen Fragen, die sie dazu haben. „Vor allem geht es hier um Unsicherheiten mit dem eigenen Körper und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur ‚Norm‘“, sagt Veronika Graber. „Die Mädchen fragen sich, ob sie körperlich richtig sind, wann sie das erste Mal Sex haben sollen oder wie man richtig küsst.“ Das Ziel sei es daher, Vielfalt zu vermitteln, die Mädchen darin zu bestärken, ihren Empfindungen zu vertrauen, ihre Grenzen wahrzunehmen und zu setzen. „Die Mädchen sind einer wahren Informationsflut über verschiedene Kanäle ausgesetzt, vor allem über das Internet. Das führt zu normativen Vorstellungen, die es aufzubrechen gilt“, sagt Veronika Graber. Dazu orientiert sie sich an der Lebenswelt der Mädchen und ihrem Lebensalltag. „Die Fragen, ob es normal ist, dass Brüste unterschiedlich groß oder die inneren Schamlippen länger sind als die äußeren, was man gegen Regelschmerzen unternehmen kann oder ob man sich schön fühlen kann, auch wenn man nicht aussieht wie ein Model – das interessiert Mädchen viel mehr als rein biologische Aspekte wie Hormonkurven.“
Eine besondere Herausforderung ist es, Mädchen dazu zu bringen, ihre Gesundheit wichtig zu nehmen und sich selbstbestimmt darum zu kümmern. Dazu tragen einerseits das Wissen über den eigenen Körper und die Reflexion über gesellschaftliche Schönheitsideale bei. „Andererseits erreichen wir dies durch Verstärken eines positiven, lustvollen Bezugs zum Körper: durch Genuss- und Entspannungsübungen etwa“, so Veronika Graber. „Wichtig ist in dieser Lebensphase, die Gesundheitskompetenz der Mädchen zu stärken.“ Dazu gehöre auch die Sensibilisierung, wie Entscheidungen – etwa über das Einnehmen der Antibabypille – selbstbestimmt und aufgrund umfassender, qualitätsvoller, verständlicher Informationen getroffen werden können.

LEBENSPHASE MUTTERSCHAFT
Um Informationen dreht sich auch die Arbeit von Kerstin Pirker, Expertin für reproduktive und sexuelle Gesundheit von Frauen. Sie begleitet im Frauengesundheitszentrum die Frauen in der Lebensphase Schwangerschaft, Geburt und Muttersein. „Viele werdende Mütter suchen aktiv nach Informationen, Kursen und Angeboten der Gesundheitsförderung in der Schwangerschaft“, sagt Kerstin Pirker. Eine Herausforderung für die werdende Mutter sei der Anspruch, nichts falsch machen zu dürfen. Sie müsse „richtig“ essen, sich „richtig“ bewegen. „Schwangere haben in erster Linie das Bedürfnis nach Austausch in der Gruppe“, sagt Kerstin ­Pirker. „Vereinzelt kommen sie in die Einzelberatung, wenn die Belastungen, die sie erleben, sehr groß sind.“
Die Lebensphase der Mutterschaft, früher „Zeit der guten Hoffnung“, ist oft von Verunsicherung geprägt. Das Treffen „Schwanger! – Gut begleitet durch 40 Wochen“ nimmt darauf besondere Rücksicht. „Die Frauen wollen wissen, ob Pränatal­diagnostik sinnvoll ist, haben Fragen zu Schwangerschaftsbeschwerden, die zur Belastung werden, oder Problemen in der Partnerschaft.“
Auch die Sorge um die Geburt treibt Frauen in dieser Lebensphase um: „Zum einen die Besorgnis über die Schmerzen und den Umgang damit, zum anderen die über die medizinische Versorgung während und nach der Geburt.“

