Aktuelle
Ausgabe
12/22

„Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt“

„Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt“

Gewalt an Frauen ist noch immer ein Tabu. Was können wir tun, um es zu brechen? Ein Gespräch mit Eliette Thurn, Unionspräsidentin von Soroptimist International Österreich über ein Thema, das keines mehr sein sollte.

Frau Thurn, viele Frauen erleben täglich Gewalt in ihrer Partnerschaft. Gleichzeitig ist es ein Thema, über das noch immer nicht gesprochen wird. Warum?

Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor ein großes Tabu in unserer Gesellschaft und auch die einzige Tat, bei der sich das Opfer mehr schämt als der Täter. Ein Problem ist auch, dass Frauen, die offensichtlich Gewalt erfahren, nicht angesprochen werden. Wir vom Club Soroptimistinnen International haben vor zwei Jahren versucht, darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Opferschutzgruppen in Krankenhäusern sind, die aus Pflegepersonal, ÄrztInnen und PsychologInnen bestehen, und so als erste Anlaufstelle für betroffene Frauen dienen. Denn viele Frauen wissen nach wie vor nicht, wohin sie sich wenden können.

Warum schauen viele Menschen weg, wenn sie mitbekommen, dass eine Frau offensichtlich Opfer von Gewalt wurde?

Es gibt nach wie vor den Glauben, dass häusliche Gewalt eine Privatangelegenheit ist. Das stimmt nicht. Gewalt an Frauen geht uns alle etwas an, deshalb sollten wir auch etwas unternehmen, wenn wir sie mitbekommen. Viele Menschen haben auch Angst, sich einzumischen, oder einfach nur eine mangelnde Zivilcourage. Eine betroffene Frau erzählte mir, dass ihre Nachbarn stets an der Wohnungstür klopften, wenn ihre Kinder zu laut waren, aber nie, wenn ihr Mann sie – ebenfalls lautstark – schlug.

Wenn es zu einem Frauenmord kommt, sind wir schockiert und tief betroffen. Wir versuchen, die Tat zu analysieren und eine Erklärung für sie zu finden. Gibt es die und warum tun wir das?

Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt. Wir suchen sie aber, weil wir glauben, so die Ursache zu finden und das Problem beenden zu können. Es ist auch erschreckend, wie weit verbreitet noch immer die Annahme ist, dass Frauen für die Probleme und Stimmung ihres Partners verantwortlich sind. Dieser patriarchale Gedanke, dass Männer bei Laune gehalten werden müssen, existiert nach wie vor. Gewalt ist jedoch eine Straftat, die nicht zu rechtfertigen ist, egal, was die Frau getan hat.

„Viele Frauen bemerken anfänglich nicht, dass das, was ihr Partner mit ihnen macht, psychische Gewalt ist. Psychische Gewalt läuft subtil und manipulativ ab.“

Wenn wir von Gewalt sprechen, denken wir sofort an die körperliche. Ab wann spricht man aber von Gewalt?

