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Dienstboten – verschwundene Leben

Dienstboten führten ein hartes, armes Leben. Sie hinterließen kaum Spuren. Außer in der Erinnerung von Menschen auf den Höfen, wo sie gedient haben. Welt der Frauen-LeserInnen erzählen.

Klare Arbeitsteilung, karger Lohn

Meistens gab es eine große Dirn und eine kleine Dirn. Unsere ledige “Tante Miatz” (Maria), die am Haus geblieben ist, war eine kleine Dirn. Unseren Mitter-Knecht haben wir immer „Tarzan“ (Sepp – Josef Willinger) genannt, weil er so stark war und einen Körperbau wie Tarzan bzw. wie ein Bulle/Bär hatte. Er konnte Getreidesäcke mit ca. 100 kg auf seinen Schultern tragen.

Die große Dirn musste die Kühe (8 Stück) mit der Hand melken und Kühe und Jungvieh füttern, das Futter (Heu) oder Grummet musste der Mitter-Knecht vom Futterboden herunter räumen. Nach dem Melken musste die Milch geschleudert werden. Die Magermilch blieb über, das bekamen die großen Kälber, die kleine Kälber bekamen Vollmilch. Der Rahm wurde in die Molkerei geliefert. Das Melken war eine „wertvollere“ Aufgabe als die Arbeiten im Schweinestall.

Die große Dirn stand als Erste auf in der Früh. Am Samstagvormittag musste die große Dirn den Fußboden in der Stube und im Vorhaus sauber machen. Der Holzboden wurde mit der Bürste geschrubbt. Am Samstagnachmittag, wenn sie mit dem Putzen fertig war, wurden die Suppennudeln für Sonntag gemacht.

Im Sommer gab es viel Arbeit, z.B. beim Heuen mussten alle zusammen helfen. Der Bauer und der Knecht sind schon bald in der Früh auf die Wiese gefahren oder gegangen und haben Heu gemäht. Ich kann mich noch erinnern, da gab es einen Heumäher, der von den Pferden gezogen worden ist. Ansonsten wurde mit der Sense gemäht. Beim Aufladen vom Heu auf den Wagen musste die große Dirn das Heu „fassen“, d.h. das Heu richten, damit die Fuhre nicht abrutschte. Der Bauer und der Mitter-Knecht haben das Heu mit der großen Heugabel aufgeladen. Die Bäuerin und die kleine Dirn und auch größere Kinder mussten nachheuen. Als wir noch kleiner waren mussten wir Kinder das Trinken auf die Wiese oder das Feld bringen.

Am Abend sind alle in der Stube gesessen. Die Frauen haben kleinere Näharbeiten oder Handarbeiten gemacht. Die Stube und Küche waren meist die einzigen Räume, die geheizt wurden.

An bestimmten Tagen gab es auch einen „Feichta“-Nachmittag, da hatten die Knechte und Dirnen frei bis zur Stallarbeit. EinKnecht konnte Zither spielen, dann haben wir gerne zugehört.

Von unserer Tante Miatz kennen wir den Spruch, bezogen auf die Namenstage von Leonhard, Leopold und Martin: „Lehachti, wer fracht di“ (d.h. sinngemäß „Welcher Bauer fragt dich?) (6. Nov.), „Martini, wo bin i?“ (11.11.) („Wo wirst du hinkommen?“), „Lepoldi, wer holt di?“ (15.11.) („Welcher Bauer holt dich ab?“)

Johanna Lackner

Knechte aus dem Kinderdorf

„Wir brauchen Unterstützung“, beschließen Mama und Papa. „Klassische Dienstboten“ am Hof gibt es ja schon länger keine mehr und der unverheiratete Onkel der am Hof wohnt, arbeitet in der Weberei im Ort. Nun suchen Mama und Papa Mithilfe für die Stall- und Feldarbeit:

Es gibt junge Erwachsene vom Kinderdorf, erfahren sie, die vorübergehend eine Anstellung und eine Wohngelegenheit bei einer Familie und auf einem Bauernhof suchen, bis sie eine andere Arbeitsstelle gefunden hätten. Die Kinderdorfmutter besucht uns, sieht sich den Hof und uns als Familie an. Dann gibt sie ihre Einwilligung, dass A. zu uns kommt. Ich schnappe ein paar Erzählbrocken von ihr über andere Kinder aus dem Kinderdorf auf wie: Schläge, süchtige Eltern, Ausdämpfen der Zigaretten auf der Haut des Babys… A. hat sehr viele Geschwister; ein paar leben zu Hause bei seiner Mutter. Er ist ins Kinderheim gekommen und nun kommt er zu uns. Mama näht Vorhänge für sein Zimmer: Gelb, blau, grün, rosa und weiß karierte. Es kommt ein Holzkasten, ein Holzbett mit Matratze, Tuchent und Polster ins Zimmer, ein Tischlein und zwei Sessel. Hübsch und freundlich sieht das Zimmer aus. Ab nun lebt A. für einige Zeit bei uns.