LEBENSPHASE WECHSELJAHRE
Mit den Wechseljahren beginnt eine Lebensphase, die für viele Frauen mit Neuorientierung und ebenfalls mit Unsicherheit verbunden ist. Hier unterstützt Monika Vucsak, Sexualpädagogin, Beraterin und Wechseljahrkursleiterin des Frauengesundheitszentrums. „Die meisten Frauen kommen zu mir in die Beratung mit der Frage: ‚Sind das jetzt die Wechseljahre?‘“, sagt Monika Vucsak. „Sind das vermehrte Schwitzen, die Stimmungsschwankungen, die Schlafprobleme der Wechsel oder nicht – das möchten viele gerne abklären.“
Als positive Entwicklung empfindet die Expertin dabei, dass die Wechseljahre nicht mehr als Krankheit wahrgenommen werden, sondern als Umstellungsphase. „Eine Ordnung, an die man gewöhnt war, passt nicht mehr. Viele Frauen sind auf der Suche, wie es für sie weitergeht, was jetzt ihre Sache sein könnte.“ Damit gehe oft der Wunsch einher, alte Muster über Bord zu werfen und zu schauen, was aus früheren Phasen vielleicht wieder passen könnte. „Viele Frauen nehmen Ideen wieder auf, die sie als junge Frauen hatten, Wünsche, Träume, Sehnsüchte, die in der Phase der Mutterschaft oder wegen intensiver Berufstätigkeit zu kurz gekommen sind.“
Monika Vucsak begleitet die Frauen in Einzelgesprächen. Dabei sind die Themen breit gefächert, im Zentrum steht aber die Frage: Was hilft jetzt? „Bewusste Ernährung und Bewegung, Ausdauer und Kraft ist etwas, was oft guttut.“ Neben der Einzelberatung ist auch der Austausch mit anderen Frauen hilfreich. Dazu seien eine Gruppe und Workshops in Planung.
Beate Kopp-Kelter, Psychotherapeutin und Pädagogin, ist Anlaufstelle für alle, die aufgrund seelischer Beschwerden ins Frauengesundheitszentrum finden. „Wir bieten Psychotherapie auf Kostenzuschussbasis“, sagt Beate Kopp-Kelter, „und Unterstützung in den unterschiedlichsten Krisen.“ Als ersten Schritt gibt es ein kostenfreies Erstgespräch. Burn-out, Mobbing, (chronische) Erkrankungen, Mehrfachbelastung: Die Problemfelder sind breit gestreut. „Gerade die Mehrfachbelastung ist ein Problem, das bei Frauen besonders ausgeprägt ist“, sagt die Psychotherapeutin. Umso mehr für Alleinerzieherinnen, da diese sehr wenig Anerkennung und Wertschätzung für ihre Leistung bekommen würden. „Dazu kommen oft finanzielle Probleme, die sehr belastend sind, das Ganze gepaart mit einem hohen Perfektionsanspruch.“ Deswegen sei es umso wichtiger, dass Frauen selbst ihre Leistungen anerkennen.

„Frauen nehmen die Ermunterung an, für sich gut zu sorgen.“
Beate Kopp-Kelter, Psychotherapeutin

„Selbstfreundlichkeit, Selbstliebe sind ein großes Thema. Sich zu versichern: ,Das mach ich echt gut‘“, sagt Beate Kopp- ­Kelter. Durch die regelmäßigen Gespräche kann sich vieles lösen, es ergeben sich neue Strategien, neue Sichtweisen. „Die meisten Frauen kommen einmal wöchentlich, manche nur zwei- oder dreimal, manche über ein halbes Jahr, manche ein ganzes oder zwei – was eben gebraucht wird.“
Das Bewusstsein dafür, dass auch die Seele Pflege brauche, sei gestiegen, stellt Beate Kopp-Kelter fest. „Psychische Fragen sind nicht mehr so tabuisiert wie vor einigen Jahren, Frauen nehmen die Ermunterung an, für sich gut zu sorgen.“ Eng verknüpft ist damit das Programm „Gesund und aktiv mit chronischer Erkrankung leben“, das Beate Kopp-Kelter betreut. „Es ist ein Kurs, sechs Einheiten, für Frauen mit chronischen Erkrankungen der unterschiedlichsten Art – von Depressionen bis Darmerkrankungen.“ Das Ziel des Kurses ist es, die Lebensqualität bestmöglich zu erhalten oder zu verbessern. „Wir wollen die Frauen wieder ins Handeln bringen“, sagt Beate Kopp-Kelter. „Es geht also nicht um die Krankheit an sich, sondern den konstruk­tiven Umgang damit.“ Ein wichtiger ­Begriff dabei ist das „Selbstmanagement“: „Es geht darum, was man selbst für sich tun kann, über die Hilfe von ­außen hinaus.“
Egal zu welcher Lebensphase und welchem Problem: Es gibt Unterstützung und Informationen. In Österreich bestehen derzeit sieben Frauengesundheitszentren, die in einem Netzwerk zusammengeschlossen sind. Sie bieten nicht nur Beratung, sondern geben auch Hinweise und Kontakte zu speziellen Einrichtungen, etwa Frauen- und Mädchenberatungsstellen und Frauenhäusern. Und das gute Gefühl: Keine Frau ist mit ihren Sorgen alleine, die Türen sind immer geöffnet.

> Mehr zum Thema Gesundheit erfahren Sie bei unserer Veranstaltungsreihe WENDEZEITEN in der Steiermark.

Nächster Termin: 23. Mai in Mürzzuschlag.

Mit der Autorin Barbara Pachl-Eberhart; Vorträgen und Expertinnen-Gesprächen rund um Beruf & Gesundheit – alle Infos und Termine >hier.

Frauengesundheitszentrum in Graz
www.frauengesundheitszentrum.eu

Das Frauengesundheitszentrum in Graz ist nicht nur für Grazerinnen da – sondern für alle Steirerinnen. Vorträge und Workshops sind für Frauengruppen buchbar.
Telefon: 0316 837 998, E-Mail: frauen.gesundheit@fgz.co.at

Netzwerk der Frauengesundheitszentren
www.frauengesundheit.at

Erschienen in Welt der Frauen“ Sonderausgabe Steiermark 2018

Fotos: Alena Ozerova / stock.adobe.com, Christian Jungwirth

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