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Eitelkeit? Selbstliebe!

Warum das „Außen“ Perfektion vortäuscht und das „Innen“ – trotz unvollkommener Hülle – gepflegt werden will.

Auf der Suche nach Gott tritt sie in die Kirche. Die Tür ist offen. Drinnen brennen Kerzen und es riecht nach Nelken, die jemand auf den Altar gestellt hat. Sie setzt sich. Lange war sie nicht mehr hier. Doch schon bald tut ihr auf der harten Bank der Rücken weh. „Das musst du aushalten“, ermahnt sie sich, aber vor lauter Aushalten vergisst sie, wonach sie sucht, und nach einer halben Stunde geht sie unverrichteter Dinge nach Hause.

Gott hat sie sich immer erhaben vorgestellt. Einer, der in einem Haus wohnt, dessen Säulen in den Himmel ragen, muss einfach erhaben sein. Gold ist sein Kleid. Ihre Kleider dagegen hängen wie Säcke an ihrem unförmigen Körper. Das hat ihre Mutter mal gesagt, und sie hat es nie vergessen. Obwohl es schon Jahrzehnte zurückliegt. Heute sieht sie auf Instagram Pastellfotos perfekt ausgeleuchteter Frauen, deren feingliedrige Hände einen Becher Kräutertee mit dem schönen Namen „Seelenzauber“ umfassen.

Manchmal lächeln sie auch aus einer komplizierten Yogapose entspannt in die Kamera. Dazu posten sie den Hashtag #Selbstliebe, als sei es das Normalste der Welt. Ihr ist das fremd. Sie würde wetten, dass ihre Mutter das Wort nicht mal kennt. „Ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach …“, murmelte sie Woche für Woche. Die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt.

Vergesst nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt. Verehrt Gott in eurem Körper.
Die Bibel, 1. Korinther 6, 19–20

Selbstliebe klingt verdächtig nach Eitelkeit, denkt sie. Eine der Hauptsünden, hat sie gelernt. Die von Gott ablenken. In dieser Nacht träumt sie, dass sie mit Gott Verstecken spielt. Auf einmal ist sie wieder Kind in ihrem rotgepunkteten Lieblingsrock. „Mäuschen, mach mal Piep!“, ruft sie, und Gott ruft „Piep“. Aber sie kann Gott nirgends finden, nicht hinterm Sofa, nicht unterm Bett, nicht im Schrank. „Näher“, flüstert Gott, „viel näher“, und die Stimme scheint eindeutig aus ihrem Bauch zu kommen.

Was man für einen Unsinn zusammenträumt, denkt sie beim Aufwachen. Trotzdem cremt sie sich an diesem Morgen besonders sorgfältig ein. Sie lässt keinen Zentimeter und keine Delle ihres Körpers aus, der plötzlich so viel mehr sein könnte als eine unvollkommene Hülle für Herz, Niere, Lunge und ein paar Meter Blutgefäße.

Erschienen in der „Welt der Frauen“-Ausgabe Oktober 2021

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