A. bekommt von Papa ein altes Waffenrad geschenkt und wir Kinder lernen ihm das Radfahren. Bei der ersten Fahrt fährt er gleich gerade aus, kann nicht lenken und nicht bremsen und landet mitten in der großen Hollerstaude vor dem Haus. Er und das Rad stecken fest und können nicht nach links oder rechts fallen. A. steigt umständlich ab, wuchtet das Rad mit hochrotem Kopf und einem Schnauben aus dem Holunder und versucht es wieder, das Radfahren. Immer wieder. Er tut sich sehr schwer, das Gleichgewicht zu halten. „Bleib ruhig!“, rufen wir Kinder ihm zu. „Es ist doch ganz einfach…!“ Irgendwann kann A. es. Sonntagabend darf er ab jetzt mit dem Rad zum Stammtisch beim Dorfwirt fahren. Dort ist er der Dorftrottel. Mama und Papa brauchen dann wieder eine Woche lang, um manchen Schmäh zu relativieren und A.s Selbstwert wieder auf zu bauen. Sie legen ihm nahe, nicht mehr dorthin zu gehen. Am Sonntag fährt A. trotzdem wieder hin. Er will selbst entscheiden.

Nach A. kommt G., dem wir auch das Radfahren lernen und der sogar einige Jahr bei uns lebt und mitarbeitet. Nachdem er eine andere Wohn- und Arbeitsstelle bekommen hat, besucht er uns mindestens einmal im Jahr mit seinem Moped. Dann nimmt er uns jedes Mal Gramastettner Krapferl zum Sonntagskaffee mit.

Nach G. kommt Toni zu uns. Toni ist ein alter Mann, der schon immer Knecht gewesen ist und nun vor seiner Pension und Altenheim noch einmal eine Arbeitsstelle bei einem Bauern sucht. Papa nimmt ihn zu uns auf den Hof. Er ist klein, etwas gekrümmt, seine Kleidung ist schon sehr abgetragen und er hat fast keine Zähne mehr; aber er ist zach, beim Arbeiten auf den Hopfenfeldern. Mama kocht, als er das erste Mal bei uns da ist, Topfenknödeln mit Apfelmus, damit er sich mit dem Essen leichter tue. Die möge er absolut nicht, meint Toni. Er isst nur die Vorspeise, die Suppe und das Mus. Die Topfenknödel mit Zuckerbröseln verweigert er. Wir Kinder verstehen das nicht. Dann denkt sich Mama eine List aus:

Die vielen nächsten Male, an denen Mama Topfenknödel kocht, sagt sie jedes Mal, es wären Grießknödel. Der alte zahnlose Toni schlingt dann die Grießknödel mit den Zuckerbröseln schmatzend hinunter – und steckt sogar heimlich, als er meint, es sähe keiner, noch ein paar Knödel in seine Hosentaschen. – So sehr schmecken sie ihm!

Christine Mittermayr

Heinrich, Erwin und Fredl

Ich liebte die Besuche und erst recht die Sommerferien-Tage auf dem Mühlviertler Bauernhof meiner Großeltern.

Das abendliche Scheppern der Milchkannen, das Gurren der Tauben und sogar Omas strenges „Katz aus!“, wenn eine der Hofkatzen es sich in der Stube gemütlich machen wollte.
Das geschah allerdings sehr zum Bedauern der beiden Knechte, Heinrich und Erwin, die die Kätzchen gern mit herein- und an den großen, schweren Tisch nahmen.

Heinrich, der Ältere, war ein sehr gutmütiger, sehr gläubiger Mann. Immer ein Lächeln auf den Lippen. Besonders freundlich wurde sein Gesicht, wenn meine Oma nach einem anstrengenden Einsatz beim Heuen oder der Holzarbeit eine Speckjause kredenzte.

