Aktuelle
Ausgabe
12/22

Eine Konstante, ein Fels in der Brandung, eine Säule für eine Nation – „Her Majesty The Queen“

Eine Konstante, ein Fels in der Brandung, eine Säule für eine Nation – „Her Majesty The Queen“

Mutter, Frau, Monarchin - Möge die Erde ihr leichter sein, als ihre Funktion es je war.
Ein Blick auf die disziplinierte Queen Elisabeth II.

Sie war jene bunte Hutträgerin, die wir von Kindesbeinen an kannten. Sie war diese Lady, der Inbegriff royaler Haltung. Sie war weltweites Symbol für Stabilität und Zusammenhalt. „Würstchen“ nannte ihr Ehemann Prinz Philipp sie, während sie für die Menschen die lebendig gewordene Disziplin verkörperte. Wenngleich man wusste, dass sie nicht unsterblich sein kann, taucht es Großbritannien und die Welt in Trauer, dass Queen Elisabeth II. nicht mehr ist.

Ihre Biografie liest sich wie eine von Menschenhand gezeichnete Geschichte: In das Königshaus hineingeboren, kommt „Lissy“ am 21. April 1926 in Mayfair, London, als Elizabeth Alexandra Mary zur Welt. Hätte sie sich diese Familie, dieses Leben ausgesucht, wenn sie die Wahl gehabt hätte? Ihre hochwohlgeborenen Eltern sind Angela Marguerite Bowes-Lyon und Prince George, Duke of York – das spätere Königspaar der Briten. Sie ist zehn Jahre alt, als ihre Eltern zu König und Königin gekrönt werden, weil der eigentliche König und Onkel seine privaten Belange den Bedürfnissen der Monarchie vorzog und eine geschiedene, bürgerliche Frau heiratete.

„Was man ihr öffentlich oft als Strenge vorwarf, war nichts anderes als eiserne Disziplin.“

Eine fast unbeschwerte Jugend
Was viele nicht wissen: Die junge Liz war als Jugendliche bei den Pfadfindern und ließ sich sogar während des 2. Weltkrieges zur Automechanikerin ausbilden. Im Alter von 21 Jahren lernte Elisabeth ihre große Liebe kennen, den fünf Jahre älteren Marineleutnant Philip Mountbatten, ein gutaussehender Adeliger mit deutschen Wurzeln. Sie entschied sich, entgegen vieler Einflüsterer, ihren Liebsten zu ehelichen. Eine Liebesheirat also. Ein bisher eher seltener Status Quo im britischen Königshaus. Rückblickend ein erster markanter Ausdruck ihrer Durchsetzungskraft und Willensstärke.

Vier Kinder krönten die Liebe
Aus der glücklichen Ehe der beiden gingen insgesamt vier Kinder hervor: Charles (geboren 1948), Anne (1950), Andrew (1960) und Edward (1964). Vermeintliche Eskapaden und Ausrutscher menschlicher sowie verbaler Art ihres Mannes Prinz Philipp konnten ihre Mine nicht beeinflussen. Die Fassade zu wahren, standhaft und diszipliniert die Ruhe zu bewahren waren ihre unangefochtenen Stärken. Sie löste ihre Herausforderungen niemals mit einem Weglächeln. Das Wegschweigen und Aussitzen beherrschte sie hingegen mit Excellence.

Was man ihr öffentlich oft als Strenge vorwarf, war nichts anderes als eiserne Disziplin. 14 britische Premierminister – von Winston Churchill bis zu Boris Johnson – überdauerte sie, gelobte kurz vor ihrem Ableben als letzten öffentlichen Auftritt die nun amtierende Premierministerin Liz Truss an. Die 1,63 Meter kleine Frau war eine Große. Nicht nur, weil sie bis weit über ihren 80. Geburtstag hinaus Pumps trug. Sondern vor allem, weil sie in politisch schweren Zeiten ihr Schiff mit Stärke und Contenance zu lenken wusste.