Wir dürfen bei Gewalt nicht nur an die körperliche denken, es gibt verschiedene Formen von Gewalt, insbesondere die psychische. Es gibt auch viele Medien und Orte, wo sexualisierte Gewalt zu finden ist, wie Social Media, der öffentliche Raum, die Schule und der Arbeitsplatz, aber auch die eigenen vier Wände. Es ist schwer festzulegen, ab wann Gewalt beginnt. Ich finde, Gewalt in einer Partnerschaft beginnt dann, wenn ein Mann systematisch versucht, das Sagen zu haben und so keine Beziehung auf Augenhöhe möglich ist. Bei der psychischen Gewalt etwa geht es immer darum, die Frau dominieren zu wollen. Es gibt noch immer eine patriarchale Denkstruktur in unserer Gesellschaft. Als ich das erste Mal diesen Ausdruck hörte, war ich schockiert, wie veraltet er klingt. Aber ich muss leider zugeben, dass er nach wie vor die Problematik am besten beschreibt. Dieser Gedanke, den es bereits seit Jahrtausenden von Jahren gibt, dass Männer mehr wert sind als Frauen, existiert auch heute noch. Wir sehen anhand unserer Zahlen, dass häusliche Gewalt nicht nur ältere Frauen betrifft, sondern auch sehr viele junge Frauen. Ja, viele junge Männer denken heute anders, aber dennoch gibt es einige, die eine patriarchale Erziehung genossen haben. Ich habe den Eindruck, dass viele junge Männer orientierungslos sind. Sie sind in dieser patriarchalen Struktur aufgewachsen, von der sie wissen, dass sie nicht mehr funktioniert, denn Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Mit physischer und psychischer Gewalt versuchen sie, die Kontrolle zu behalten. Das soll keine Entschuldigung für ihr Verhalten sein. Wir wissen aber, dass es mehrere Generationen braucht, damit ein Umdenken stattfinden kann. Leider gibt es auch heute noch viele Eltern, die selbst ihre Töchter nach diesem Gedankengut erziehen. Meine Tochter studiert aktuell und ich habe mitbekommen, wie Mütter die Studienwahl ihrer Töchter beeinflussten. Sie sagten ihnen, dass sie nicht studieren brauchen, sondern sich später einen Mann suchen sollen, der viel Geld verdient und wenn sie studieren, dann sollten sie zumindest einen Beruf anvisieren, der es später zulässt, dass sie sich gut um die Familie kümmern können. Das heißt, die Meinung, dass ein Mann für die Familie finanziell sorgt, wird weitergetragen, und viele junge Frauen haben somit nicht den Anspruch, auf eigenen Beinen zu stehen. Somit sind sie später vom Mann abhängig. Und wir wissen, dass Abhängigkeit ein starker Grund ist, warum Frauen sich schwer aus Gewaltbeziehungen lösen können.

Viele Frauen, die psychische Gewalt in ihrer Partnerschaft erleben, entwickeln über die Jahre eine hohe Toleranzgrenze und lassen sich sehr viel von ihren Partnern gefallen. Warum?

Viele Frauen bemerken anfänglich nicht, dass das, was ihr Partner mit ihnen macht, psychische Gewalt ist. Psychische Gewalt läuft subtil und manipulativ ab. Es gibt viele betroffene Frauen, die erzählen, dass sie immer davon überzeugt waren, dass ihnen das nicht passieren kann, weil sie sich das nicht gefallen lassen würden. Und plötzlich finden sie sich in einer Gewaltspirale gefangen und lassen ganz schön viel über sich ergehen. Viele Frauen werden blind oder taub gegenüber den Grenzüberschreitungen ihrer Partner. Zudem isoliert der Mann seine Partnerin oft von ihren FreundInnen und ihrer Familie, es bräuchte Bezugspersonen von außen, die ihnen verdeutlichen, dass sie Opfer von Gewalt sind. Es braucht auch starken Halt von außen, um die Kraft aufzubringen, so eine Partnerschaft zu beenden.

Wie bemerken Frauen nun, dass sie es mit Gewalt zu tun haben?

Die Frauen bemerken, dass es Gewalt ist, weil es ihnen nicht gut geht. Eigentlich würden sie ganz gut spüren, dass etwas nicht stimmt, sie denken ihr Gefühl aber weg. Viele Frauen hoffen auch darauf, dass sich ihr Partner ändern wird. Aber kein Mann, der einmal Gewalt ausgeübt hat, wird ohne fremde Hilfe aus seinem Verhalten herauskommen.

Ist häusliche Gewalt an eine soziale Schicht gebunden oder kann sie jede Frau treffen?