Erwin, der Jüngere, machte sich jeden Samstagabend „fesch“ und fuhr auf seinem Moped in eine der umliegenden Wirtschaften zum Feiern.
Das Schlafzimmer von uns Kindern in der Höh´ – „der Heh“ – lag direkt neben jenem der Knechte.
Ich weiß noch, dass wir abends und am Wochenende immer gut mit volkstümlicher Musik von nebenan versorgt wurden.

Ganz früher war da noch der Fredl. An den erinnerte ich mich als Kind mit besonderer Freude: Hab´ ich ihn doch einmal beim Fingerspiel „Himmel oder Hölle?“ ordentlich hereingelegt: Anstatt blaue und rote Punkte – für Himmel und Hölle – hatte ich nur rote Punkte aufs Papier gemalt. Fredl landete bei jedem Versuch – in der Hölle.

Alexandra Wimmer

Das Hansele und der Peta

Wenn ich an meine Kindheit in den Nachkriegsjahren zurück denke, so sind mir zwei ganz besondere Menschen in lebhafter Erinnerung geblieben: das Hansele und sein jüngerer Bruder, der Peta.

Zwei Bauernsöhne vom Schöderberg in der obersteirischen Gemeinde Schöder.  Der Peta kam zu uns  als ich etwa 14 Jahre alt war. Peta war sprach-  und wohl auch geistig behindert aber sehr pfiffig und ein richtig lieber und  fleißiger Mensch.

Sein Bruder, das Hansele, war Knecht auf einem größeren Bauerhof, der in der Nähe meines Elternhauses eine sogenannte  „Zuhube“ hatte. Den ganzen Winter über oblag es dem Hansele, die in der Hube untergebrachten Rinder zu betreuen. Er wohnte in einer sehr bescheidenen Hütte neben dem Stall. Oft besuchte er seinen Bruder und bekam, da er meist hungrig war, von meiner Mutter immer eine gute Jause.

Das sprachliche Ausdruckvermögen der beiden Brüder war sehr begrenzt. Beide konnten aber einige Bauern in der Nachbarschaft ihres Heimathofes in Sprechweise und Gestik sehr treffend imitieren. Daher wurden sie zum Gaudium der Dorfbewohner immer wieder dazu aufgefordert und bekamen  als Belohnung so manches Gläschen Wein spendiert.

Im Schöderer Gasthof Hirschenwirt hängt in Memoriam ein sehr originelles  Bild. Es zeigt die beiden längst verstorbenen Brüder mit ihren geliebten Tabakpfeifen,  weinselig schmunzelnd in brüderlicher Eintracht.

Irene Schmidt

Gute Seele Berta

Ich bin in einem Gasthof in Niederösterreich aufgewachsen. Viele Angestellte haben viel und schwer gearbeitet. Ein Faktotum unseres Hauses war unsere Berta. Gleich nach Abschluss ihrer Volksschule begann sie bei uns zu arbeiten. Mein Vater war damals ein junger Bub. Berta war für die Zimmer zuständig. Das hieß damals Warmwasser in die Zimmer zu tragen, wieder wegtragen. Heizmaterial in den ersten Stock tragen. Jedes Zimmer heizen. Den Ofen ausräumen und die Asche wieder hinunter tragen. Bettwäsche am großen Trog waschen und bürsten. Im Bach Schwämmen und nach dem Trocknen am Dachboden mit der schweren Rolle glätten. Soviel schwere Arbeit und das 7 Tage die Woche. Zu meiner Schwester und mir war sie wie eine Oma.

Nach dem plötzlichen Tod unseres Vaters ist sie jeden Abend bei meiner Schwester im Gasthaus aufgeblieben und hat sie beschützt. Sie war ein Familienmitglied und ist von meiner Kindheit nicht wegzudenken.

Dienstboten und besonders Berta waren ganz wichtig für uns. Immer war sie positiv und die Gäste hat sie verwöhnt.

Susi Kinner

Fini und die Herrschaft

Meine Gedanken sind des öfteren bei Fini (Josefine M.), die als eines von vielen Kindern einer steirischen Bauernfamilie nach Wien in eine Arztfamilie als Mädchen für alles vermutlich in den Dreißigerjahren geschickt wurde.

Die Wohnung mit Ordination ging über die ganze Etage einer Ringstraßenwohnung. Fini steckte man in das kleinste Kammerl, mit Fenster in den Lichtschacht, aber dort hielt sie sich ohnehin nur zum Schlafen auf. Sie fiel vermutlich nach ihrer Tätigkeit als Putzfrau, Köchin und Betreuerin der vier Kinder erschöpft ins Bett.

