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Eigensinnig macht einmalig
„Du Dickkopf!“ Früher war Eigensinn verpönt, heute erkennt man ihn als wichtiges Element für Kreativität und den Fortschritt einer Gesellschaft. Wo er echt ist, tut der Eigensinn aber auch heute immer noch ganz schön weh.

Diese Person war beunruhigend. Heftig schwang sie sich mit ihren Krücken durch die Mittelreihe des U-Bahn-Wagens und rief in strengem, grellen Ton: „Geben Sie mir etwas für meinen Lebensmut!“ So durchstreifte sie regelmäßig die Berliner U-Bahnen, man erkannte sie schon an der Stimme und wagte nicht hinzusehen, denn die Person war schrecklich ausgezehrt bis auf die Knochen und von papieren blasser Haut. Um die Handgelenke hatte sie Fetzen gewickelt und auf dem Kopf trug sie eine Art Turban. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, während die Nase scharf hervortrat; und ob dieses Gespenst männlich oder weiblich war, ließ sich nicht erkennen. Aber stolz und mit unheimlicher Energie forderte es Geld als Belohnung für seinen Lebensmut.

Ist das Eigensinn? Die Städte sind voll mit bettelnden Menschen, und es sind wirkliche Originale unter ihnen, in ihrem Sosein nicht zu stoppen. Sie stehen am Rand der Gesellschaft.

EIGENSINN KANN NICHT ANDERS

Aber genau das ist der Weg des Eigensinns: eine Gratwanderung zwischen Dazugehören und Alleinsein, die Mut erfordert oder auch einen gewissen Wahnsinn.

Die englische Übersetzung von Eigensinn ist „obstinacy“, also Sturheit, Starrsinn, Hartnäckigkeit. Der Eigensinn hat keinen guten Leumund, und tatsächlich hat er etwas mit Unbeweglichkeit zu tun, mit Festhalten, Nicht-Loslassen, Beharren auf dem eigenen Standpunkt. „Sei nicht so dickköpfig!“ Wer hat das nicht schon einmal gehört? Wichtig ist aber, daran zu erinnern, dass Eigensinn nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung ist oder eine einfach zu steuernde Eigenschaft. Richtig eigensinnige Menschen können sich nicht einfügen – es sei denn, sie erstickten. Gut drückt das der Martin Luther zugesprochene Satz aus:

Hier stehe ich und kann nicht anders.

Auch wenn es von außen so aussehen mag, als sollten sich die Starrköpfe einfach nur zusammenreißen, es geht nicht, denn Eigensinn ist keine Sache der ganz freien Wahl.

EIGENSINN TUT WEH

Dass Eigensinn nicht immer gern gesehen ist, versteht sich von selbst, denn er ist anstrengend, und zwar nicht nur für die anderen, sondern auch für die eigensinnigen Menschen selbst. Sie führen ja einen Kampf, und nicht selten bezahlen sie ihn mit Einsamkeit, Depressionen oder körperlicher Krankheit – wenn sie nicht sehr robust sind oder ein gutes Umfeld haben. Oder wenn nicht ihre Zeit oder soziale Stellung ihnen Extravaganzen erlaubt: Eine Simone de Beauvoir konnte im Paris der 1950er-Jahre ihren Eigensinn schon ganz anders ausleben als eine Ende des 19. Jahrhun­derts im viktorianischen England erzogene Virginia Woolf. Doch beide waren extrem eigenwillige Schriftstellerinnen und, wie es sich gehört, keine einfachen Personen.

EIGENSINN TUT GUT

Zum Eigensinn gehört, sich von Urteilen und Meinungen der anderen nicht beirren zu lassen. Das kann schmerzlich sein auch für die Menschen, die den Eigensinnigen nahestehen, sie lieben und zu ihnen halten müssen. Nicht selten schämen sich Kinder für ihre eigensinnig-verrückten Eltern.
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Andererseits: Jeanne d’Arc und Pippi Langstrumpf, Mary Stewart und Madame Bovary, Katharina die Große und Anna Karenina – Geschichte und Geschichten schreiben nur die Eigensinnigen. Das ist die andere Seite der Medaille.