„In über 50 Jahren hat die Queen nur zweimal bei der jährlichen Eröffnung des Parlaments in London gefehlt: 1959 und 1963, als sie mit Prinz Andrew und Prinz Edward schwanger war.“

Queen des Pflichtbewusstseins
Ein Arbeitstier als Königin: In über 50 Jahren hat die Queen nur zweimal bei der jährlichen Eröffnung des Parlaments in London gefehlt: 1959 und 1963, als sie mit Prinz Andrew und Prinz Edward schwanger war. Auch sonst war sie immer zu Stelle, wenn der britische Wind rauer wurde. Doch das weibliche Staatsoberhaupt hatte wenig wirkliche politische Macht, ganz im Gegensatz zu ihren royalen Vorfahren, die noch über ein ganzes Weltreich herrschen mussten.

Seit 1688 ist England eine konstitutionelle Monarchie. Das heißt, die Rechte der Monarchen sind von der Verfassung eingeschränkt. Die politische Macht hat das demokratisch gewählte Parlament. Und dennoch: Mit nur 27 Jahren zur Königin gekrönt zu werden, in einer Zeit ein Land zu regieren, in der von Gleichstellung oder Gleichberechtigung noch längst keine Rede war, von der jungen Frau und Mutter zur anerkannten und geachteten Monarchin zu werden, war ein Kraftakt. Als sie am 6. Februar 1952 zur Königin wurde, erbte sie die Krone in einer Zeit, als Großbritannien noch ein Weltreich war, Stalin die UdSSR und Mao China mit eiserner Hand regierten und sich in einer fernen Kolonie ein Aufstand anbahnte. Wenn das kein politisches Geschick ist, in diesen Wogen das Schiff in ruhigere Gewässer zu führen?

Auch wenn sie zeitlebens eine repräsentative Funktion innehatte: Zumindest theoretisch hätte die Königin auch Premierminister entlassen oder Bischöfe und RichterInnen einsetzen können. Sie hätte es jedoch niemals gewagt. 70 Jahre lang stand Queen Elisabeth II. schließlich an der Spitze des Vereinigten Königreichs. Der größte Teil der britischen Gesellschaft und der Welt kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass je eine andere Person im Buckingham Palace das Sagen hatte. Ihr Gesicht war es, das einem vor Augen war, wenn der Begriff „Queen“ gefallen ist. Selbst wenn ihre Mutter, Queen Mum, ebenfalls ein Original war und mit dem Erreichen eines gesegnet hohen Alters den Briten für immer im Herzen bleiben wird.

„14 britische Premierminister – von Winston Churchill bis zu Boris Johnson – überdauerte sie, gelobte kurz vor ihrem Ableben als letzten öffentlichen Auftritt die nun amtierende Premierministerin Liz Truss an.“

Die Nachricht über das Erbe eines Königreichs
„Das erste Mal in der Weltgeschichte kletterte ein junges Mädchen als Prinzessin auf einen Baum und stieg am nächsten Tag als Königin hinunter“, notierte ein Mann im selben Baumhaushotel in Kenia, wo auch Elisabeth genächtigt haben soll, als sie erfahren hat, dass ihr Vater verstorben sei und sie zur Queen avancierte. Ihr Sohn Charles, der mit über 70 Jahren der längste Thronfolger aller Zeiten ist, durfte beim Ableben seiner Mutter zumindest an ihrer Seite sein. Jene Innigkeit, die ihre royalen Verpflichtungen wohl in seinen Kindertagen oftmals verhinderten, war ihm zuletzt erlaubt. Ob er den Tag schon herbeisehnte, um endlich König zu sein? Oder ob er vielleicht niemals eine Krone tragen wollte? Ob die Enkelsöhne William und Harry ihr das Schweigen nach dem Tod von Prinzessin Diana verziehen haben? „Sie ist vielleicht Mutter und Großmutter, aber letztendlich ist sie der Boss!“ brachte es William, Thronfolger von Charles, einmal in einem Interview auf den Punkt.

Boss, Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, Monarchin, Repräsentantin, Britin, Gläubige, Hundeliebhaberin, Pferdebesitzerin, Kostümträgerin, Hutsammlerin, die bei der Mondlandung, Margaret Thatchers Angelobung und dem Anschlag auf John F. Kennedy ebenso regierte, als auch während des Brexits.

Queen Elisabeth ist tot. Möge die Erde ihr leicht sein, leichter als das Los, das sie im Leben gezogen hatte. Und möge sie mit ihrem besten Freund, Liebsten, Ehemann und Prinzen Philipp wieder vereint sein.