Häusliche Gewalt ist an keine soziale Schicht gebunden. Häusliche Gewalt findet quer durch alle Einkommensschichten und Bildungsniveaus statt und jede Frau kann Opfer von Gewalt werden. Aber natürlich, Frauen, die finanziell unabhängig sind, tun sich leichter, aus der Spirale auszusteigen, vor allem, wenn es gemeinsame Kinder gibt, denn zusätzlich zu der Kraft, die man aufbringen muss, um zu gehen, kommt dann noch die Sorge um die Kleinen.

„In Krisenzeiten verlassen Frauen ihre gewalttätigen Männer tendenziell weniger.“

In den Medien wurde immer wieder davon berichtet, dass es während der Coronapandemie vermehrt häusliche Gewalt gab. Haben Sie das auch beobachtet und welchen Einfluss haben Krisen auf Gewaltbeziehungen?   

In Krisenzeiten verlassen Frauen ihre gewalttätigen Männer tendenziell weniger. Das haben wir auch während der Coronapandemie gesehen, hier ließ sich ein Trend erkennen. Im Jahr 2021 suchten weniger Frauen Schutz in Frauenhäusern, gleichzeitig wendeten sich aber mehr an Beratungsstellen und es wurden auch mehr Annäherungs- und Betretungsverbote gegenüber Männern ausgesprochen. Frauen halten in Situationen durch, die für sie untragbar sind, vor allem, wenn sie Kinder haben. Statistiken zeigen aber, dass Kinder, die in Gewaltfamilien aufwachsen, als Erwachsene zu 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit selbst Opfer oder Täter werden. Mädchen werden später eher gewalttätige Partner wählen, und Buben werden wahrscheinlicher selbst Gewalt ausüben. Es bräuchte mehr Unterstützung für Kinder aus Gewaltfamilien.

Im Jahr 2021 wurden knapp 13.700 Annäherungs- und Übertretungsverbote ausgesprochen, bis Ende Juli dieses Jahres waren es bereits 9.500. Bieten sie ausreichend Schutz für Frauen?

Wird ein Annäherungs- und Betretungsverbot ausgesprochen, müssen die Betroffenen zu einem verpflichtenden psychologischen Beratungsgespräch. Wir sind in Kontakt mit den Beratungsstellen, deshalb wissen wir, dass sie von den Männern gut angenommen werden. Viele erkennen, dass sie Gewalt ausüben und lassen sich auf eine längerfristige Therapie ein. Es hilft aber nicht bei allen Männern und wie wir gesehen haben, kann es dennoch zu einem Frauenmord kommen. Härtere Strafen für gewalttätige Männer sind nicht die Lösung des Problems. Als wir im Jahr 2014 eine hohe Zahl an Frauenmorden hatten, fokussierte sich die Politik darauf, mehr Geld in Frauenhäuser zu investieren und höhere Strafen für Täter zu verhängen. Langfristig wirkt das sehr wenig, es bräuchte ein präventives Handeln, um das Problem bei der Wurzel zu packen. Wir müssen Kinder anders erziehen, und hoffen, dass dies den Wandel bringt. Wir unterstützen viele Projekte, die sich dafür einsetzen, Buben aufzuzeigen, dass Gewalt strafbar und keine Lösung ist und Mädchen, ihre Grenzen wahrzunehmen und diese auch schneller zu setzen.

Zur Person:
Eliette Thurn, 54 Jahre, ist Unionspräsidentin von Soroptimist International Österreich. Soroptimist International wurde vor 100 Jahren in den USA gegründet, mit dem Ziel, die Stellung und Bedingungen der Frauen zu verbessern. Gewalt an Frauen war dabei immer im Fokus. Im Jahr 1929 entstand auch der erste Club in Österreich. Seitdem setzen sich die Soroptimistinnen für die Gleichberechtigung von Frauen in verschiedenen Bereichen ein. Bei ihrer Kampagne „Orange the World“ werden von 25. November bis 10. Dezember weltweit bekannte Gebäude orange beleuchtet, um auf das Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen.