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Geprägt fürs Leben
Egal ob sie eine glückliche Kindheit hatten oder eine miserable: Die meisten Menschen wollen nicht so werden wie ihre Eltern. Sie wollen es besser machen. Doch die frühe Prägung lässt sich nicht einfach abschütteln.

Es kann eine kleine Handbewegung sein, die Art, die Wäsche zusammen­zulegen oder ein besonderer Satz, den man eigentlich nie sagen wollte und der einen spüren lässt: Ich mache es genauso wie meine Mutter oder mein Vater. Viele Menschen verlassen ihr Elternhaus nach der Schule mit dem mal sicheren, mal eher vagen Gefühl, dort nicht genügend Anerkennung und Wertschätzung bekommen zu haben. Genau deshalb will man es anders machen – nicht so werden wie die Eltern, nicht am Partner bzw. der Partnerin und den eigenen Kindern herumkritisieren, sticheln oder sie durch kaltes Schweigen in die Enge treiben. Verdrängt wird über lange Zeit, was nicht sein darf – die Kindheit wird wie eine Kiste fest verschlossen im Keller verstaut: Jetzt kann das richtige Leben beginnen! Häufig sind es dann die eigenen Kinder, die das sperrige Möbelstück voll mit Erinnerungen im Keller wieder öffnen und einen darauf stoßen, was eigentlich noch zu klären wäre, egal ob nur für sich selbst oder mit den leibhaftigen Personen: die Beziehungsgeschichte mit den eigenen Eltern.

KLEIN_21_140828-0302 RGB_RZANGEBORENES TEMPERAMENT
Die Säuglingsforschung hat klare Antworten darauf, wie Kinder auf die Welt kommen. Jerome Kagan, Harvard-Professor und Pionier der Entwicklungspsychologie, setzte in einem Experiment Babys im Alter von vier Monaten einer für sie unbekannten Situation aus. Knapp ein Fünftel seiner kleinen ProbandInnen reagierte spontan gehemmt, zurückhaltend und eher vorsichtig auf neue Personen. 40 Prozent erfreuten sich ohne Rückhalt am Neuen und lächelten spontan, während weitere 40 Prozent gemischte Reaktionen aufwiesen. Für Kagan steht fest: Kinder kommen mit einem gewissen Temperament auf die Welt und reagieren von Natur aus unterschiedlich auf Stress durch Trennung von ihrer primären Bezugsperson. Um das Ganze mit einem Vergleich zu sagen: Menschen werden eben nicht als Rohlinge geboren, sondern besitzen von ihrem ersten Atemzug an ein Wesen, das sich aus ihrer genetischen Veranlagung ergibt. Dieses kann dem Wesen der Eltern beziehungsweise dem eines Elternteiles sehr ähnlich sein, muss es jedoch nicht. Oft werden auch Generationen übersprungen. Wer kennt sie nicht, die Familienkonstellation, in der Enkel und Großvater sich viel ähnlicher sind als Vater und Sohn.
Die Psychotherapeutin Hermine Pokorny, 67, weiß viel zu erzählen über die angeborene Verschiedenartigkeit bereits der Kleinsten. Als Mutter von sechs Kindern hatte sie das Gefühl, „sechs komplett unterschiedlichen Typen“ in ihren zwei Söhnen und vier Töchtern zu begegnen. Von Anfang an wollte sie ihre Kinder ihrem Wesen und ihren Anlagen gemäß erziehen und fördern, hatte sie selbst doch eine gegenteilige Erfahrung gemacht. Gegen ihren Willen erlernte sie den Friseurberuf, machte die Meisterprüfung und arbeitete, bis die Kinder zur Welt kamen, im Friseursalon ihres Vaters. Aus dessen Sicht war es unverständlich, wie die einzige Tochter es ausschlagen konnte, das mühsam in den Nachkriegsjahren aufgebaute Geschäft zu übernehmen. Pokorny hat sich mittlerweile doch noch ihren Berufstraum erfüllt, mit 53 Jahren begann sie die Ausbildung zur Psychotherapeutin nach C. G. Jung.

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Psychotherapeutin Hermine Pokorny

KINDER PASSEN SICH AN
Die Prägung durch die Eltern beginnt sehr früh. Bereits als Säuglinge passen sich Kinder an die ihnen Halt gebende erste Bezugsperson an. Im Idealfall erkennt die Mutter, was das Kind braucht, und nimmt es in seiner Einzigartigkeit wahr. Die Anpassung an seine Umwelt überfordert den Säugling so nicht, sondern lässt ihm den Freiraum, sich seinem Wesen und seinen Bedürfnissen gemäß zu entwickeln.
Doch „häufig passen Eltern und Kinder auch einfach nicht zusammen“, bringt Pokorny die Erfahrung ihrer langjährigen Praxis in der Familienberatungsstelle der Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter (HPE) auf den Punkt. Man stelle sich zum Beispiel vor, ein sehr sportliches Kind wird in eine eher musisch orientierte Familie hineingeboren. Das durch die Wohnung brausende kleine Kind kann rasch zur Zielscheibe von Kritik oder abwertenden Bemerkungen werden. Anstatt den Sohn oder die Tochter im Fußballklub anzumelden, stehen Klavierunterricht und Konzertbesuche auf dem Programm. Wäre dasselbe Kind in eine Sportlerfamilie hineingeboren worden, könnte es von Anfang an ganz selbstverständlich an den gemeinsamen Wanderungen und Skitouren teilnehmen. Die Eltern würden sein Geschick bemerken und seine Fortschritte mit Freude hervorheben: „Prima, das kannst du schon!“, lobt der Vater den ersten kleinen Schanzensprung der Tochter. Oder: „Gut machst du das!“, sagt die Mutter zum ersten Versuch ihres Sohnes, ohne Sturz im Pflug ein „Bogerl“ zu bewältigen.
Das Kind erlebt sich als wertvoll und angespornt, die eigenen Fähigkeiten auszubauen. Therapeutinnen wie Pokorny sprechen in diesem Fall davon, dass sich das Kind in seiner Selbstwirksamkeit erleben kann. Diese kann nur dann aufgebaut werden, wenn sein Verhalten positive Konsequenzen hat. Der logische Schluss daraus: Ein Kind, das entweder ständig vor die falschen oder vor zu schwierige Aufgaben gestellt wird, kann kein Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln.