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Im nördlichsten Kinderheim der Welt, auf der Insel 
Uummannaq in Grönland, machen sich junge Inuit auf die Suche nach ihren Wurzeln und finden dabei eine Zukunft.

Es gibt ein Märchen, das jedes Kind in Grönland kennt und das die Menschen seit ungezählten Jahren weitertragen. Es ist die Geschichte von Kaassassuk: Die DorfbewohnerInnen verspotten den kleinen Waisenjungen als Schwächling, quälen und verstoßen ihn. Er lebt allein und schläft bei den Hunden – bis er in der Wildnis auf einen Zau­berer trifft, der ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Am Ende ist ­Kaassassuk ein unbesiegbarer Jäger, der drei Eisbären bezwingt.

„In jedem meiner Kinder steckt ein kleiner Kaassassuk“, sagt Ann ­Andreasen, und sie ist die Zauberin, die sie stark machen will: eine kleine Frau, 57 Jahre alt, mit dunklem Lachen und weichem Blick. Mitten in der arktischen Einöde, wo sich die Kälte bei minus dreißig Grad durch die Kleidung frisst, leitet sie das nördlichste Kinderheim der Welt, eine Festung aus Geborgenheit für 35 Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 20. „Weil sie Unvorstellbares erlebt haben, haben sie es verdient, auf Uummannaq endlich glücklich zu sein“, sagt Ann. Knapp 600 Kilometer nördlich vom Polarkreis entfernt liegt die magische kleine Insel, auch sie ist wie einem Märchen entsprungen, weiß glitzernd, felsig und rau. Scharf zeichnen sich die Konturen des Bergs ab, der dem Ort den Namen verliehen hat: der Robbenherz­förmige. ­Uummannaq ist kein Platz, zu dem man leicht gelangt, und keiner, an dem es sich leicht lebt. Nur 1.500 Menschen wohnen hier und doppelt so viele Schlittenhunde. Sie liegen an Ketten auf dem Packeis, das die Insel im Winter einschließt. Boote sind darin festgefroren, wuchtige Eisberge glitzern in der Sonne. An die schroffen Hänge schmiegen sich bunte Häuschen wie hingewürfelte Legosteine.

Dort, wo sich die Straße vom Herzberg nach unten schlängelt, sausen an einem kalten Nachmittag zwei kreischende Kinder mit ihren Schlitten hinab, vorbei am roten Schulhaus und dem einzigen Supermarkt, hinunter zum Hafen mit der großen Fischfabrik. In der Dämmerung ziehen Dharma und Amy mit glühenden Wangen und glänzenden Augen mit ihren Schlitten nach Hause zurück, hoch zu dem holzvertäfelten blauen Haus, wo bemalte Robbenhäute neben die Tür gespannt sind und hinter den Fenstern Kerzen leuchten.

Amy ist eine leise Siebenjährige, mit Hasenzähnchen und seidigem Haar, der gleichaltrige Dharma ein aufgeweckter, oft überdrehter kleiner Junge. Zärtlich nimmt Ann ihre beiden Jüngsten zur Begrüßung in die Arme. Aus den Zimmern der anderen Kinder dringen Klaviermusik und Gitarrenklänge. Es duftet nach warmen Zimtbrötchen. „Hyggelig“, sagen die DänInnen, wenn es gemütlich ist. Kein Wort passt besser zu dem Reich, das Ann Andreasen geschaffen hat. Überall liegen flauschige Teppiche und Felldecken, Walrossschädel und Schnitzfiguren aus Knochen, Tupilak, stehen auf den Regalen. Die Seelen der Ahnen leben in ihnen, so will es der Aberglaube. An den Wänden hängen Fotos von Konzertreisen der Kinder. Sie zeigen sie mit Blumenketten am Strand von Hawaii, mit ihren Musikinstrumenten in Venezuela, mit Daisy Duck in Disneyland Paris. Ann will ihre Welt größer machen. Doch vor allem sollen sie lernen, ihr eigenes, ungezähmtes Land zu lieben. Und damit sich selbst. „Den Kindern zu zeigen, dass sie einer wunderschönen Kultur entstammen, hilft ihnen, zu verstehen, wie wunderschön und wertvoll sie sind.“ Es hilft ihnen, zu überleben.

AUF DÜNNEM EIS
Wer die Kinder und das Heim verstehen will, muss die Vergangenheit Grönlands kennen. „Lange folgten die Inuit den Spuren ihrer Vorfahren, aber die Spuren verschwinden“, erzählt Ann. Um ihren Hals trägt sie einen aus dem Knochen eines Narwals geschnitzten Eisbären. Sie sitzt in ihrem kleinen Büro auf ihrem Stuhl, bespannt mit glänzend grauem Robbenfell. Seit jeher sind die Grönländer JägerInnen, fangen Wale, Rentiere und Robben, angeln Dorsch und Heilbutt. Doch der Klimawandel lässt das Eis immer früher schmelzen, und mit ihm schwinden die Traditionen, die Jagdgründe, die Hundeschlitten und damit Stolz und Identität. Ann malt einen Inuk in Fellkleidung auf ein Blatt Papier. Sie zeichnet ein weinendes Kind anstelle des Herzens und eine Scholle unter die Füße: „Meine Kinder stehen auf dünnem Eis. Unsere Aufgabe ist es, den Boden unter ihren Füßen dicker zu machen.“ Denn der unerbittliche Wandel trifft vor allem die Schwächsten. Das hat Ann in ihrer Zeit als Heimleiterin gelernt. Sie stammt von den Faröer-Inseln, lebte in Israel, wo sie mit Überlebenden von Konzentrationslagern ­arbeitete, zog mit Beduinen durch die Wüste von Sinai. „Dann kam ich in die Eiswüste.“ 30 Jahre ist das her. In blauen Ordnern verwahrt Ann die Akten über die Schicksale all der Jungen und Mädchen, die sie seitdem begleitet hat. Um sie zu schützen, will sie nicht darüber sprechen, was die Einzelnen erlebt haben. Doch jedes der Kinder trägt einen tiefen Schmerz in sich. Die meisten von ihnen haben sexuellen Missbrauch und Gewalt erfahren. Ihre Eltern sind AlkoholikerInnen, überfordert mit der Erziehung, depressiv. Oder tot. Jedes der Kinder kennt mindestens einen Angehörigen oder Freund, der sich umgebracht hat. „Selbstmord ist in Grönland wie eine Epidemie“, sagt Ann. Sie übertrage sich von den Erwachsenen auf ihre Kinder. Und vor allem junge Menschen seien gefährdet. Davon erzählen die Strangulationsspuren an den Hälsen einiger der Jugendlichen. Ann Andreasen weiß, dass sie nicht alle Kinder retten kann: „Aber zumindest eine Kindheit kann ich ihnen schenken.“

MUSIK IST WIE MEDIZIN
Im großen Esszimmer tischt Sozialpädagogin Rebekka, eine schmale, sanftmütige Grönländerin, das Abendessen auf: In der Fischsuppe schwimmt gewürfelte, glänzend schwarze Walhaut. Die Kinder halten sich an den Händen, sie beten für ihr tägliches Fleisch. Solche festen Rituale sollen ihnen eine Sicherheit geben, die sie aus ihrem früheren Leben nicht kennen. Kaum sind die Teller abgeräumt, holen sie ihre Instrumente. Musik, davon ist Ann überzeug, ist wie eine Medizin. Viele der zappligen Kinder werden ganz ruhig und andächtig, wenn sie eine Geige in der Hand halten. Im Heim spielen sie nicht nur klassische Musik, sie lernen auch den grönländischen Kehlkopfgesang, der wie ein dunkles Gurren klingt, die alten Lieder ihrer Vorfahren.

Fünf junge Mädchen singen von der Seehundjagd und tanzen lachend dazu: Wie Jäger blicken sie in die Ferne, ahmen die Tauchbewegungen einer Robbe nach, erheben die unsichtbaren Harpunen. Die Jungen schlagen schneller und schneller auf ihre Trommeln. Dann sind Amy und Dharma an der Reihe. Mit baumelnden Beinen sitzen sie auf ihren Stühlen, alle Augen sind auf sie gerichtet. Dharma bläst in seine kleine rote Plastikflöte, doch er schafft es nicht, ihr die richtigen Töne zu entlocken. Er schmeißt die Flöte auf den Boden und sieht aus, als würde er entweder gleich in Tränen ausbrechen oder vor Wut schreien. Doch Ann nimmt ihn auf den Schoß und flüstert ihm etwas ins Ohr. Dharmas Augen leuchten. Er setzt die Flöte wieder an und spielt eine Melodie. Ann lächelt zufrieden. Unter die Musik mischt sich das leise Jaulen der Hunde aus der Dunkelheit.

Es gibt ein Lied, das die Kinder oft gemeinsam singen: Wer einmal in Uummannaq war, der kehrt immer wieder dorthin zurück, weil er irgendwo auf der kleinen Felsinsel sein Herz verloren hat.

Infos zum Projekt finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/17