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01-02/24

„Es fehlt der Mut, secondhand zu schenken“

„Es fehlt der Mut, secondhand zu schenken“
Foto: AdobeStock

Evelyn Rath ist Zero-Waste-Expertin und lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern weitgehend müllfrei. Wie sich gerade auch zu Weihnachten Abfall vermeiden oder reduzieren lässt, erklärt sie im Interview.

Frau Rath, Sie leben mit Ihrer Familie seit acht Jahren nach dem Zero-Waste-Prinzip – wie kann man sich das vorstellen?

Es hat mit einem Experiment begonnen und jetzt könnte ich es mir nicht mehr anders vorstellen. Wir leben nicht komplett müllfrei, aber weitgehend: Pro Jahr kommen wir auf ungefähr eineinhalb gelbe Säcke Plastikmüll. Wir kaufen viele Lebensmittel unverpackt und vieles gebraucht.

Österreichs Haushalte produzieren laut Statistik jährlich fast 1,5 Millionen Tonnen Restmüll, das sind etwa 165 Kilogramm pro Person. Gerade zu Weihnachten fällt mit Geschenkpapier und Verpackungen rund 20 Prozent mehr Abfall an. Wie kann man Müll einsparen, ohne auf ein schönes Fest verzichten zu müssen?

Generell würde ich dazu raten, die materiellen Ansprüche herunterzuschrauben. Wir lassen uns oft von einem Perfektionsanspruch leiten, wie das Fest sein sollte, und letztendlich ist Weihnachten die stressigste Zeit im Jahr. Ich würde sagen: die Ansprüche nicht auf das perfekte Fest legen, sondern auf Gemeinsamkeiten – zum Beispiel in der Familie gemeinsam Kekse backen. Dabei sollte es nicht darum gehen, dass die Kekse perfekt sind, sondern es geht um die gemeinsame Aktivität. Ich habe vor kurzem im Rahmen eines Zero-Waste-Projekts mit den TeilnehmerInnen Furoshiki-Tücher genäht. Die Idee kommt aus Japan, und es handelt sich dabei um Mehrwegtücher, mit denen man zum Beispiel Geschenke verpacken kann. Man kann dafür Stoffreste oder alte Vorhänge verwenden. Die Tücher lassen sich auch gut als Tischdecke verwenden.

„Auch für Beschenkte ist es oft eine Last, wenn sie die zehnte in Zellophan verpackte Kerze bekommen.“

Wird der Perfektionsanspruch, von dem Sie sprechen, gerade auch von den geschönten Bildern in den sozialen Medien geschürt?

Ja. Allerdings stelle ich auch eine Gegenbewegung in Richtung Entschleunigung, Reduktion fest. Und wenn das auch noch einen ökologischen Mehrwert hat, ist es umso besser. Durch die Preissteigerungen stehen viele Familien auch finanziell vor großen Herausforderungen. Wenn man reduzierter lebt, spart man tatsächlich etwas ein.

Was raten Sie beim Schenken?

Früher habe ich schon im November Panik beim Abarbeiten der Geschenkelisten bekommen. Jetzt weiß ich: Weniger bedeutet weniger Arbeit. Es ist schön, seinen Liebsten etwas zu schenken, aber sogenannte Verlegenheitsgeschenke, die mehr oder weniger Freude bereiten, lassen sich gut vermeiden. Auch für Beschenkte ist es oft eine Last, wenn sie die zehnte in Zellophan verpackte Kerze bekommen. Besser wäre es, weniger und dafür gut überlegt zu schenken. Was immer noch fehlt, ist der Mut, gebraucht zu schenken. Das ist immer noch ein Tabubruch. Bei Spielzeug ist das zwar schon etwas weiter verbreitet, bei uns Erwachsenen ist es aber immer noch ein Tabu, zu sagen: „Ich kaufe das nicht neu, nicht, weil du es mir nicht wert bist, sondern aus ökologischen Gründen oder damit du ein Unikat hast.“

Das sollte man im Vorfeld offen besprechen, oder?

Ja, es wird auch nicht in jedem Umfeld möglich sein, aber man kann es einmal ansprechen. Man spricht ja auch vorher ab, ob man wichtelt, gemeinsam etwas schenkt oder auch gar nichts schenkt. Da kann man auch sagen: Wir schenken secondhand oder vintage – das klingt besser als „gebraucht“.

Schenken Sie persönlich secondhand?

Bei Spielsachen, ja. Bei uns Erwachsenen schenken wir das, was uns am meisten fehlt, und das ist Zeit. Das heißt, mein Mann und ich fahren gemeinsam ein paar Tage miteinander fort.

Wie halten Sie es in Ihrer Familie mit den Geschenken?

