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Mit viel Liebe, Ruhe und Umsicht begleitet die Hebamme Eva Egger im Entbindungsheim Kuchl Mütter und Babys bei den ersten Schritten ins Leben.

Stefan, Anna, Biggi und Eva sitzen gerade beim Nachmittagskaffee. Die Runde mutet fast wie eine WG an, wären die Männer und Frauen nicht ganz zufällig zusammengewürfelt und aus einem besonderen Grund hier: der Geburt ihres Kindes wegen.

„Die Damen nennen es gerne Geburts-WG“, erzählt die Hebamme Eva Egger, „einfach weil es hier bei uns so familiär ist.“ Sie nimmt einen Schluck Wasser und sagt dann zur hochschwangeren Biggi: „Kannst das Baby ruhig mal halten. Das beschleunigt die Geburt.“ Während Biggi die fünf Tage alte Johanna in ihren Armen wiegt, massiert die Hebamme den Bauch der werdenden Mama.

Eva Egger hat kurze, graue Haare, ihr rundes, freundliches Gesicht ist ungeschminkt, und auf ihrem roten T-Shirt liest man in weißen Lettern „Entbindungsheim Kuchl“. Seit 30 Jahren leitet Eva Egger dieses Einfrauunternehmen, offiziell heißt es „Hebammenpraxis Eva Egger“. Inoffiziell hat es den Namen „Entbindungsheim“ beibehalten. Der Name hat Patina und tatsächlich hat die Institution schon eine lange Geschichte. 1966 wurden die Räumlichkeiten geschaffen, einzelne hebammengeleitete Geburten gab es in dem Haus aber schon seit 1938.

Während es früher in jedem Tal in Salzburg oder Tirol Entbindungsheime gegeben haben soll, ist Kuchl mittlerweile das letzte und in seiner Art einzigartig. In den 1980er-Jahren hätten die Entbindungsheime der Reihe nach zugesperrt, weil die ärztlichen Leiter – meist ältere Herren – in Pension gingen und die jüngeren Kollegen die Verantwortung nicht mehr übernehmen wollten. Seit der Novelle des Krankenanstaltengesetzes 1997 dürfen frei praktizierende Hebammen Stationen bis zu fünf Betten leiten. Heute sind in Österreich acht Hebammenpraxen in Betrieb, jene in Kuchl hat dennoch eine Sonderstellung. Zum einen wird der Aufenthalt dort vollständig von der Krankenkasse bezahlt, während die Frauen in den anderen Hebammenpraxen oder Geburtshäusern zum Teil selbst für die Unterbringung aufkommen müssen. Und zum anderen können die Frauen im Entbindungsheim Kuchl bis zum sechsten Tag bleiben, während sie in den anderen Nichtspitalseinrichtungen ambulant entbinden. 

„Das Geburtshaus ist eine moderne Form, ich halte an der alten fest“, erklärt Eva Egger, während sie durch das Entbindungsheim führt, für dessen Miete und Betriebskosten die Gemeinde Kuchl aufkommt. Eigentlich ist es eine Wohnung mit einem Kreißsaal, drei liebevoll eingerichteten Wöchnerinnenzimmern, Gemeinschaftsbad, Teeküche, Essbereich und einem Zimmer für die Hebamme. Die Wochenbettbetreuung ist Eva Egger sehr wichtig, weil da noch vieles, was die Frauen bewegt „herauskommen“ würde. „Es erfordert aber ein Rund-um-die-Uhr-Dasein. Man muss das zur Berufung machen, sonst geht’s nicht.“ Finanziell lohnt es sich nicht. Für einen Hausbesuch bekommt eine Hebamme fast so viel wie für einen Tag Wochenbett. Für die 57-Jährige ist der Beruf ihre Berufung. Die „Dorfhebamme“ war für die Niederösterreicherin ein Vorbild, das sie prägte. Mit 27 Jahren übernahm sie die Leitung des Entbindungsheims.

