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01-02/23

„Fachwissen allein reicht nicht mehr aus“

„Fachwissen allein reicht nicht mehr aus“

Theologin Ines Weber hat sich der Persönlichkeitsbildung verschrieben. Ihre Vision: Bildung, bei der die Stärken, Talente und Gaben jeder und jedes Einzelnen die Hauptrolle spielen – zum eigenen Wohl und zum Wohl der Gesellschaft.

Wie kommt man als Theologin zum Thema Persönlichkeitsbildung?

Das Thema begleitet mich schon seit Ende meines Studiums. Damals habe ich mich gefragt: Wie können wir an Universitäten Bildungsräume schaffen, in denen Menschen sich nicht nur zu FachexpertInnen, sondern zu ganzheitlichen Persönlichkeiten entwickeln können? Schon damals zeichnete sich ab, was heute klar ist: Fachwissen allein reicht nicht mehr aus, damit wir die Arbeitswelt gestalten und als Gesellschaft gut und ethisch verantwortungsvoll, human, demokratisch, friedvoll miteinander umgehen. Das ist jetzt fast 25 Jahre her. Damals wurde in Deutschland vielfach nur darauf geschaut, wie Menschen ihre Schwächen ausgleichen können – ihre Stärken aber zu erkennen und auch zu bilden, blieb dabei vielfach auf der Strecke. Das Prinzip „Stärken stärken“ gab es so noch nicht. Grundsätzlich aber dachte ich mir: Das muss auch anders gehen. Es muss möglich sein, in Schule und Universität die Stärken und Talente eines Menschen zu fördern. Vor allem war mir dabei wichtig – und das kann ich nicht häufig genug betonen –, dass eine solche Persönlichkeitsbildung im Fachstudium und im Fachunterricht integriert werden muss und nicht allein in Zusatzkursen, quasi als Add-on, geschehen sollte.

Was bedeutet denn Persönlichkeitsbildung für Sie?

Erst einmal, dass der Mensch sich zur Person und damit seinen Talenten, Stärken, Gaben entsprechend authentisch entwickeln kann. Dass dies zum Zweiten ganzheitlich geschieht. Dass der Mensch sich also nicht nur Fachwissen aneignet und seine kognitiven Fähigkeiten bildet, sondern dass er gleichermaßen kommunikative, soziale und personale Kompetenzen entwickelt. Dass der Mensch zum Dritten verantwortlich gegenüber sich selbst und der und dem anderen, der und dem Nächsten, aber auch der Welt gegenüber handelt. Dahinter steht ein Bildungsverständnis, das ganz auf den Menschen ausgerichtet ist. Und nicht eines, bei dem es darum geht, mit Persönlichkeitsbildung Gewinne zu steigern oder unsere Gesellschaft noch effizienter zu machen. Es geht darum, dass Menschen mit sich glücklich werden und ihr Miteinander friedvoll, human, demokratisch gestalten können.

Kommt dieser Ansatz aus Ihrem theologischen Background?

Ja, letzten Endes basiert das alles auf dem christlichen Menschenbild und dem damit verbundenen Bildungsverständnis: Der Mensch ist, theologisch gesprochen, als Abbild Gottes mit vielen Gaben, Stärken, Talenten und Begabungen geschaffen worden und grundsätzlich in der Lage, Gutes zu tun. Dabei hat er den Auftrag, seine Gaben zum eigenen Wohl, zum Wohle der anderen und zum Wohle der Gesellschaft zu entwickeln.

Persönlichkeitsbildung, wie Sie es beschreiben, entspricht ja nicht unbedingt unserem gesellschaftlichen Verständnis von einem „gebildeten Menschen“.

Da ist die Frage, was unser aller Verständnis ist. Was haben Sie da vor Augen?

Ich denke, dass wir ein humanistisches, geisteswissenschaftliches Bildungsverständnis haben. Jemand, der oder die belesen ist, sich viel Wissen angeeignet hat und intellektuell gut angefüttert ist, gilt allgemein als gebildet.

Auch mein Verständnis beruht auf einem humanistischen Bildungsverständnis. Persönlichkeitsbildung aber bezieht sich nicht allein auf intellektuelle Bildung, die kognitiven Fähigkeiten und das angesammelte Wissen. Für mich bedeutet sie in der Tat, dass es um den ganzen Menschen geht, was ihn ausmacht, was er vermag, was seine Gaben und Talente sind – und das ist von Person zu Person verschieden und muss es auch sein. Es geht aber auch um seine Verantwortlichkeiten. Dabei ist es absolut nicht notwendig, dass alle Menschen alles können. Im Gegenteil können wir uns gut gegenseitig ergänzen. Oder wie es unser Bischof einmal gesagt hat: Der Mensch, der zum richtigen Moment ein Lächeln in sein Gesicht zaubert, ist auch eine gebildete Persönlichkeit.

Messbar und vergleichbar ist diese gebildete Persönlichkeit nicht unbedingt …

Durch entsprechende Prüfungsszenarien könnte man auch diese Fähigkeiten messen. Ich gebe ein Beispiel: Um die Kommunikationsfähigkeit von Menschen zu prüfen, müssen ermöglichende Räume kreiert werden, beispielsweise eine Diskussionsrunde, bei der neben der Argumentationsfähigkeit dann sogar soziales Verhalten wie Teamfähigkeit oder personale Kompetenzen wie Geduld und Durchhaltevermögen bewertet werden können. Meine Vision wäre es, dass wir nicht immer alles mit Noten bewerten, dass Menschen sich auch im bewertungsfreien Raum entfalten können, auch weil die Gefahr groß ist, dass sie ihre Bildung und letzten Endes ihren Selbstwert an diese Noten binden. Dabei können sie durchaus destruktive Kräfte entwickeln, die nicht immer leicht wieder aufzulösen sind. Wie viele Menschen haben sich in ihrem Leben zum Beispiel mit einer schlechten Note in Deutsch quasi zertifizieren lassen, dass sie im Schreiben unbegabt sind, um irgendwann zu entdecken, dass sie sehr wohl ein Schreibtalent haben? Dennoch: Eine gewisse Messbarkeit ist notwendig – zumindest im momentanen System.