Es tut gut, dass es einige gibt, die nicht auf die anderen hören, denn paradoxerweise entwickelt sich ohne eine gewisse „Asozialität“ keine Gesellschaft weiter. Es gäbe keinen Widerstandskampf und keine Frauenbewegung ohne den Eigensinn und den Mut, sich dem Zeitgeist entgegenzustellen, sich um Konventionen nicht zu scheren.

Was der Gesellschaft guttut, ist auch für die Individuen nicht falsch. In ihrem Buch „Eigensinn“ erinnert die Psychologin, Publizistin und ehemalige Kolumnistin von „Welt der Frau“, Ursula Nuber:

Zum Eigensinn muss man ermutigt und erzogen werden.

Wer nicht gelernt hat, dass der eigene Wille zählt, könne keinen Eigensinn entwickeln. Eigensinn sei nicht zu verwechseln mit Egoismus, sondern sei ein klares Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und daher auch das beste Mittel gegen Burn-out und Depression.

EIGENSINN IST (KEINE) MODE

Das klingt wie eine Befreiung, gerade auch für Frauen, denen zu lange beigebracht wurde, sich unterzuordnen und anzupassen. Eigensinnige Frauen wurden als Hexen verfolgt, Wahnsinn wurde ihnen nachgesagt. Die Ständegesellschaft brauchte keine Querköpfe (auch wenn es immer welche gab), aber die moderne Gesellschaft ist eine, die sich stets weiterentwickeln will, daher gelten Autoritäten und feste Konventionen weniger als früher. Es steigen der Wert und auch der Nutzen des individuellen Ausdrucks, immer mehr Menschen dürfen, wollen und sollen auch eigensinnig sein.

EIGENSINN TUT ETWAS

Echter Eigen-Sinn will gar nicht in erster Linie eigensinnig sein; die eigensinnige Einzigartigkeit ist eher ein Nebenprodukt. Sie entsteht im Handeln, im Leben. Eigensinn ist der Sinn für das Eigene, aber auch das eigene Gespür für die Sache, um die es geht. Er ist weder Zweck noch Mittel, sondern eine Weise zu sein. Die allerdings kann jeder und jede entwickeln und auch üben, meint Ursula Nuber.

Also: Tun, was man glaubt tun zu müssen und sich nicht so sehr beirren lassen. Wenn alle eigensinnig sein wollen, ist es vielleicht besonders eigensinnig, da nicht mitzumachen. Auf eigensinnige Weise
natürlich.

Bühnen-Allrounderin Eva Billisich (53) brennt für vieles.

„Der Sinn für das Eigene braucht Ausdruck“

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Erst war Eva Billisich Kabarettistin, dann Kinderbuch- und Musicalautorin, Palliative-Care-Begleiterin und CliniClown, jetzt ist sie Sängerin und Schauspielpatientin für angehende MedizinerInnen. „Bei allem, was ich tue, verlasse ich mich auf meine Intuition. Das Leben per se hat keinen Sinn. Also müssen wir den Sinn für das Eigene herausfinden“, sagt sie. Eigensinn sei also eine sinnliche Erfahrung und habe nichts mit Verkopft- oder Sturheit zu tun: „Wo es uns hinzieht, lässt sich nur erspüren“, sagt sie.

Kinder brächten das Gespür für das Eigene von Natur aus mit, doch leider werde es oft unterbunden: „Sobald wir Kinder lehren, eigenständig zu denken, wachsen Persönlichkeiten heran, die dem Leben einen individuellen Sinn geben können. Nicht umsonst schwärmt meine 16-jährige Tochter von LehrerInnen, die aus der Reihe tanzen, Bewusstsein für sich selbst ausstrahlen und auch die Kinder dazu inspirieren.“

Sie sind eigensinnig, wenn…

es Sie wenig interessiert, was andere von Ihnen denken.