Feiertage, geregelte Dienst- und Urlaubszeiten, all das kennt Eva Egger nicht. Bei rund 50 Geburten im Jahr und jeweils sechs Tagen Wochenbett kann man sich ausrechnen, dass freie Zeit rar ist, ganz zu schweigen von den vielen Nachtschichten. Fünf Tage im Jahr fährt sie mit ihrem Mann weg. Ansonsten nimmt sie sich frei, wenn ihr Bauchgefühl sagt: „Heut ist sicher nix.“ Eva Egger vergleicht ihren Lebensrhythmus mit den Geburtswehen: „Wenn man die Wehenpause gescheit nützt, kann man wunderbar leben, ohne sich zu verausgaben.“

Eva Egger hört nicht nur Herztöne ab und untersucht Schwangere und Babys. Sie putzt auch, macht die Wäsche, holt das Essen, das sie vom nahen Seniorenheim bezieht, und ist für die werdenden Mütter so etwas wie eine Psychotherapeutin. Sie nimmt sich viel Zeit, um mit den Frauen zu reden, Ängste und Sorgen zu besprechen. Für sie ist das ein wichtiger Teil der Geburtsarbeit. Schmerzmittel gibt es nicht in ihrer Praxis, stattdessen vertraut sie auf Globuli, hochwertige Öle („Ich investiere lieber in ein gutes Öl als in Zwirn für die Dammnaht“), diverse Massagetechniken und Engelkarten – je nachdem was für die einzelne Frau passt. 

„Manche sprechen auf gar nichts an, sie sind viel zu sehr im Kopf und nicht in der Hüfte. Dann gibt es immer noch das Spital.“ Das Krankenhaus Hallein ist rund sieben Kilometer entfernt und die Zusammenarbeit mit den ÄrztInnen klappt Eggers Angaben nach gut. Sieben bis zehn abgebrochene Geburten werden pro Jahr schließlich im Spital zu Ende gebracht. Insgesamt hat Eva Egger schon 1.423 Frauen aus allen Berufsgruppen und sozialen Schichten bei Geburten begleitet. Darauf ist sie stolz, dass hier schon so manche Freundschaft fürs Leben entstanden ist.

Auch ihren Mann hat Eva Egger im Entbindungsheim kennengelernt, als dessen Schwester, ihre künftige Schwägerin, hier entband. 1989 brachte Egger selbst eine Tochter zur Welt. Während des Mutterschutzes leitete ihre Vorgängerin die Praxis, danach nahm Eva Egger ihre kleine Tochter immer mit zur Arbeit. „Nur wenn eine Geburt war, hat meine Schwiegermutter auf sie aufgepasst.“ Heute ist die Tochter erwachsen und studierte Keltologin. Mit zwei Kindern hätte sie sich nicht hinausgesehen, gibt Eva Egger zu. Drei Viertel des Jahres „wohnt“ sie im Entbindungsheim, ihr Haus ist etwa 500 Meter entfernt. „Mein Mann ist sehr selbstständig. Er muss sich sein Essen oft selber kochen.“ 

In all den Jahren hat die Hebamme längst nicht nur Schönes erlebt. Auch Kindern mit angeborenen Behinderungen hat sie schon auf die Welt geholfen und einmal starb ein Säugling. Obwohl sie keine Schuld traf, „zieht es einem schon den Boden unter den Füßen weg“, sagt Egger. Das Urvertrauen und der Glaube an etwas Höheres sind für sie das Um und Auf, gepaart mit umfangreichem Wissen und viel Erfahrung. Nach 30 Jahren denkt sie langsam ans Aufhören. Die Arbeit macht ihr zwar nach wie vor viel Freude, sie merkt aber auch, dass es anstrengender wird.

Bleibt zu hoffen, dass sich eine Nachfolgerin findet und in dieser einzigartigen Geburts-WG noch viele Babys auf die Welt kommen dürfen.

Mit der Kamera bei der Geburt

„Welt der Frau“-Fotoredakteurin Alexandra Grill fotografierte im Juli zwei Tage lang im Entbindungsheim Kuchl. Sie hatte großes Glück, dass Baby Finn genau in jener Nacht geboren wurde und dass sie die Geburt so nahe miterleben durfte. Ihr Dank gilt ganz besonders der Familie und Hebamme Eva Egger sowie den anderen Eltern, die sie fotografieren durfte.     

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 12/14 – von Julia Langeneder