Nach dem Flüggewerden der Kinder und dem Tod der „Herrschaft“ blieb sie allein zurück.

Ein renommiertes Unternehmen adaptierte die Wohnung für seine Zwecke, übernahm Fini als Bedienerin im Angestelltenverhältnis und errichtete für sie eine kleine Wohnung mit eigenem Eingang. Fini konnte über den Pensionsantritt hinaus dort wohnen bleiben.

Erst als es ihr gesundheitlich nicht mehr gut ging, kehrte sie an ihren Heimatort zurück.
Sie verbrachte die letzten Lebensjahre im dortigen Altersheim.

Christine Graf

Großmutter und ihre Schwestern

Meine Großmutter wurde 1896 – als jüngstes Mädchen von insgesamt fünf – geboren. Die Mutter starb bei ihrer Geburt, die älteste Schwester war damals sieben Jahre alt. Der Vater lenkte noch in derselben Woche sein Pferdefuhrwerk in einen hochwasserführenden Fluss. Zurückgeblieben sind fünf Waisenkinder. Sie wurden einzeln unter der Verwandtschaft aufgeteilt – zwei „unedige Esser“  wollte schon gar niemand.

Das Leben meiner Großmutter und die meiner vier Großtanten gestaltete sich in wirklich unfassbaren Biographien, die alles beinhalteten,  was man heute für eine gute Netflix-Serie verwenden könnte. Bereits im Kindesalter erlebten sie sämtliches, was wir heute unter  seelischen und körperlichen Missbrauch  einordnen würden und sobald die allernötigste Schulausbildung abgeschlossen war – bisweilen nicht einmal die – kamen sie „ins Verding“ oder „gingen in Posten“.

Als Mägde, Stubenmädchen, Küchenhilfen und Taglöhnerinnen auf dem Land gab es dort Betten auf denen im Winter der Schnee lag und sie schlichen sich HEIMLICH in den Stall zu den Kühen. Bei der einen Herrschaft als Stubenmädel  aufgenommen, schob man abends eine schwere Kommode vor die Türe, um vor dem Sohn des Hauses sicher zu sein. Die Folge eines versehentlich zu heiß gewaschenen Tischtuches, war das Einsperren in einem Keller für 2 Tage und 2 Nächte. Der Biss einer Ratte, die dort in Scharen hausten,  bewirkte, dass eine meiner Großtanten daraufhin einen Finger verlor. Alle  Geschichten gesammelt, würden Bücher füllen.

Ich hatte das große Glück, meine Großmutter und alle meine wunderbaren Großtanten zu erleben, als ich selber schon erwachsen war. Keine von Ihnen starb vor ihrem neunzigsten Lebensjahr. Sie waren  Mütter und Großmütter geworden, lebten mittlerweile alle in gesicherten Verhältnissen und  hatten ihre Verbindung untereinander erstaunlicherweise nie verloren. Niemanden liebte ich als Hausgäste  mehr, als meine lebensklugen und fröhlichen Großtanten.

Ich selber bin in einem Geschäftshaushalt groß geworden und wir hatten immer „Personal“. Das war für mich ganz selbstverständlich und auch jetzt im Nachhinein nichts Ungewöhnliches.  Es wäre gar nicht anders gegangen.

Was mir aber doch als ungewöhnlich in Erinnerung geblieben ist, das ist die Form des Umganges meiner Großtanten und auch meiner Großmutter mit unserem „Personal“.  Wir hatten  keine Greti keine Anni und keinen Gustl, waren aber auch nicht per Sie mit ihnen: Als recht sonderbare Mischung aus Nähe und Distanz, ergaben sich die Anreden „Du Frau Moser“  oder  „Du Frau Mayrhofer“ und „Du Herr Weidinger“.

Irgendwie haben alle trotz einer Kindheit und Jugend, in der es bestimmt dafür nicht die besten und häufigsten Vorbilder gegeben hat,  als Erwachsene eine bewundernswerte Herzensbildung  erlangt und mir vorgelebt.
Unter anderem  wohl, weil sie nie vergessen hatten, woher sie kamen.

Irene Mitter

„Welt der Frauen“ Ausgabe Mai 2021

 

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Foto: Pixabay (Oldiefan, Reinhard Thrainer, Ruby Stein), Pexel/Lumn

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