Sie keine Angst haben, sich lächerlich zu machen.

Sie sich nicht mit anderen vergleichen.

Sie wissen, dass Sie Dinge selbst beeinflussen können.

Sie nicht über verschüttete Milch grübeln.

Sie wertschätzend mit sich umgehen.

Sie in Stresssituationen einen eigenen Sinn sehen.

Sie sind nicht eigensinnig, wenn…

Sie oft darüber nachdenken, was andere von Ihnen halten.

Ihnen das Wort „Entschuldigung“ allzu häufig über die Lippen kommt.

Sie „FreundInnen“ haben, die Ihnen eigentlich nicht viel bedeuten. Aber Sie bringen es nicht fertig, sich von diesen Menschen zu distanzieren oder die Beziehung abzubrechen.

Sie meist automatisch Ja sagen, wenn Sie eingeladen oder um einen Gefallen gebeten werden,

Sie jemand mit einer dummen Bemerkung verletzt, sie getroffen sind, aber nichts sagen.

es Menschen in Ihrer Umgebung gibt, von denen Sie sich ausgenutzt fühlen.

Sie es nur schwer aushalten können, dass andere Menschen sich über Sie ärgern oder enttäuscht von Ihnen sind.

Sie manchmal Klartext reden möchten, aber die Bemerkung dann doch wieder hinunterschlucken.

„Es hat ja doch keinen Sinn“, denken Sie.

Sie auf ein Wunder hoffen: Vielleicht verlässt der tyrannische Chef die Firma, vielleicht gewinnen Sie im Lotto, vielleicht verliebt sich der ungeliebte Partner in eine andere Person, dann wären Sie endlich frei.

 

D Diese Beschreibungen sind Ursula Nubers Buch entnommen: Eigensinn. Die starke Strategie gegen Burn-out und Depression – für ein selbstbestimmtes Leben. / Fischer Verlag /  15,50 Euroiese Beschreibungen sind Ursula Nubers Buch entnommen: Eigensinn. Die starke Strategie gegen Burn-out und Depression für ein selbstbestimmtes Leben. / Fischer Verlag /  € 15,50 (A)

 

 

 

 

 

Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger (35) ist mit einer Frau verpartnert.

„Eigensinn braucht die Gemeinschaft“

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Schon als Kind folgte Marianne Pratl-Zebinger allem, was ihr Herz erfuüllte. So war es, als sie beim Hören religiöser Musik eine „spirituelle Sehnsucht“ verspuürte und fortan jeden Sonntag zur Kirche ging. Und so war es auch später, als sie Theologie studierte und sich mit einer Frau verpartnerte. In ihrer Familie war stets Raum für „dasjenige, was zu einem gehört“.

Inzwischen ist die Grazerin evangelische Pfarrerin in Leibnitz und lockt Junge, Alte und sogar Flüchtlinge zu ihren Predigten. Warum? Weil sie alle darin bestärkt, ihren Eigen-Sinn in der Gemeinschaft zu leben: „Je mehr unterschiedliche Gegenuüber es gibt, umso besser kann jeder seine Identität stärken, Grenzen und Werte erspuüren, Verwurzelung erfahren und auch andere sein lassen, ohne sich durch abweichende Meinungen verletzt zu fühlen.“ In Bibelkreisen etabliert sie eine „Kultur der Achtsamkeit“.

Dass Pratl-Zebinger sich so engagiert, liege an ihrer „evangelischen Mentalität“, meint sie: „Im katholischen Österreich wurden wir ProtestantInnen über Jahrhunderte hinweg nur schwer ertragen. Dem Eigensinn sei Dank! Ohne ihn gäbe es uns heute nicht.“

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/17 – von Andrea Roedig & Petra Klikovits

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