Meine Kinder sind in einem Alter, in dem das Spielzeug langsam zum Auslaufmodell wird. Wir kaufen gebraucht und verkaufen die Spielsachen weiter. Die Schachteln bewahren wir auf, dann kann man die Sachen gut weiterverschenken. Plastikspielzeug ist quasi unverwüstlich. Für die älteren Kinder ist Kleidung/Styling und auch Beauty ein großes Thema. Kleidung kann man gut secondhand kaufen, exklusive Haarseifen kommen bei uns ebenfalls gut an. Die Kinder sind sehr experimentierfreudig. Ich habe auch einmal Abschminkpads für sie genäht. In Summe soll es Spaß machen und nicht moralisierend daherkommen.

„Es gibt Großeltern und Verwandte, die sehr gerne schenken, und da kann man sich schon fragen: Geht es dabei um das Kind oder um das eigene Bedürfnis?“

Manche sind – aus gesundheitlichen und Umweltgründen – gegen Plastikspielzeug. Wie stehen Sie dazu?

Dass man gerade bei kleinen Kindern lieber zu Holzspielzeug als zu Plastikspielsachen greift, kann ich gut verstehen. Aus ökologischen Gründen finde ich es aber unsinnig, neuwertiges Holzspielzeug zu kaufen, wenn Plastikspielzeug bereits vorhanden ist. Dieses wegzuwerfen, macht für mich keinen Sinn.

Wie überzeugt man schenkfreudige Großeltern und Verwandte davon, weniger zu schenken, ohne den Familienfrieden zu gefährden?

Es gibt Großeltern und Verwandte, die sehr gerne schenken, und da kann man sich schon fragen: Geht es dabei um das Kind oder um das eigene Bedürfnis? Man sollte das Gespräch suchen und dann klappt es oder es klappt nicht. Manche Dinge brauchen Zeit.

Thema Ernährung: Ist bio automatisch besser? Manchen sind Biolebensmittel zu teuer.

Wir sind durch den Umstieg heikler geworden. Wir sind gutes Gemüse und Obst aus der Region gewohnt. Wenn man das einmal für sich entdeckt hat, will man nicht mehr beim Diskonter einkaufen. Und: Es zahlt sich immer aus! Wenn man Gebrauchsgegenstände gebraucht kauft, kann man viel einsparen! Man kann zum Beispiel ein Mobiltelefon um 400 Euro gebraucht kaufen, statt neu um 800 Euro – mit dem Eingesparten könnte man viel Milch vom Biobauern kaufen!

Lebensmittelabfälle machen einen Großteil des Haushaltsmülls aus. Wie kann man sie reduzieren?

Ganz einfach: durch Resteverwertung. Da sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Übrig gebliebenes Essen oder Kekse lassen sich auch gut einfrieren. Gemüse und Obst kann man auch zu Chutneys oder Marmeladen verarbeiten. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, vorauszudenken, und bereite schon im Spätsommer Marmeladen und Chutneys als Weihnachtsgeschenke vor.

Viele bestellen ihre Geschenke im Internet. Wie lässt sich der Onlineeinkauf umweltfreundlich gestalten?

Regional zu kaufen, wäre natürlich ideal, aber an Onlinekäufen führt kein Weg vorbei. Entscheidend ist aber immer die letzte Meile: Wie kommt etwas zur Haustür? Beim Thema Verpackung tut sich einiges in Richtung Mehrwegverpackungen, wiederverwendbare Taschen und Boxen, es bleibt jedoch das Problem des Transportwegs. Wenn ich Gebrauchtes kaufe, gebe ich die Postleitzahl ein und schaue, wer in der Umgebung etwas anbietet.

Sollte man aus Klimaschutzgründen lieber auf einen Christbaum verzichten?

Bei uns geht’s nicht ohne Christbaum. Wir haben einmal einen Christbaum gemietet, aber ehrlich gesagt: Es war teuer, wir mussten eine Stunde zum Abholen hinfahren und unterm Strich hat es sich für uns nicht ausgezahlt. Wir haben weiterhin einen eher kleinen Baum, der in der Gegend abgeschnitten wurde – das ist unser Kompromiss. Ich hätte gerne einen wiederverwendbaren Deko-Christbaum aus Holz, ich muss aber noch an der Akzeptanz in der Familie arbeiten. Ich erlebe auch, dass immer mehr Leute sagen: Ich brauche keinen Christbaum, ein hübsches Gesteck ist auch in Ordnung.

Haben Sie sonst noch Tipps für ein nachhaltiges Weihnachtsfest?

Sehr empfehlen kann ich die Plattform WIDADO (widado.com). Dort findet man Second-Hand-Produkte von sozialen Betrieben aus ganz Österreich. Eine besonders trendige Geschenkidee sind Handtuch-Haarturbane. Man kann sie im Handel kaufen oder auch ganz einfach aus alten Handtüchern nähen. Eine Anleitung gibt es zum Beispiel hier.

Foto: Silvia Lambauer

Evelyn Rath ist Rednerin, Autorin, Müllfrei-Expertin und Mutter von vier Kindern im Alter von acht, elf, zwölf und 15 Jahren.

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  • Veröffentlicht: 27.11.2023
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