Was fehlt Ihnen am momentanen System?

Der Blick auf die Talente und Stärken der und des Einzelnen. Wir sind immer noch sehr auf das Fachliche und auf Fachwissen fixiert und fördern dabei vielfach das Auswendiglernen und Wiedergeben. Die Kreativität und Fantasie, die wir für die Welt der Zukunft genauso dringend benötigen, bleiben oft unberücksichtigt, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

„Reiner Frontalunterricht führt nicht dazu, dass Menschen Stärken und Talente entwickeln oder ihre Persönlichkeit bilden.“

Ihr Buch enthält auch ein Curriculum, also ein Studienprogramm zur Persönlichkeitsbildung. Wie läuft das ab?

Es beginnt damit, dass Studierenden ein Bildungs- und Lernraum geboten wird, innerhalb dessen sie sich ihrer eigenen Person, ihrer Wünsche, Stärken und Talente versichern können. Diese vergleichen sie mit den für ihren beruflichen Werdegang geforderten Fähigkeiten und leiten daraus unter Berücksichtigung der Vorgaben im Studium ihren eigenen Bildungsgang ab. Die Studierenden müssen also für sich definieren, an welchen Stellen sie an ihren Stärken feilen und welche Talente sie weiterentwickeln wollen, aber auch welche Kompetenzen ihnen noch fehlen. Bildung ist ein aktiver Vorgang, den jeder Mensch nur selbst bewerkstelligen kann. Keiner kann einen anderen bilden. Damit das gelingt, muss der Fachunterricht so aufgebaut werden, dass Studierende sich Inhalte, aber auch andere Fähigkeiten aneignen können. Das heißt: Wir brauchen einen hohen Anteil an aktiver Beteiligung der Lernenden. Reiner Frontalunterricht führt nicht dazu, dass Menschen Stärken und Talente entwickeln oder ihre Persönlichkeit bilden. Das machen Experimentier- und Handlungsräume möglich, wo sie im Idealfall auch begleitet und mit Feedback bedacht werden.

In Ihrem Buch fokussieren Sie sich auf die Hochschule. Ist das nicht schon etwas spät?

Definitiv, aber irgendwo müssen wir ansetzen, um unsere Gesellschaft und unser Bildungsverständnis zu verändern. Die Hochschule ist insofern ein guter Ort, als wir dort die zukünftigen Führungskräfte ausbilden: Lehrerinnen und Lehrer, Kindertagespädagoginnen und -pädagogen, Managerinnen und Manager und so weiter. Diese wirken später als MultiplikatorInnen. Eine derartige Bildung an sich selbst erfahren, geben sie diese in ihren eigenen beruflichen und privaten Kontexten weiter. Diese Beobachtung machen wir immer wieder.

Wir sehen uns zurzeit vielen und komplexen Herausforderungen gegenüber. Wie verändern sich angesichts dessen die Anforderungen an die Persönlichkeitsbildung?

Bei der Persönlichkeitsbildung steht der Mensch im Mittelpunkt und ist selbst aktiv, bildet und entwickelt sich selbst, unterstützt andere bei ihrer Bildung und trägt dies in die Gesellschaft. Dieser Aspekt muss unbedingt erhalten bleiben: dass es der Mensch ist, der agiert und eben nicht nur reagiert, dass er es ist, der die Welt gestaltet, auch die digitale, dass der Einfluss darauf, was die Welt ist, beim Menschen bleibt. Die Tatsache, dass die Herausforderungen so komplex sind und immer komplexer werden, ist letztendlich nicht das Problem. Viel wichtiger ist, dass wir uns als Menschen vielfältig in allen Bereichen über das Fachliche hinaus bilden, sodass wir uns mit diesen – oft als Zukunftskompetenzen bezeichneten – Fähigkeiten rüsten. Wenn wir diskussionsfähig, empathisch, teamfähig, verantwortungsbewusst und vieles mehr sind, lässt sich das auf alle Bereiche und Herausforderungen übertragen – ob in der heutigen, der morgigen oder der übermorgigen Welt.

Welche Persönlichkeiten brauchen wir für die Zukunft?

Wir brauchen Menschen, die mit großer Begeisterung, mit viel Herz und Freude, mit ihren Stärken, unter Beachtung des Gegenübers in ihren Wirkungsbereichen wertschätzend und achtsam handeln. Wenn ich mir das für die Gesamtgesellschaft vorstelle – in jedem Bereich –, dann wären wir einem friedvollen Miteinander sehr nah.

Zur Person:
Theologin Ines Weber ist Professorin für Kirchengeschichte und Patrologie an der Katholischen Privat-Universität Linz. Sie leitet das Projekt „gute gesellschaft. Persönlichkeitsbildung“ und ist als Dozentin und Trainerin im Bereich der Persönlichkeitsbildung sowie der Schul- und Hochschuldidaktik tätig.

Buchtipp:
Ines Weber
Mensch. Talent. Zukunft.
Persönlichkeitsbildung an der Hochschule.
Patmos Verlag